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Aktienindex FTSE : Die Börse London im Schatten des Brexit

Über der Börse London liegt die Brexit-Unsicherheit wie eine düstere Wolke. Bild: Reuters

Die Angst vor einem unkontrollierten Austritt Großbritanniens aus der EU drückt auf die Börsenstimmung im Königreich. Aber auch zwei andere Faktoren lasten auf den Kursen.

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          Über der Börse London liegt die Brexit-Unsicherheit wie eine düstere Wolke. Auch zwei andere Faktoren lasten auf den Kursen: das schwächere Wachstum der Weltwirtschaft wegen des amerikanisch-chinesischen Handelsstreits sowie die sinkenden Zinsen, die höhere Rückstellungen der Unternehmen für künftige Pensionszahlungen erforderlich machen. Der britische Aktienindex FTSE 100 der größten hundert börsennotierten Unternehmen war seit Ende Juli in der Spitze um 8 Prozent gefallen. Am Montag jedoch legte er um 1,2 Prozent zu und überstieg erstmals seit einem Monat kurzzeitig die Marke von 7300 Punkten.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Seit Jahresbeginn hat der FTSE 100 sogar mehr als 10 Prozent zugelegt, schnitt aber gegenüber dem Weltindex MSCI World um 6 Prozent schlechter ab. „Die Brexit-Unsicherheit ist aber nicht die Hauptursache“, urteilt Sharon Bell von die Investmentbank Goldman Sachs in einer Analyse. Da die in London gehandelten multinationalen Unternehmen mehr als 70 Prozent ihrer Umsätze außerhalb des Königreichs erzielen, sieht Goldman Sachs als wichtigste Faktoren globale Trends, vor allem den Handelskrieg zwischen Amerika und China und den Zinsverfall, der Konzerne mit großen Pensionsverpflichtungen belastet.

          Am meisten leiden unter den globalen Wachstumssorgen derzeit Rohstoffproduzenten wie etwa der Ölriese BP. Dessen Aktienkurs ist seit seinem Zwischenhoch im April um mehr als 15 Prozent gefallen. Die meisten Analysten halten BP, die gerade für 5,6 Milliarden Dollar ihr Alaska-Geschäft verkauft haben und mit guten Dividenden glänzen, nun aber für eine Kaufgelegenheit.

          Verlierer in diesem Jahr sind auch die Autozulieferer, die Telekom-, Chemie- und Bankenwerte, die seit Jahresbeginn rund 5 Prozent einbüßten. Zu den stärksten Gewinnern zählen dagegen Gesundheits- und Pharmawerte mit durchschnittlichen Kursgewinnen von 25 Prozent (etwa Astra-Zeneca) sowie Produzenten von Konsumgütern, so etwa der Spirituosenhersteller Diageo, dessen Aktienkurs um ein Drittel zulegte, und die Baubranche.

          Konjunktur deutlich eingetrübt

          Die Abwärtsbewegung des Pfundes, die im März begann und teils Brexit-, teils Wachstumssorgen spiegelt, ist für die Aktien vieler britischer Unternehmen eher ein positiver Faktor. „Es klingt paradox: Wenn das Pfund Sterling fällt, ist das gut für die Gewinne der großen Unternehmen, weil sie 70 Prozent ihrer Einnahmen im Ausland in anderen Währungen machen“, sagt Peter Dixon von der Commerzbank.

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          Das trifft aber mehr auf die ganz großen Unternehmen zu, die im FTSE 100 gelistet sind. Der breiter gefasste FTSE 250 enthält mehr Unternehmen, die ihr Hauptgeschäft im Inland machen und deren Gewinne unter hohen Importkosten leiden. Der Index der 250 Unternehmen hat sich seit Jahresbeginn aber auch gut geschlagen und ist um rund 13 Prozent gestiegen.

          Nun jedoch hat sich die Konjunktur deutlich eingetrübt: Der Index der Erwartungen der Einkaufsmanager in der Industrie ist im August auf den niedrigsten Stand seit Juli 2012 gefallen. Dagegen hält sich die Dienstleistungsbranche besser, die in Großbritannien 80 Prozent der Volkswirtschaft ausmacht. Andrew Wishart von Capital Economics glaubt, dass trotz der Schrumpfung im zweiten Quartal eine Rezession vermieden werden kann. „Es sei denn, es gibt einen No-Deal-Brexit“. Mitte August fiel der Kurs des Pfunds inmitten der Brexit- und Wachstumssorgen mit 1,064 Euro gegenüber dem Pfund auf ein Zehnjahrestief und mit weniger als 1,21 Dollar auf ein Zweieinhalbjahrestief zum Greenback. Inzwischen hat sich die britische Währung zum Euro wieder etwas erholt und das Pfund wird mit 1,10 Euro gehandelt.

          FTSE100

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          Die gestiegene Wahrscheinlichkeit eines ungeordneten EU-Austritts ohne Austrittsabkommen seit dem Rücktritt von Premierministerin Theresa May und der Amtsübernahme durch Boris Johnson hat die Anleger verunsichert. Nach Angaben des Datenanbieters EPFR haben Investoren seit Ende Juli mehr als vier Milliarden Dollar aus britischen Aktienfonds abgezogen. Der Kursverfall an der Londoner Börse scheint einigen Analysten aber überzogen. Der britische Aktienmarkt sei derzeit „ungeliebt und billig“, sagt Neil Dwane, ein Stratege von Allianz Global Investors. Johnsons Regierung habe es mit ihrer positiven Rhetorik noch nicht geschafft, die Anlegerstimmung zu drehen.

          Machtkampf spitzt sich zu

          Nun spitzt sich der Machtkampf zwischen Regierung und Parlament zu, Oppositionsführer Jeremy Corbyn möchte Johnson per Misstrauensvotum stürzen und an die Spitze einer Übergangsregierung gelangen. Vielen Unternehmern erscheint der Labour-Anführer als Schreckgespenst, das sie mindestens so sehr wie einen chaotischen No-Deal-Brexit fürchten.

          Zu Corbyns umstrittenen Vorhaben gehört, zehn Prozent des Kapitals größerer Unternehmen zu enteignen und an die Belegschaft zu übertragen. Am Montag erschreckte viele in der City eine Berechnung der „Financial Times“ und der Anwaltssozietät Clifford Chance. Demnach könnte eine solche Eigentumsübertrag die Anteilseigner an die 300 Milliarden Pfund kosten.

          Der Labour-Chef möchte außerdem erhebliche Teile der Wirtschaft verstaatlichen, etwa die Energiekonzerne British Gas, SSE, Npower und Scottish Power, aber auch die Werke der deutschen Eon und der EdF Energy, Tochtergesellschaft des französischen Staatskonzerns EdF. Den Eigentümern möchte Corbyn weniger als den aktuellen Markt- beziehungsweise Börsenwert zahlen. Das könnte noch für große Kontroversen sorgen. Der Politikwissenschaftler Wyn Grant von der Universität Warwick warnte, Labour würde internationales Recht brechen, wenn es die Unternehmen so enteigne.

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