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Krisenindikator : Die Würfel fürs Gold sind noch nicht gefallen

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„Goldige Zeiten“ während die Welt am Abgrund steht? Die technische Analyse zum Goldpreis in Krisenzeiten. Bild: dpa

Ist das Edelmetall wirklich ein guter Krisenindikator? Und leben wir deshalb vielleicht bald in „goldigen Zeiten“, aber die Welt befindet sich am Abgrund? Die technische Analyse.

          Die meisten Beobachter werden wohl intuitiv zustimmen: In Krisenzeiten steigt der Preis fürs Gold, und sobald sich eine Entspannung der Lage abzeichnet, fällt er wieder. Gerade die vergangenen Wochen könnten davon ja auch ein beredtes Zeugnis abgelegt haben: Seit Nordkorea seine Drohungen mit Worten und Taten extrem verschärft hat, gewann die Feinunze mehr als 10 Prozent hinzu und durchbrach dabei sogar den seit 2012 intakten langfristigen Abwärtstrend.

          Aber stimmt denn das wirklich? Ist Gold wirklich ein tauglicher Krisenindikator? Es klingt schon an: Ich habe da so meine Zweifel. Aus dem abgebildeten Chart lässt sich dergleichen nicht ableiten. Vom 2000 bis 2011 stieg der Goldpreis einfach nur ohne großes Hin und Her ziemlich geradlinig und stetig an. Ob Krise oder Nichtkrise: Dem Goldpreis war es damals weitestgehend einerlei, was in der Welt los war. Zugegeben: Zu Zeiten als die Internetblase platzte und später Lehman den Gang alles Irdischen antrat, konnte der steigende Goldpreis mit diesen Krisen erklärt werden. Aber was war etwa in den Jahren 2003 bis 2007? In trauter Eintracht gewannen Dax und Gold gemeinsam erheblich hinzu – und nur notorischen Nörgler und unverbesserliche Pessimisten nahmen damals das Wort „Krise“ in Mund.

          Irgendwann kommt schon das heraus, was man sehen will

          Wer will, der könnte natürlich den seit dem Winter 2011/12 einsetzenden Rückgang des Goldpreises, verbunden mit dem gleichzeitigen Anstieg des Dax, als Bestätigung für die eingangs erwähnte These erleben. Aber ob diese Zeit wirklich krisenfrei war, dürfte zumindest strittig sein. Denken wir an die diversen Griechenland-Rettungen und die damit verbundene existentielle Sorge um den Euro.

          Natürlich könnte ich auch nach dem Motto, was nicht passend ist, wird passend gemacht, den Gold-Chart in Euro nehmen, mit dem Dow Jones indizieren, das Ganze invertieren und dann noch ein wenig hin und her schaukeln. Irgendwann käme dabei schon heraus, dass Gold in Krisenzeiten steigt und umgekehrt. Aber das ist ja nicht Sinn und Zweck der Übung. Es geht darum, Charts einander gegenüberzustellen, die wirklich beachtet werden, und nur aus ihnen, soweit wie möglich, objektive Erkenntnisse abzuleiten.

          Ja: Ich ziehe die Krisenindikationsfunktion des Goldpreises erheblich in Zweifel. Mit den verfügbaren Charts ist sie auch nur sehr bedingt nachweisbar. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Wenn das Ergebnis meiner Analyse lauten sollte, dass wir „goldigen Zeiten“ entgegengehen, dann ist diese Prognose für mich nicht gleichbedeutend damit, dass unsere Welt mal wieder am Abgrund steht. Wie geht es also nun – wahrscheinlich – weiter? Ganz ohne Zweifel ist die jüngste Gold-Rally analytisch beachtenswert. In ihrem Verlauf konnte Gold bislang nicht nur die Unterstützungszone zwischen 1190 und 1210 Dollar nachhaltig bestätigen, sondern auch noch, wie schon eingangs angesprochen, den im Chart rot eingezeichneten Abwärtstrend überwinden.

          Goldbären sollten Entwicklungen wie diese nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie deuten im Regelfall darauf hin, dass die Luft nach unten weitgehend raus und für viele Investoren neue Phantasie nach oben entstanden ist. Darüber hinaus können die Muster der Kursentwicklung der vergangenen vier Jahre zwischen rund 1050 und 1380 Dollar als klassische Bodenbildung gewertet werden: Es geht viel hin und her, das Niveau verändert sich dabei per saldo nur bedingt, und die Ausflüge nach unten werden nicht mehr angenommen oder mehr oder weniger zu Momentaufnahmen degradiert.

          Wahrscheinlichkeit für Ausbruch hat zugenommen

          Was nun bis vor ein paar Wochen noch fehlte, war zweierlei. Zum einen neu aufkommende Dynamik bei steigenden Preisen. Das ist geschehen. Die Sahne auf der Torte wäre nun zum anderen die Überwindung des außergewöhnlich massiv ausgeprägten Widerstandsbandes zwischen 1370 und 1380 Dollar. Spätestens dann befände sich die Feinunze Gold wieder in einem langfristigen Aufwärtstrend. Dessen Ziel sollte zumindest in Sichtweite der bisherigen Bestmarken bei 1900 Dollar liegen.

          Wird die Feinunze diesen Rubikon zwischen 1370 und 1380 Dollar in der überschaubaren, Zukunft überwinden? Ehrlich gestanden möchte ich darauf noch keine Wetten annehmen. Sehr langfristige Bodenbildungen haben ihre Tücken. Sie werden auch nach meinen Beobachtungen von meiner Zunft weit öfter erwartet, als sie tatsächlich stattfinden. Bemerkenswert ist aber auf jeden Fall, dass die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Ausbruch nach oben in den vergangenen beiden Monaten deutlich zugenommen hat. Mich stört die lässige Lust am Untergang, mit der mancherorts ein Goldpreisanstieg herbeigesehnt wird. Nichts kann besser sein als das, was wir gerade erfahren: Wohlstand in Frieden und Freiheit. Dafür sollten wir uns engagieren – und nicht für den Untergang präparieren. Aber egal, ob Gold nun steigen wird oder nicht: Die Welt wird sich weiter drehen. Ganz sicher. Wetten?

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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