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Krisencocktail : An den Märkten wächst die Angst

Weltweite Krisen besorgen die Märkte: Könnten die verschiedenen Auswirkungen zu einer Abwärtsspirale führen? Bild: dpa

Schwache Bilanzen und gesenkte Wachstumsprognosen würgen den kurzen Aufschwung am deutschen Aktienmarkt schon wieder ab. Hinzu kommt die Unberechenbarkeit weltweiter Krisen. Wie geht es weiter?

          Es war ein schwieriger Spagat, den Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing in der vergangenen Woche auf dem Neujahrsempfang in den Frankfurter Doppeltürmen vorführen musste: Einerseits galt es, Optimismus zu versprühen und den versammelten Kunden nicht die Laune am Geschäftemachen zu verderben. Auf der anderen Seite scheint die Liste potentieller Risiken für die Konjunktur und die Kapitalmärkte, die er aufzählte, ständig länger zu werden. Der ungeklärte Brexit, die Handelskonflikte, die in den vergangenen Jahren gestiegene Verschuldung auf der Welt. Jedes Risiko sei vielleicht beherrschbar, lautete Sewings Quintessenz, aber wenn aus dem „Krisencocktail“ mehrere Negativszenarien zusammenfielen, könnte es schwer werden.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wie fragil die Aktienmärkte in dieser Gemengelage sind, haben die vergangenen Tage gezeigt. Zwar hatte zum Beispiel der deutsche Leitindex Dax nach dem schwarzen Jahr 2018 seit Beginn des Jahres einen beeindruckenden Aufschwung erlebt. Im Januar bei 10.423 Punkten gestartet, brachte er zu Beginn dieser Handelswoche fast 1000 Punkte mehr auf die Waage. Doch allein am Donnerstag musste der Dax dann 2,7 Prozent einbüßen und rutschte zwischenzeitlich wieder unter die Marke von 11.000 Punkten.

          Einzelne Werte wie die Deutsche Bank (minus 6,3 Prozent) und Daimler (minus 5,3 Prozent) verloren sogar deutlich mehr; ganz zu schweigen von dem Zahlungsdienstanbieter Wirecard, der nach einem weiteren Bericht über krumme Machenschaften schon das dritte Mal innerhalb von zwei Wochen unter die Räder kam. Am Freitag beruhigten sich die Märkte zwar zunächst wieder, fielen aber zur Mittagszeit wieder unter die Marke von 11.000 Punkten.

          War es das also schon wieder mit dem Börsenaufschwung 2019? Marktbeobachter verweisen vor allem auf die vielen schwachen Geschäftszahlen, welche die Unternehmen in der bisherigen Berichtssaison vorgelegt haben. Der Gewinneinbruch, den Daimler am Mittwoch präsentieren musste, stand exemplarisch dafür. Aber auch so unterschiedliche Unternehmen wie der Maschinenbauer Gea und der Reisekonzern TUI bereiteten ihre Aktionäre auf schwache Zahlen vor. Von den Unternehmen im europäischen Aktienindex Stoxx 600 hat ein Drittel bislang seine Zahlen präsentiert; nicht einmal die Hälfte konnte die Prognosen übertreffen.

          Warnung vor den bekannten Unbekannten

          Gelassen gibt sich Martin Lück, der Kapitalmarktstratege des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock für den deutschsprachigen Raum: „Die Unternehmensgewinne sprudeln nicht mehr ganz so üppig, ganz versiegen werden sie aber kaum. Die gerade laufende Berichtssaison verläuft unspektakulär.“ Das wertet er als positives Signal. Dennoch warnt er vor den vielen „known unknowns“, also den bekannten Unbekannten. Im Handelskonflikt zwischen Amerika und China macht Lück allerdings etwas Entspannung aus, ein harter Brexit erscheint ihm ebenfalls inzwischen weniger wahrscheinlich. Mit Sorge betrachtet er dagegen die Entwicklung in Venezuela: „Ein Bürgerkrieg in diesem großen und rohstoffreichen Land, eventuell mit Eingreifen amerikanischer Streitkräfte, wäre ein möglicher Auslöser neuer Marktturbulenzen.“

          Viele Aktienanleger verlieren indes offensichtlich die Zuversicht, wie die fallenden Kurse nicht nur an der deutschen Börse, sondern auch im europäischen Index Euro Stoxx 50 und an den amerikanischen Börsen belegen. An den Anleihemärkten ist dagegen steigende Nachfrage zu spüren. Dort verzeichnen Bundesanleihen seit Tagen Kursgewinne, die auch auf Umschichtungen aus dem Aktienmarkt zurückzuführen sind. Aufgrund des Kursanstiegs ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe am Freitag auf 0,1 Prozent gesunken. Inzwischen liegen die meisten Bundesanleihen sogar wieder im negativen Renditebereich. Bis zur Fälligkeit im Juli 2028 steht vor der Rendite dieser Wertpapiere ein Minuszeichen.

          Der Renditerückgang ist Ausdruck der am Markt sich immer stärker ausbreitenden Erwartung ausbleibender Zinserhöhungen der Notenbanken. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte nach Ansicht der Commerzbank-Analysten ihren Ausblick unveränderter Zinsen mindestens bis zum Ende des Winters ausweiten, nachdem die EU-Kommission ihre Wachstumsprognosen für den Euroraum deutlich gesenkt hatte. Bislang hatte die EZB unveränderte Zinsen bis Ende des Sommers erwartet. Die Commerzbank-Analysten erwarten ebenso wie die Kollegen von der Bayerischen Landesbank bald einen Test der Renditemarke von null Prozent der zehnjährigen Bundesanleihe.

          Mit Blick auf die amerikanische Geldpolitik, die zuletzt von der Normalisierung der Zinsen abrückte, bleibt Blackrock-Fachmann Lück aber skeptisch. „Ob die Fed wirklich über das ganze Jahr die Füße stillhält, obwohl der Arbeitsmarkt weiter auf vollen Touren läuft und auch die Industrie weiter von den Steuersenkungen zu profitieren scheint, wie an den Daten der letzten Woche abzulesen, ist eine offene Frage. Gut möglich, dass schon in wenigen Monaten der Blick auf die Leitzinsen wieder ein anderer ist.“

          Anders als sonst in unsicheren Zeiten, konnte der Goldpreis zumindest in vergangenen Woche nicht mehr stark profitieren. Höheren Preisen dürfte hier nach Ansicht der Commerzbank aber auch der festere Dollar entgegenstehen.

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