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Geldschöpfung : Wie kommt das Geld in die Welt?

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Weshalb sollte das Schülerbuch der Bundesbank eine auf den Kopf gestellte Version des Geldsystems vermitteln? Der Multiplikator-Mythos vermittelt das Bild einer exogen begrenzten Geldschöpfung. Diese Kontrollillusion kommt der Zentralbank entgegen: Wer glaubt, die Zentralbank halte die Zügel des Geldgespanns fest in Händen, fürchtet nicht, dass die Pferde jeden Moment in einen inflationären Galopp fallen könnten. Insofern erfüllt der Multiplikator-Mythos eine ganz ähnliche Funktion wie der Mythos des Goldes.

Nun hat die Bundesbank das Schülerbuch jedoch im Nachgang der globalen Finanzkrise überarbeitet. Seit 2010 erklärt das Schülerbuch die Geldschöpfung mit Hilfe von T-Konten, die Geldschöpfung als eine Bilanzverlängerung verständlich machen: Ein neuer Kredit stellt eine Forderung der Geschäftsbank gegenüber dem Kreditnehmer dar. Dieser gegenüber steht das neue Guthaben des Kreditnehmers – Buchgeld ist eine Verbindlichkeit der Geschäftsbanken. Der Geldschöpfungsmultiplikator spielt in dieser neuen Darstellung keine Rolle mehr.

Was bewog die Bundesbank, die Darstellung des Geldschöpfungsprozesses vom Kopf auf die Füße zu stellen? Wie der Ökonom Beat Weber in einem neuen Buch dokumentiert, formierten sich im Kontext der Finanzkrise Bewegungen, die radikale Reformen des Geldsystems forderten. Aus dem Umfeld der Bundesbank ist zu hören, dass die Krise zu einem dramatischen Anstieg von Bürgeranfragen zum Geldsystem führte. Doch kann das gestiegene öffentliche Interesse allein erklären, weshalb die Stunde des Multiplikator-Mythos ausgerechnet nach der Finanzkrise geschlagen haben sollte?

Neue kommunikative Herausforderungen

Die Bundesbank war nicht die einzige Zentralbank, die ihre Kommunikation zum Geldschöpfungsprozess nach der Finanzkrise umkrempelte. Die Bank of England etwa produzierte Papiere und Videos, die erstmals den Multiplikator als Mythos entlarvten und die wahre – geringe – Bedeutung der Mindestreserve erläuterten. Die Bundesbank veröffentlichte 2017 ein ganz ähnliches Papier sowie mehrere Videos, welche die Analyse des neuen Schülerbuches weiter vertieften.

Zentralbanker standen also vor einer völlig neuen kommunikativen Herausforderung. Die Zentralbankgeldmenge hatte sich durch die Anleiheankaufprogramme der Bank of England und der EZB vervielfacht. Per Multiplikator-Theorie musste dies, bei einem Mindestreservesatz von einem Prozent, zu einer Buchgeldmengen-Vervielfachung solchen Ausmaßes führen, dass die Sache nur in galoppierender Inflation enden konnte. Die EZB hielt diese Theorie für hinreichend einflussreich, um sie im Mai 2012 ausdrücklich zurückzuweisen, wenngleich mit geringem Erfolg: Warnungen vor „Hyperinflation“ waren damals in den deutschen Medien genauso allgegenwärtig wie heute der – übrigens gegenläufige – Jammer über „Niedrigzinsen“.

Unter dem neuen geldpolitischen Regime des Quantitative Easing hatte der Multiplikator-Mythos des alten Schülerbuchs ausgedient. Während der Mythos ehemals, indem er die Macht der Zentralbank über die Buchgeldschöpfung übertrieb, eine beruhigende Kontrollillusion vermittelte, implizierte er nun einen unweigerlichen Kontrollverlust. Kein Wunder also, dass die Zentralbanken seitdem eine andere, korrektere Sichtweise auf die Geldschöpfung vermitteln wollen.

Geld ohne Gold und ohne Multiplikator-Mythos – ganz wohl ist den Zentralbanken bei dieser „völligen Lösung von jedem, die Geldquantität einschränkenden Substanzwert“ dennoch nicht. So erklärte ein junger britischer Ökonom im Video die Unabhängigkeit der Buchgeldschöpfung vom Zentralbankgeld im Keller der Bank of England, umgeben von Stapeln von Goldbarren.

Und die Bundesbank? Nachdem sie die 2013 beschlossene Verlagerung ihrer Goldbestände aus dem Ausland 2017 abgeschlossen hatte – 50,6 Prozent des Goldes lagern nun in Deutschland –, drängte die Bundesbank jüngst auf den Buchmarkt. Im Hochglanzband „Das Gold der Deutschen“ werden den Lesern „die Goldbestände der Bundesbank so nahegebracht, als ob man diese in den eigenen Händen hielte“. Wem selbst das nicht genügt: Im neuen Geldmuseum der Bundesbank – das die Geldschöpfung mit vorbildlicher Klarheit erklärt – liegt tatsächlich ein Goldbarren zum Anfassen bereit.

Benjamin Braun forscht am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung zur politischen Ökonomie der Geldpolitik und der Finanzmärkte.

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