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Geldanlage : Die Rückkehr der Zertifikate

Im Lanxess-Beispiel liegt diese Untergrenze bei 90 Prozent des Schlusskurses der Lanxess-Aktie am 22. September 2017 - dem Starttermin für die Laufzeit des Zertifikats. Wenn die Lanxess-Aktie am Abend des 20. März 2018, dem Ende der Laufzeit, im Vergleich zum Start nicht mehr als 10 Prozent an Wert verloren hat, bekommt der Anleger also seinen Einsatz in Höhe von 1000 Euro zurück und kann auch die Zinsen in Höhe von 20 Euro für sich vereinnahmen. Er hätte dann in einem halben Jahr 20 Euro verdient.

Zertifikate sind nicht für jeden geeignet

Verliert die Aktie dagegen mehr als zehn Prozent, darf der Anleger zwar die Zinsen in Höhe von 20 Euro behalten. Er bekommt dann aber nicht seine 1000 Euro zurück, sondern erhält stattdessen Lanxess-Aktien ins Depot gebucht - bei einem starken Kursrückgang der Aktien verliert man also Geld. Die aktuelle Beliebtheit von Aktienanleihen und Express-Zertifikaten (einer komplexeren Spielart der Aktienanleihe) hat einen einfachen Grund: Wenn die Kurse wie derzeit kaum ausschlagen – die Fachleute sprechen von Seitwärtsmärkten –, verdient man mit diesen Zertifikaten Geld.

Finanzprofessor Mittnik hat nun berechnet, wie wahrscheinlich es ist, dass Anleger unter Annahme einer statistischen Normalverteilung mit der Lanxess-Aktienanleihe gewinnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Anleger die 20 Euro Zinsen und ihren Einsatz zurückerhalten, liegt demnach bei 65 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Anleger Lanxess-Aktien ins Depot gebucht bekommen, beträgt folglich 35 Prozent. Dies hört sich zunächst einmal gar nicht unfair an. Aber Mittnik sagt: „In meinen Augen ist dies eine schlechte Lotterie. Der zu erwartende Verlust übersteigt bei weitem den zu erwartenden Gewinn.“

Dazu hat der Professor anhand der Historie der Lanxess-Aktie ausgerechnet, auf welchen Kurs die Aktie statistisch betrachtet fällt, wenn sie einmal die festgelegte Untergrenze von 10 Prozent unterschritten hat. Die Experten nennen dies bedingten Erwartungswert. Bei der Lanxess-Aktie beträgt dieser Wert 75 Prozent. Der Verlust des Anlegers mit den Aktien, die er ins Depot gebucht bekommt, betrüge in unserem Beispiel dann 250 Euro. Rein mit den Mitteln der Statistik ergibt sich daraus folgende Gegenüberstellung: Mit 65-prozentiger Wahrscheinlichkeit macht man 20 Euro Gewinn. Mit 35-prozentiger Wahrscheinlichkeit bekommt man Lanxess-Aktien ins Depot – dann ist im Mittel ein Verlust von 230 Euro (20 Euro Zinsgewinn minus 250 Euro) zu erwarten. Klingt schon weniger fair.

Die Banken wenden ein, dass man so nicht rechnen könne. „Alle Wahrscheinlichkeiten darzustellen, die sich mit Blick auf die Auszahlung ergeben könnten, halte ich für schwierig“, sagt Hussam Masri von der Deka-Bank. Wichtiger als statistische Erhebungen ist nach Ansicht der Banken, dass der Käufer sich eine Meinung zur aktuellen Marktsituation bildet. Glaubt er daran, dass die Kurse in nächster Zeit weder stark fallen noch steigen werden, zahlt sich das Zertifikat in der Tat für ihn aus. Nur bei einem niedrigen einstelligen Prozentsatz der Zertifikate sei bislang wegen der Marktentwicklung die Barriere nach unten gerissen worden, heißt es bei der Deka-Bank. Außerdem achte man darauf, dass neuen Zertifikaten nur Aktien zugrunde liegen, die von den Analysten des externen Partners NordLB zum Kaufen oder Halten empfohlen werden.

Wer den Analysten traut, von seiner Markteinschätzung überzeugt ist und Spaß an der Sache hat, kann das Investment wagen. Alle anderen sollten nichts riskieren: Es braucht keine Zertifikate, um in der Geldanlage Erfolg zu haben.

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