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ETFs unter der Lupe (3) : Gefährden ETFs die Stabilität der Finanzmärkte?

Wundersame Welt der Märkte: Börsenhändler in Frankfurt an ihren Monitoren Bild: dpa

Vor allem bei stabilem Marktumfeld entwickeln sich börsengehandelte Indexfonds gut. Der Zustrom von Anlegegeldern reißt nicht ab. Der falsche Gebrauch als Derivate-Ersatz birgt aber Sprengkraft.

          Der Zustrom von Anlegergeldern in Indexfonds („Exchange Traded Funds“, ETF) und andere passive Anlageformen ist ungebrochen. Auf 4,4 Billionen Dollar schätzte die Unternehmensberatung EY das verwaltete Vermögen, Stand Ende September. Vor vier Jahren waren es noch halb so viel, bis 2020 sollen es 7,6 Billionen sein. Fachleute machen sich angesichts dessen Sorgen um die Liquidität der Börsen und damit letztlich um deren Stabilität. 2016 lagen in den ETFs des Sponsors Vanguard schon 6,8 Prozent der Aktien des S&P-500-Index. Sechs Jahre zuvor waren es noch 3,3 Prozent. Von „Phantomliquidität“ ist die Rede – sie ist da, wenn sie nicht gebraucht wird, und fort, wenn sie benötigt wird, schreibt etwa der Finanzinformationsdienst Zerohedge. Die Volatilität von Aktien, an denen Indexfonds einen höheren Anteil halten, sei in diesem Jahr weiter deutlich gestiegen – ein Befund der amerikanischen Börsenaufsicht SEC schon vor mehr als zwei Jahren.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Der Handel mit ETFs sorgt durchaus für höhere Liquidität“, sagt Michael Feser, Fondsmanager und Mitglied des für Langfrist-Einschätzungen zuständigen Komitees der Fondsgesellschaft JP Morgan AM. „Die Frage ist aber: Will ich diese Liquidität in weniger liquiden Marktsegmenten haben? Dort kann es zu einer Verengung des Marktes und Verwerfungen kommen, indem Erträge künstlich aufgebläht werden.“

          „An ETFs stört mich überhaupt nichts“

          Denn entscheidend ist auch, wohin das Geld fließt. 400 Milliarden Dollar hätten Anleger in Indexfonds auf Hochzinsanleihen gesteckt, sagt Fadi Fattouh, in leitender Position im Investment Research von En-Trust Permal, dem Hedgefonds-Arm der Investmentgesellschaft Legg Mason. Er befürchtet, dass Anleger auf der Jagd nach Rendite in Dinge investieren, über deren Chancen und Risiken sie sich kein umfassendes Bild gemacht haben. „Der Umfang der Zuflüsse ist nicht größer als in früheren Zeiten. Aber der Hintergrund ist ein anderer. Wenn sich dann die Ertragssituation verschlechtert, stürmt alles zur gleichen Zeit zur Tür hinaus.“

          „An ETFs stört mich überhaupt nichts“, sagt Jacob de Tusch-Lec, Fondsmanager der britischen Gesellschaft Artemis. „Im Gegenteil kann man sie auch als aktiver Manager und Privatanleger sinnvoll einsetzen und aktives und passives Investieren mischen, um das richtige Portfolio-Mix zu bekommen und seine Kosten zu managen.“ Im Moment entwickeln sich ETFs in vielen Marktsegmenten sehr gut, von Schwierigkeiten ist nichts zu sehen. „Aber ETFs kaufen unabhängig von Fundamentaldaten“, sagt Fattouh, „das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.“ ETFs sind gut, wenn es um das Momentum des Marktes geht, aber indifferent gegenüber seiner Bewertung.

          Tusch-Lec warnt daher vor dem, was passieren kann, wenn sich die Verhältnisse ändern. Denn Indexfonds haben ein Konstruktionsproblem. Es handelt sich um eine Verpackung für Vermögenswerte, die liquider ist als die zugrundeliegenden Vermögenswerte selbst. Bekannt ist diese Problematik etwa von forderungsbesicherten Wertpapieren, kurz ABS. Dabei werden wenig liquide Kredite in liquide Wertpapiere gepackt. Als es zu Beginn der Finanzkrise zu Kreditausfällen kam, fielen die Preise dieser Wertpapiere stark, und dies verschärfte die Krise. Obendrein waren diese liquiden Wertpapiere abermals in liquide Wertpapiere gepackt worden. Und auch heute gibt es ETFs, die ETFs verfolgen.

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