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Niedrige Anleiherenditen : „Negativzinsen sind Ausdruck von zu viel Sparen“

Die EZB in Frankfurt am Main Bild: dpa

Für die Deutschen kommt der Zins vom Amt. Für andere bestimmt er sich vor allem durch den Markt. Darum bleibt er niedrig.

          5 Min.

          Für viele Menschen steht die Welt an den Kapitalmärkten Kopf. Anleihen im Wert von rund 15 Billionen Euro weisen negative Renditen aus. Das heißt: Wer eine solche Anleihe kauft und bis zur Fälligkeit hält, bekommt weniger Geld zurück, als er heute in das Papier steckt. Wer wird so verrückt sein, ein solches Geschäft abzuschließen, mag man sich fragen. Aber es muss solche Anleger geben, denn die Preise für Anleihen kommen an Märkten zustande und die sehr niedrigen Renditen sind nichts anderes als das Ergebnis sehr hoher Preise.

          Wer Anleger fragt, warum sie Anleihen zu hohen Preisen kaufen, erhält mehrere Antworten: Sie werden erworben, weil sie wegen der hohen Bonität der Schuldner in unsicheren Zeiten Sicherheit verheißen, auch wenn das Geld kostet. Oder sie werden gekauft, weil manche Großanleger als Folge regulatorischer Vorschriften Anleihen mit sehr guter Bonität halten müssen – unabhängig vom Preis.

          Die Welt der negativen Anleiherenditen ist vor allem in Europa und in Japan zu beobachten, aber rückläufig, wenn auch noch positiv, sind die Renditen auch in anderen Regionen. Ebenfalls rückläufig sind die von den Notenbanken festgelegten kurzfristigen Leitzinsen, die in manchen Ländern und Währungsräumen, darunter die Eurozone und die Schweiz, ebenfalls längst negativ sind. Und es sieht so aus, als würden die Leitzinsen in vielen Ländern, nicht nur in Europa, angesichts einer nachlassenden Wirtschaftsdynamik weiter sinken. Mittlerweile erwarten auch viele Profis in der Finanzbranche auf Jahre keinen deutlichen Anstieg von Zinsen und Renditen.

          Die Deutschen halten wenige Aktien

          Niedrige Zinsen und Anleiherenditen sind eine gute Nachricht für Schuldner und eine schlechte Nachricht für Anleger, die ihr Geld überwiegend auf Bankkonten oder in Anleihen halten. Solche Anleger finden sich vor allem in Deutschland.

          Während viele ausländische Großanleger wie Pensionsfonds nennenswerte Anteile ihrer Vermögen in Aktien halten und damit gut gefahren sind, hatten die deutschen Lebensversicherer Ende 2018 immerhin 84,5 Prozent ihrer Gelder in Anleihen oder anleiheähnlichen Produkten wie Pfandbriefen angelegt, aber nur knapp 5 Prozent in Aktien.

          Auch die Kapitaleinkommen der privaten Anleger sind erheblich vom Zinsniveau abhängig. Vom Geldvermögen von mehr als 6 Billionen Euro werden etwa drei Viertel in Form von Bargeld, Bankguthaben, Anleihen sowie überwiegend in Anleihen investierten Versicherungen gehalten. Der Aktienanteil beträgt nur rund 6 Prozent.

          Und auch die deutschen Banken und Sparkassen sind dank einer starken Ausrichtung auf das Einlagen- und Kreditgeschäft stark zinsabhängig. Mittlerweile sind Versuche zu erkennen, durch Gebührenerhöhungen andere Einnahmenquellen zu erschließen, nachdem manche Häuser zuvor mit gebührenfreien Konten ihre Abhängigkeit vom Zinsgeschäft noch verstärkt hatten. Alles in allem ist es nicht erstaunlich, dass gerade in Deutschland, dem Heimatland des klassischen Sparbuchsparers und Besitzers von Kapitallebensversicherungen, die Debatte über die Bedeutung der niedrigen Zinsen besonders lebhaft ausfällt.

          Seit Jahrzehnten sinkt der Zins

          Wer sich auf die Suche nach der Ursache für das auffallend niedrige Zins- und Renditeniveau begibt, sieht einen schon Jahrzehnte währenden, globalen Trend: Die Zinsen und Renditen sinken schon seit vier Jahrzehnten und der Rückgang der Inflationsrate in diesem Zeitraum kann diese Entwicklung nur unvollständig erklären. Tatsächlich ist auch der Realzins, das ist der um die Inflationsrate bereinigte Nominalzins, im Laufe der Zeit deutlich gesunken. Nimmt man die Rendite sicherer Anlagen wie Staatsanleihen sehr guter Bonität als Maßstab, so ist dieser Realzins in vielen Ländern negativ.

          Ein vor allem unter Ökonomen im Ausland verbreitetes Erklärungsmuster sieht in erster Linie langfristige Trends an Kapitalmärkten als Ursache dieses Verfalls des Realzinses: Den wachsenden Wünschen zur Ersparnisbildung steht eine nicht ausreichende Nachfrage nach Investitionen entgegen. Oder, wie das Schweizer Bankhaus Julius Baer kurz und bündig schreibt: „Die Negativzinsen sind Ausdruck von zu viel Sparen.“

          Als ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung gelten der demographische Wandel und der technische Fortschritt, der kapitalintensive Industriegesellschaften in weniger kapitalintensive Wissensökonomien transformiert. Der demographische Wandel sorgt nicht nur in Industrienationen, sondern auch in alternden Schwellenländern, für ein großes Kapitalangebot, weil viele Babyboomer in der Endphase ihrer Karrieren hohe Einkommen beziehen, die sie mit Blick auf einen langen Ruhestand für die Bildung umfangreicher Ersparnisse verwenden. „Für den globalen Rückgang des Realzinses gibt es verschiedene Gründe, die in der Forschung intensiv untersucht werden. Vereinfacht ausgedrückt spielt einerseits die demografische Entwicklung eine wichtige Rolle, weil eine alternde Bevölkerung aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung tendenziell mehr spart“, sagt beispielsweise der Präsident der schweizerischen Notenbank, Thomas Jordan.

          Im Lehrbuch verwenden Unternehmen die Ersparnisse privater Haushalte für produktive Investitionen, woraus die Möglichkeit entsteht, einen Zins zu zahlen. Mit der digitalen Revolution nimmt aber das Interesse der Unternehmen an kapitalintensiven Investitionen in Fabriken, Maschinen und Anlagen ab; stattdessen wissen viele nicht, was sie mit ihrem Geld machen sollen. Darüber sind die Unternehmen in den Industrienationen in ihrer Gesamtheit selbst Sparer geworden – das heißt, ihr Interesse an Ersparnissen der privaten Haushalte ist gering.

          „Negative Zinsen sind die neue Normalität“

          Wenn noch der Staat zum Sparer wird wie in den vergangenen Jahren in Deutschland – eine Reduzierung der Staatsverschuldung entspricht volkswirtschaftlich einer Ersparnis – darf man sich über niedrige Zinsen nicht wundern. „In Deutschland übersteigt die Geldanlage von Staat und Unternehmen deutlich deren Kreditaufnahme. Damit sind in Deutschland sowohl die privaten Haushalte als auch die Unternehmen und der Staat Netto-Sparer und sorgen für die Herausforderung, dieses Geld anzulegen“, heißt es bei Julius Bär. „Diese Entwicklung führt fast zwangsläufig zu negativen Zinsen, denn Zinsen können als der Preis verstanden werden, der beabsichtigtes Sparen und beabsichtigte Kreditaufnahmen in ein Gleichgewicht bringt.“

          Joachim Fels von der Fondsgesellschaft Pimco schreibt: „Negative Zinsen sind die neue Normalität.“ Da die demografischen Trends und die Transformation der Industrienationen in weniger kapitalintensive Wissensökonomien sich fortsetzen werden, dürfte sich an den niedrigen Zinsen so schnell nichts ändern.

          Dem deutschen Publikum bietet vor allem die Finanzbranche eine andere Erklärung an: Schuld an den niedrigen Zinsen ist vor allem die Europäische Zentralbank. Die Botschaft verfängt, denn im staatsgläubigen Deutschland ist – auch unter manchen Ökonomen, die sich für marktwirtschaftlich halten – die Ansicht verbreitet, der Zins komme vom Amt (sprich: der staatlichen Notenbank). Daher müsse das Amt dafür sorgen, dass der Bürger immer einen auskömmlichen Zins habe. Der Mut, dem Sparer zu sagen, dass der niedrige Zins auch das Ergebnis von Sparentscheidungen ist, haben weder Politiker noch Banken und Sparkassen oder Vermögensverwalter. Einfacher ist es, Mario Draghi zum Bösewicht zu erklären.

          „Die Zentralbanken sind nicht die Schurken, sondern die Opfer fundamentaler Kräfte, die hinter den niedrigen und negativen Zinsen wirken“, schreibt Fels. Idealerweise setzten Zentralbanken ihren Leitzins so, dass er zu den fundamentalen Verhältnissen in der Wirtschaft passt. Dies gelingt nicht immer und einen gewissen Spielraum besitzt jede Zentralbank, ohne dass gleich die Inflationsrate oder die Wirtschaft aus den Fugen gerät. Geldpolitiker sind keine Marionetten: So hätte die EZB letztes Jahr bei guter Konjunktur ihren negativen Einlagenzins leicht erhöhen können. Nichts zwingt sie, diesen Zins in den kommenden Wochen wie geplant zu senken. Wahrscheinlich sind viele Zentralbanken derzeit zu ihrem Schaden zu expansiv.

          Aber gegen den fundamentalen Trend zu niedrigen Zinsen kann sich keine Zentralbank stellen, ohne einen Sturz der Wirtschaft in Depression und Deflation zu riskieren. Am Ende ist der Zins ein wirtschaftliches Phänomen und keine Größe, über die das Amt nach Belieben entscheiden kann.

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