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Niedrige Anleiherenditen : „Negativzinsen sind Ausdruck von zu viel Sparen“

Die EZB in Frankfurt am Main Bild: dpa

Für die Deutschen kommt der Zins vom Amt. Für andere bestimmt er sich vor allem durch den Markt. Darum bleibt er niedrig.

          Für viele Menschen steht die Welt an den Kapitalmärkten Kopf. Anleihen im Wert von rund 15 Billionen Euro weisen negative Renditen aus. Das heißt: Wer eine solche Anleihe kauft und bis zur Fälligkeit hält, bekommt weniger Geld zurück, als er heute in das Papier steckt. Wer wird so verrückt sein, ein solches Geschäft abzuschließen, mag man sich fragen. Aber es muss solche Anleger geben, denn die Preise für Anleihen kommen an Märkten zustande und die sehr niedrigen Renditen sind nichts anderes als das Ergebnis sehr hoher Preise.

          Wer Anleger fragt, warum sie Anleihen zu hohen Preisen kaufen, erhält mehrere Antworten: Sie werden erworben, weil sie wegen der hohen Bonität der Schuldner in unsicheren Zeiten Sicherheit verheißen, auch wenn das Geld kostet. Oder sie werden gekauft, weil manche Großanleger als Folge regulatorischer Vorschriften Anleihen mit sehr guter Bonität halten müssen – unabhängig vom Preis.

          Die Welt der negativen Anleiherenditen ist vor allem in Europa und in Japan zu beobachten, aber rückläufig, wenn auch noch positiv, sind die Renditen auch in anderen Regionen. Ebenfalls rückläufig sind die von den Notenbanken festgelegten kurzfristigen Leitzinsen, die in manchen Ländern und Währungsräumen, darunter die Eurozone und die Schweiz, ebenfalls längst negativ sind. Und es sieht so aus, als würden die Leitzinsen in vielen Ländern, nicht nur in Europa, angesichts einer nachlassenden Wirtschaftsdynamik weiter sinken. Mittlerweile erwarten auch viele Profis in der Finanzbranche auf Jahre keinen deutlichen Anstieg von Zinsen und Renditen.

          Die Deutschen halten wenige Aktien

          Niedrige Zinsen und Anleiherenditen sind eine gute Nachricht für Schuldner und eine schlechte Nachricht für Anleger, die ihr Geld überwiegend auf Bankkonten oder in Anleihen halten. Solche Anleger finden sich vor allem in Deutschland.

          Während viele ausländische Großanleger wie Pensionsfonds nennenswerte Anteile ihrer Vermögen in Aktien halten und damit gut gefahren sind, hatten die deutschen Lebensversicherer Ende 2018 immerhin 84,5 Prozent ihrer Gelder in Anleihen oder anleiheähnlichen Produkten wie Pfandbriefen angelegt, aber nur knapp 5 Prozent in Aktien.

          Auch die Kapitaleinkommen der privaten Anleger sind erheblich vom Zinsniveau abhängig. Vom Geldvermögen von mehr als 6 Billionen Euro werden etwa drei Viertel in Form von Bargeld, Bankguthaben, Anleihen sowie überwiegend in Anleihen investierten Versicherungen gehalten. Der Aktienanteil beträgt nur rund 6 Prozent.

          Und auch die deutschen Banken und Sparkassen sind dank einer starken Ausrichtung auf das Einlagen- und Kreditgeschäft stark zinsabhängig. Mittlerweile sind Versuche zu erkennen, durch Gebührenerhöhungen andere Einnahmenquellen zu erschließen, nachdem manche Häuser zuvor mit gebührenfreien Konten ihre Abhängigkeit vom Zinsgeschäft noch verstärkt hatten. Alles in allem ist es nicht erstaunlich, dass gerade in Deutschland, dem Heimatland des klassischen Sparbuchsparers und Besitzers von Kapitallebensversicherungen, die Debatte über die Bedeutung der niedrigen Zinsen besonders lebhaft ausfällt.

          Seit Jahrzehnten sinkt der Zins

          Wer sich auf die Suche nach der Ursache für das auffallend niedrige Zins- und Renditeniveau begibt, sieht einen schon Jahrzehnte währenden, globalen Trend: Die Zinsen und Renditen sinken schon seit vier Jahrzehnten und der Rückgang der Inflationsrate in diesem Zeitraum kann diese Entwicklung nur unvollständig erklären. Tatsächlich ist auch der Realzins, das ist der um die Inflationsrate bereinigte Nominalzins, im Laufe der Zeit deutlich gesunken. Nimmt man die Rendite sicherer Anlagen wie Staatsanleihen sehr guter Bonität als Maßstab, so ist dieser Realzins in vielen Ländern negativ.

          Ein vor allem unter Ökonomen im Ausland verbreitetes Erklärungsmuster sieht in erster Linie langfristige Trends an Kapitalmärkten als Ursache dieses Verfalls des Realzinses: Den wachsenden Wünschen zur Ersparnisbildung steht eine nicht ausreichende Nachfrage nach Investitionen entgegen. Oder, wie das Schweizer Bankhaus Julius Baer kurz und bündig schreibt: „Die Negativzinsen sind Ausdruck von zu viel Sparen.“

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