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Friedrich Merz im Interview : „5 Euro am Tag reichen, um reich zu werden“

Das glaube ich nicht. Ich bin zuerst im Europäischen Parlament und dann später im Deutschen Bundestag an der Entstehung der Währungsunion beteiligt gewesen, und ich habe sie immer für richtig gehalten. Allerdings sind wir damals alle davon ausgegangen, dass die Regeln des Maastricht-Vertrages und des Stabilitäts- und Wachstumspaktes auch eingehalten werden. Vielleicht bin ich da zu altmodisch, aber der Meinung bin ich immer noch: Wenn es Regeln gibt, muss man sie einhalten.

Hält sich Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), an die Regeln?

Die Anleihekäufe der EZB bewegen sich zumindest ganz hart am Rande der Regeln. Trotzdem muss man sagen, dass die EZB die Krise bisher unter Kontrolle gehalten hat, sie hat den Mitgliedstaaten Zeit gekauft. Allerdings haben die Staaten diese Zeit nicht wirklich genutzt, um die Grundsatzprobleme der Währungsunion auch zu lösen.

Die Nebenwirkungen der EZB-Politik sind enorm: Wer spart, erhält keine Zinsen mehr.

Die zunehmende Disparität in den Chancen, wenigstens ein kleines Vermögen zu ersparen, muss uns schon sehr besorgt machen. Alle, die in Aktien sparen, profitieren enorm von der Niedrigzinspolitik, und alle, die aufs Sparbuch oder auf eine Lebensversicherung angewiesen sind, leiden sichtbar. In dieser Entwicklung steckt großer gesellschaftspolitischer Sprengstoff. Deswegen hoffen ja alle Vermögensverwalter, dass eine neue Bundesregierung endlich etwas für eine bessere Aktienkultur in Deutschland tut.

Sehr uneigennützig. Sie zählen darauf, dass dies dem Verkauf von Blackrock-Fonds hilft.

Wir sind mit der Geschäftsentwicklung gerade in Deutschland sehr zufrieden. Aber wir sehen zugleich, wie viele private Haushalte sich einfach große Chancen entgehen lassen. Die Deutschen sind eben ein Volk von Sparbuchsparern und nicht ein Volk von Aktionären. Sie bringen sich um die Möglichkeit, mit kleinen Beiträgen ein Vermögen vor allem für ihren Lebensabend zu bilden. Dieses Misstrauen hat immer noch mit der Privatisierung der Telekom zu tun, bei der der deutsche Staat den Fehler begangen hat, die Deutschen in eine einzelne Aktie hineinzujagen. Das würde heute ja niemand mehr tun.

Sie wollen die Deutschen von Aktien überzeugen. Bitte, legen Sie los.

Es hilft, die Vorzüge des Aktiensparens anhand von einigen wenigen Zahlen zu verdeutlichen. Wer heute fünf Euro am Tag in einen Indexfonds (ETF) investiert, der die Wertentwicklung sagen wir des deutschen M-Dax nachbildet, legt 150 Euro im Monat an – eine Summe, die für viele Haushalte machbar ist. Nach zehn Jahren haben Sie 18.000 Euro eingezahlt. Daraus wären mehr als 40.000 Euro geworden.

ETF sind nicht über jeden Zweifel erhaben. Eine Kritik lautet: Sie erzeugen eine Art Herdenverhalten, weil sich kein Investor mehr die Mühe macht, zwischen einzelnen Aktien zu unterscheiden.

Das ist eine unbewiesene Behauptung, denn ETF führen zunächst einmal zu einer Demokratisierung des Kapitalmarktes. Hinter diesen Fonds steckt eine Expertise, die früher nur Großanlegern vorbehalten war. Auf dieses Fachwissen kann sich heute jeder Kleinanleger stützen. Gleichzeitig ist der Anteil der Kapitalanlagen, der in ETF investiert wird, verglichen mit dem gesamten weltweiten Vermögen, immer noch sehr klein. Darum besteht die von Ihnen beschriebene Gefahr jedenfalls aus heutiger Sicht eindeutig nicht.

Legen Sie Ihr privates Geld auch in ETF an?

Selbstverständlich. Ich habe als Student damit begonnen, in ganz kleinen Beträgen Aktien zu kaufen, und freue mich heute, dass es durch ETF eine Möglichkeit gibt, mit geringen Beträgen viel breiter anzulegen.

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