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Mehr Abstimmung mit Frankreich : „Deutschland muss sich bewegen“

Der Vermögensverwalter Ostrum glaubt, dass die Sternstunden von Kanzlerin Angela Merkel vorbei sind. Bild: EPA

Der französische Vermögensverwalter Ostrum wünscht sich klare Verhältnisse in Europa. Im Mittelpunkt: die Bundeskanzlerin.

          Die Zukunft von Bundeskanzlerin Angela Merkel wird am Finanzplatz Paris mit Sorge verfolgt. „Deutschland muss sich bewegen“, sagte Ibrahima Kobar, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des französischen Vermögensverwalters Ostrum. Der oberste Anlagestratege der Kapitalanlagegesellschaft unter dem Dach von Natixis, der Kapitalmarkteinheit der Volksbanken- und Sparkassengruppe BPCE, fürchtet ein Machtvakuum in der größten Volkswirtschaft Europas. Für ihn handelt es sich nicht nur um eine Führungsfrage, sondern auch um klare Verhältnisse in Europa, weil Deutschland hier eine Führungsrolle innehabe.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Veränderungen an der Regierungsspitze sind nötig“, sagte Kobar am Rande einer Medienveranstaltung, zu der Ostrum Journalisten auch dieser Zeitung nach Paris eingeladen hat. Kobar vergleicht Merkel mit dem jamaikanischen Sprinter Usain Bolt, der nach mehrfachen Olympiasiegen und mehreren Weltrekorden in den Sprintwettbewerben einen enttäuschenden Abschied von seiner Karriere bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2017 in London nehmen musste. Das könne auch Merkel auf der Zielgeraden ihrer Zeit als Kanzlerin passieren. Nach Ansicht von Kobar müssen sich Frankreich und Deutschland enger in der Debatte um fiskalpolitische Impulse abstimmen. Dafür seien geklärte Führungsverhältnisse eine wichtige Voraussetzung. Die Schuldenregeln im Euroraum hält er für zu strikt und fordert mehr Flexibilität.

          Der Chefvolkswirt von Ostrum, Philippe Waechter, pflichtet ihm bei: „Deutschland ist derzeit das größte Risiko für das Wachstum in Europa.“ Er verweist auf die schwachen Zahlen zur Industrieproduktion in Deutschland. Sorge bereiten Waechter auch eine Ausweitung des Handelskonflikts des amerikanischen Präsidenten Donald Trump und die möglichen Auswirkungen auf europäische Exporte. Er hält eine solche Ausweitung für wahrscheinlich. Amerikanische Zölle würden vor allem Deutschland als Exportnation und insbesondere die Automobilhersteller treffen.

          Staatsverschuldung kein Problem

          Um diese Effekte abzufedern, hält Waechter eine expansive staatliche Ausgabenpolitik für sinnvoll. Für ihn stellt die Staatsverschuldung auf absehbare Zeit im historisch niedrigen Zinsumfeld kein Problem dar. Staaten könnten jederzeit Anleihen mit 100-jähriger Laufzeit begeben, fügt Waechter hinzu. Anders sehe es mit der Unternehmensverschuldung aus, die vor allem in Frankreich stark gestiegen sei. Sie könne in einem Konjunkturschock größere Schwierigkeiten bereiten. Der Ostrum-Chefvolkswirt sieht derzeit kaum Impulse, die das Wachstum demnächst beleben können. Vielmehr sorge der Handelskonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China für große Unsicherheit, die den Konjunkturzyklus belaste.

          Anlagestratege Kobar setzt deshalb auf eine Reduzierung der Risiken an den Kapitalmärkten. Er erwartet weiterhin eine hohe Schwankungsanfälligkeit der Finanzmärkte. Für den Vorstandschef von Ostrum, Matthieu Duncan, stellt dieses Umfeld aber auch eine Chance für die aktive Vermögensverwaltung dar. Ostrum versteht sich als aktiver Vermögensverwalter. Zu den Kunden zählen insbesondere Versicherer, aber auch andere institutionelle Investoren. Die passiven börsennotierten Indexfonds (Exchange Traded Funds; ETF) haben in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen, weil sie nur Indizes wie zum Beispiel den Dax abbilden und deshalb deutlich geringere Gebühren verlangen als aktive Fonds, für die ein Fondsmanager eine Auswahl an Wertpapieren vornimmt.

          ETF-Anbieter sind stark gewachsen

          Nach Ansicht von Duncan haben die ETF-Produkte in den vergangenen Jahren von der Phase steigender Aktienkurse in Verbindung mit geringen Kursschwankungen profitiert. „Die Flut hebt alle Boote“, zitiert er eine Börsenweisheit.

          ETF-Anbieter sind stark gewachsen. Allein im vergangenen Jahr flossen laut dem Fondsanalysehaus Morningstar rund 634 Milliarden Dollar in passive Fonds. Den aktiven flossen lediglich 32 Milliarden Dollar zu. Mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 6 Billionen Dollar ist Blackrock der größte Vermögensverwalter auf der Welt. Dahinter liegt mit Vanguard (rund 5 Billionen Dollar) ebenfalls ein ETF-Spezialist. Durch den größeren Wettbewerbsdruck seitens der passiven Anbieter sind die aktiven Vermögensverwalter gezwungen, zu handeln.

          Ostrum steht derzeit in Fusionsverhandlungen mit den entsprechenden Einheiten der Banque Postale. Dadurch kann eine Kapitalanlagegesellschaft mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 400 Milliarden Euro entstehen. Duncan will sich dazu nicht äußern. Allgemein erwartet er aber eine Konsolidierung unter den Vermögensverwaltern. Gründe dafür sind der Druck auf die Gebühren sowie die geringeren Erträge aufgrund der niedrigen Zinsen. „Deshalb sind Skalenerträge nötig“, sagt er mit Blick auf die erforderlichen Größenvorteile.

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