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Französische Aktien : Jubelstimmung an der Seine

Blick auf die Seine und den Eifelturm: Die Kurse an der Börse in Paris sind in der ersten Jahreshälfte ähnlich stark geklettert wie an der Wall Street. Bild: AFP

Der Pariser Börse gelingt das beste Halbjahr seit langem. Wie lange hält die Hausse noch an?

          Kurz vor den Sommerferien hat sich das Klima an der Pariser Börse deutlich aufgehellt. Fast könnte man von Jubelstimmung reden. Die Kurse sind in der ersten Jahreshälfte ähnlich stark geklettert wie an der Wall Street. Seit dem Jahr 2009 hat man an der Seine keine so gute Halbjahresbilanz verzeichnet. Das Börsenbarometer der vierzig führenden Konzerne, der CAC-40, kletterte zwischen Anfang Januar und Ende Juni um 17,1 Prozent. Das ist sogar mehr als der Weltindex MSCI-World, der in diesem Zeitraum um 15,6 Prozent zulegte.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Auf der Wirtschaftskonferenz von Aix-en-Provence, die vergangenes Wochenende stattfand, war von solcher Zuversicht wenig zu spüren. Auf der Veranstaltung, die Frankreichs wichtigste Ökonomen und Manager mit Politikern und Kulturvertretern zusammenbringt, überwog die Klage über das Ende des Multilateralismus, den Bedeutungsverlust Europas und die Dominanz amerikanischer Digitalkonzerne, zudem die Sorge um den Klimawandel und wachsende soziale Proteste.

          Ganz anders die Anleger: Sie weigern sich, Trübsal zu blasen. Den Handelskonflikt zwischen China und Amerika, die Spannungen mit Iran und ihre möglichen Folgen für den Ölpreis, die ungelöste Brexit-Frage und die innereuropäischen Schwierigkeiten mit Italien – all das schieben die Investoren zur Seite.

          Mit genügend gutem Willen kann man seinen Blick ja auch auf ganz andere Themen richten: Da feiern die französischen Luxuskonzerne etwa schöne Umsatzsteigerungen, weil die Nachfrage robust bleibt. Der Branchenführer LVMH legte im ersten Quartal 2019 ein Umsatzwachstum von 11 Prozent hin, wie immer angetrieben vom Lederwarensegment. LVMH ist heute der unumstrittene König des CAC-40 mit einer Marktbewertung von 192 Milliarden Euro.

          Hohe Bewertungen bei Luxus-Aktien

          Auf dem zweiten Rang liegt der weltgrößte Kosmetikkonzern L’Oréal mit 142 Milliarden Euro. Das Luxus-Geschäft ist bei ihm zwar nur einer von vier Sektoren, doch die wachsende Mittelschicht in den Schwellenländern und in China sind auch bei L’Oréal die dominierenden Wachstumstreiber. Lange war der Öl- und Gaskonzern Total das teuerste Unternehmen Frankreichs – das ist vorbei. Der Konzern rangiert mit einem Börsenwert von 132 Milliarden Euro nur noch auf dem dritten Rang. Bemerkenswert ist dabei, dass sich das vergleichsweise kleine Luxushaus Hermès mit einer Marktbewertung von gut 67 Milliarden Euro auf den sechsten Rang der teuersten französischen Unternehmen vorgeschoben hat, gleich gefolgt von Kering, dem anderen großen breit aufgestellten Luxus-Anbieter Frankreichs.

          Die Anleger scheinen überzeugt, dass trotz der hohen Bewertungen noch Spielraum nach oben besteht oder sie in den Luxus-Werten zumindest einen Stabilitätsanker finden. Die Aktie von LVMH gewann im ersten Halbjahr fast 45 Prozent, die Papiere von Hermès stiegen um 31 Prozent, die von Kering um 26 Prozent, und auch L’Oréal legte noch um knapp 25 Prozent zu. Kering hatte im ersten Quartal einen Umsatzgewinn von fast 18 Prozent gemeldet, der wie so oft von der italienischen Kernmarke Gucci angetrieben wurde.

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          Die Analysten, die an den Luxussektor glauben, verweisen darauf, dass die Unternehmen kaum verschuldet sind und gleichzeitig dank ihrer starken Marken über viel Macht verfügen, Preise zu setzen. Die Vorhersagen für den Rest des Jahres sind nicht schlecht: Nachdem der Umsatz rund um die Welt im vergangenen Jahr noch 9 Prozent betragen hatte, könnte er dieses Jahr auf 6 Prozent fallen, heißt es, doch das wäre immer noch doppelt so viel wie das geschätzte Wachstum des globalen Bruttoinlandsproduktes.

          Die Befürchtungen einer abrupten Verlangsamung in China haben sich nicht bewahrheitet. Zudem gibt es einen Verkaufskanal, den die Luxushersteller noch nicht vollständig ausschöpfen: den Online-Handel. Die Marken investieren zunehmend, machen wichtige Erfahrungen und weiten damit ihr Umsatzpotential aus. Heute verkaufen die Hersteller rund 10 Prozent ihrer Ware auf dem elektronischen Weg, im Jahr 2025 dürften es rund 25 Prozent sein, schätzen die Experten.

           Motoren des Aufstieges

          Die Luxusgüterhersteller sind an der Pariser Börse indes nicht die einzigen Motoren des Aufstieges. Airbus – mit 96 Milliarden Euro Börsenwert heute das viertgrößte Unternehmen Frankreichs – verzeichnete im ersten Halbjahr einen satten Kursgewinn um 48 Prozent. Die Schwierigkeiten von Boeing durch das Desaster mit der 737-Max sind dafür ein Grund, aber auch der Eindruck, dass dem europäischen Hersteller der Generationswechsel auf das neue Management gelungen ist. Andere Unternehmen mit starkem technologischen Hintergrund haben ebenfalls einen guten Lauf, etwa der IT-Anbieter Atos (plus 36 Prozent) oder der Softwarehersteller Dassault Systèmes (plus 35 Prozent).

          Kann sich der Aufschwung ins zweite Halbjahr retten? Das Handeln der Zentralbanken bleibt entscheidend. Die von ihnen ausgehende Geldschwemme scheint ungebrochen, die Aussicht auf eine Verengung der Finanzierungsbedingungen in die Zukunft verschoben. Das befeuert die Kurse an der Börse – außer bei denen der Banken. Anfang Juli hat die französische Schuldenagentur erstmals in der Geschichte eine zehnjährige Staatsanleihe Frankreichs mit einem negativen Zins plazieren können. Auf dem Sekundärmarkt war schon Mitte Juni der Zins für ein Zehnjahres-Papier erstmals ins Negative gefallen.

          Doch die Stimmung kann jederzeit kippen. Denn in einer Welt, in der das Schuldenmachen Geld einbringt, fühlt sich niemand richtig wohl. „Das Klima ist in keiner Weise von Gelassenheit gekennzeichnet“, sagte kürzlich der Chef-Volkswirt von BNP Paribas, William De Vijlder, „es gibt hinsichtlich des Wirtschaftswachstums einen Vertrauensverlust, der zur Vorsicht verleitet und jederzeit die Investitionen der Unternehmen nach unten ziehen kann.“

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