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Proteste in Frankreich : An der Börse wächst die Angst vor den Gelbwesten

Die Gelbwesten sorgen an den Mautstellen der Autobahnen für die freie Durchfahrt der Autofahrer. Das tritt auch den Autobahn-Betreiber Vinci. Bild: AFP

Die gewaltsamen Proteste in Frankreich schrecken nicht nur Touristen ab. Auch Anleger und internationale Investoren machen sich zunehmend Sorgen; einige Aktienkurse sinken schon. Nur eine Sparte profitiert von den Unruhen.

          Die Protestbewegung der sogenannten Gelbwesten in Frankreich löst jetzt auch an den Finanzmärkten Unsicherheit aus. Die gewalttätigen Ausschreitungen an zwei Samstagen hintereinander in Paris sowie die verschiedenen Blockaden im Lande hinterlassen ihre Spuren. Auch die Zugeständnisse der Regierung vom Dienstag konnte die Unzufriedenheit nicht eindämmen, wie die ersten Reaktionen von Vertretern der Protestbewegung zeigen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In den Augen einiger Finanzmarkt-Beobachter stehen hinter den Reformvorhaben von Präsident Emmanuel Macron nun erhebliche Fragezeichen. „Die Unruhen sind sehr gefährlich für die europäischen Finanzmärkte. Sie sind eine Abrechnung mit der bisherigen Amtszeit eines Präsidenten, der als großer Hoffnungsträger angetreten war“, sagt Martin Lück, Leiter der Kapitalmarktstrategie von Blackrock im deutschsprachigen Raum, im Gespräch mit der F.A.Z.

          „Jetzt wird es für Emmanuel Macron extrem schwierig, seine geplanten Reformen umzusetzen.“ Lück blickt dabei schon weit in die Zukunft. „Sollte er scheitern, stellt sich die Frage, wer bei der nächsten Präsidentenwahl eine antieuropäische Regierung in Frankreich verhindern sollte.“

          Weihnachtsgeschäft des Einzelhandels leidet

          Die nächste reguläre Präsidentenwahl steht zwar erst im Jahr 2022 an. Der Ausblick auf einen weiteren politischen Unruheherd in der Europäischen Union – neben dem Brexit und den Auseinandersetzungen zwischen Rom und Brüssel – könnte internationale Investoren jedoch einen noch größeren Bogen um Europa machen lassen als zuletzt schon.

          Schon jetzt wirken sich die gewaltsamen Proteste auf die Börse in Paris aus. Besonders getroffen wurden in dieser Woche an den Aktienmärkten die Werte des französischen Einzelhandels. Denn durch die am 17. November begonnenen Proteste ist das Weihnachtsgeschäft schon an mehreren Wochenenden hintereinander schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Papiere der Einzelhandelskette Carrefour verloren allein am Montag 6 Prozent an Wert. Seit Beginn der Proteste Mitte November hat sich das Minus auf knapp 13 Prozent summiert, und das obwohl sie sich am Dienstag etwas erholten.

          Auch die Aktien der Elektronikhandelskette Fnac-Darty hatten Einbußen hinzunehmen, genauso wie der Hotelkonzern Accor. Der Hotelverband berichtete, dass die Reservierungen in Frankreich schon um bis zu 20 Prozent gesunken seien, in manchen Pariser Häusern sogar um die Hälfte. Mancher Tourist, der sonst in der Vorweihnachtszeit zum Einkaufen auf den Champs-Élysées anreist, überlegt es sich angesichts der brennenden Barrikaden offenbar noch einmal.

          „Aufgrund der Protestbewegung ist die Logistikkette an mehreren Stellen unterbrochen. Sich an die klassischen Orte des Konsums zu begeben ist im entscheidenden Monat Dezember sehr schwierig geworden“, sagte Igor De Maack, Fondsverwalter bei der Pariser DNCA Finance, „angesichts dieser Lage hat man weder Lust, in Aktien dieser Branchen zu investieren noch vor Weihnachten zu konsumieren“.

          Online-Handel profitiert von den Protesten

          Zu den „Opfern“ der Protestbewegung gehört an der Börse auch der Autobahn-Betreiber Vinci. Seit mehreren Wochen veranstalten die „Gelbwesten“ ihre Aktionen an Mautstellen der Autobahnen, wo sie ungehindert von der Polizei für die freie Durchfahrt der Autofahrer sorgen. Die Aktien von Vinci verloren an der Pariser Börse am Montag 2,2 Prozent an Wert und erholten sich davon am Dienstag nur teilweise.

          Die Bewegung der Gelbwesten hatte sich ursprünglich gegen Ökosteuern gerichtet, die Benzin und Diesel teurer machen. Inzwischen wenden sich die Proteste aber auch gegen die allgemeinen Lebenskosten und gegen die Regierung insgesamt, der vor allem eine unsoziale Politik vorgeworfen wird. Präsident Macron und sein Premierminister Edouard Philippe sind auf die Forderungen zunächst nicht eingegangen; jetzt antworten sie mit Maßnahmen, die in Augen vieler politischer Beobachter nicht ausreichen, um die Protestbewegung zum Erliegen zu bringen. Einige Unternehmen, etwa im Lebensmittelbereich, mussten schon Kurzarbeit einführen, weil neuralgische Logistikpunkte blockiert waren oder die Nachfrage deutlich zurückging.

          Als Gewinner der politischen Unruhen gilt derzeit allein der Online-Handel. Vor allem bei Amazon sollen die Bestellungen gestiegen sein; allerdings kam es auch vereinzelt zu Blockaden der Amazon-Depots in Frankreich. Die französische Regierung rechnet ebenfalls mit erheblichen Umsatzeinbußen der Wirtschaft. Diese kommen zur Unzeit, denn im dritten Quartal hatte sich das Bruttoinlandsprodukt gegenüber den beiden Vorquartalen auf 0,4 Prozent verdoppelt. Um die Regierungsprognose von 1,7 Prozent Wachstum in diesem Jahr zu erreichen, brauchte Frankreich im letzten Quartal dieses Jahres einen weiteren Schub. Dieser ist jetzt in Frage gestellt.

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