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Finanzmarkt Athen : Immer noch Skepsis an der griechischen Börse

Am Börsenplatz Athen herrscht weiterhin Skepsis vor. Die Aktienkurse spiegeln es wider. Bild: AFP

Am Athener Aktienmarkt wettet zwar noch niemand auf einen Regierungswechsel. Die positive Entwicklung der Staatsanleihen überträgt sich aber bisher kaum auf die Börsenkursen. Noch immer hallt unter anderem der Skandal um eine einstige Vorzeigefirma nach.

          Die Zinsen und die Risikoaufschläge für Griechenlands Staatsanleihen sind kräftig gesunken. Von dem Optimismus und der positiv gestimmten Spekulation, die Griechenlands Staatsanleihen trägt, ist am Athener Aktienmarkt bisher aber nur wenig zu spüren. Der umfassende Athener Aktienindex „Athex Composite Share Price Index“, der Ende 2009 noch die Marke von 2900 übersprungen hatte, läuft bei Werten um 700 seitwärts.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Das ist nicht weit entfernt von den Tiefpunkten knapp unter der Marke von 500 Anfang 2012 und Anfang 2016. Zu Jahresbeginn 2019 schwankte der Index um den Wert 650. Von Enthusiasmus ist daher an der Athener Börse noch nichts zu spüren, obwohl doch alle anderen europäischen Regierungen monatelang den linken griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras für seine Vertragstreue lobten.

          Einer der bekanntesten Athener Ökonomen, der nicht namentlich genannt werden will, meint nun jedoch, dass die jüngsten Ankündigungen von Tsipras mit Wahlgeschenken von 1,1 Milliarden Euro für dieses Jahr in der Finanzwelt eine „zornige Reaktion“ hervorgerufen hätten. Während bei den europäischen Finanzministern die Frage gestellt wurde, ob Griechenlands Staatsfinanzen bei gedämpfter Konjunktur und schrumpfenden Haushaltsmargen Wahlgeschenke von 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts tragen könnten, sieht das Kalkül der wohlhabenden Griechen anders aus:

          Die Linksregierung habe den Mittelstand, die Unternehmer, die Besitzer von Häusern in besseren Gegenden und die Bezieher höherer Renten mit hohen Abgaben erdrückt, nur um die Haushaltsziele zu übertreffen und dann Spielgeld für Wahlgeschenke übrig zu haben. Wenn nun neben der Verteilung von 800 Millionen Euro an griechische Rentner die Solidaritätszuschläge auf die hohen Einkommensteuersätze etwas gesenkt werden und die Mehrwertsteuer auf das Menü im Restaurant von 24 auf 13 Prozent, dann sei Griechenland wieder dort angekommen, wo man schon 2015 gewesen sei, meint ein griechischer Unternehmer.

          Aussichten für die Aktienbörse sind eingetrübt

          Die Aussichten für die Aktienbörse sind aber auch durch spezifische Faktoren der Wirtschaftswelt eingetrübt: Noch immer hallt der Skandal um die einstige Vorzeigefirma Folli Follie nach, die sich einen sagenhaften Aufstieg mit Modeschmuck zuschrieb, einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro im Jahr 2017 und einen Nettogewinn von 212 Millionen Euro. Nun heißt es, der wahre Umsatz und auch die Schulden hätten bei 450 Millionen Euro gelegen.

          Da liegt die Frage nahe, ob in Griechenland nicht nur Daten für die öffentlichen Haushalte, sondern auch Unternehmensbilanzen gefälscht werden konnten. Obwohl Folli Follie seit dem vergangenen Jahr vom Handel ausgesetzt ist, geben Fachleute der Finanzwelt und Ökonomen von Banken zu, dass die Nachrichten vom einstigen Vorzeigeunternehmen schwer auf allen Aktienkursen lasten.

          Zugleich zeichnen sich in der griechischen Unternehmenswelt große Schwierigkeiten für den staatlich kontrollierten, aber börsennotierten Stromkonzern PPC ab. Dessen Angestellte sind bisher oftmals Günstlinge der Linksregierung, doch galt es in der Regierungspartei Syriza auch als schick, diejenigen zu schonen, die ihre Stromrechnung nicht bezahlen wollten und konnten. Nun steht PPC offenbar vor Rekordverlusten, kommt aber andererseits nicht mit dem Verkauf der wenig attraktiven Braunkohlekraftwerke voran.

          Stockend ist auch das Bieterverfahren für den Staatskonzern Hellenic Petroleum. Andererseits sind einige Vorzeigeunternehmen der griechischen Börse, die vom gegenwärtigen Aufschwung und von der Baukonjunktur für die Tourismusbranche profitieren, ins Ausland umgezogen.

          Sanierung der Banken kommt voran

          Zu den positiven Nachrichten gehört schnellerer Fortschritt bei der endgültigen Sanierung der Banken mit dem Abbau ihrer faulen Kredite. Die Regierung hat den Schutz der säumigen Hypothekenkunden vor Enteignung eingeschränkt, und unter den Banken begann nun ein Wettbewerb um möglichst schnellen Abbau der Bestände an faulen Krediten.

          Die wichtigste Hoffnung der Finanzwelt hängt aber an den Parlamentswahlen spätestens im Herbst und der Aussicht auf einen Regierungswechsel. Der neue Chef der konservativen Nea Dimokratia, Kyriakos Mitsotakis, liegt schon seit langer Zeit in den Meinungsumfragen vorne.

          Mitsotakis ist ein Liberaler und trat früher auf wie ein amerikanischer Unternehmensberater. Doch bisher traut sich an der Börse noch niemand so richtig, auf den Wechsel zu wetten. Dafür gibt es noch zu viele unwägbare Faktoren: Wird Mitsotakis wirklich regieren können, oder wird die alte Klientelpartei Nea Dimokratia wirklich ein Reformprogramm akzeptieren?

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