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Finanzmärkte und Brexit : Trügerische Ruhe in Ratlosigkeit

Ob das mal so eine gute Idee war? Die Briten sind zerstriten. Bild: dpa

Die Finanzmärkte zeigen sich, was den Brexit angeht, erstaunlich ruhig. Damit spiegeln sie aber nur die Ratlosigkeit und Lähmung des Königreichs wider.

          Das Brexit-Chaos macht sich an den Finanzmärkten auch am Donnerstag bemerkbar. Allerdings nicht, wie man annehmen möchte, in Kursverlusten, sondern auf eine Art und Weise, die die Entwicklungen treffender widerspiegelt – in Ratlosigkeit.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am ehesten negativ betroffen ist noch der Kurs des Pfundes. Dieses wertete den Tag über von 1,32 Dollar auf weniger als 1,31 Dollar ab. Wie erwartet konnte sich das britische Parlament bei seinen Beratungen über Alternativen zum Brexit-Deal von Premierministerin Theresa May nicht auf eine Option einigen. "Aus meiner Sicht ist das eine Bestätigung meiner alten Sorge: Um einen 'No-Deal' zu vermeiden, muss das Parlament aktiv werden, das heißt eine Mehrheit für einen Weg finden, der 'No Deal' vermeidet", sagte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. "Diesem Parlament ist das nicht mit völliger Sicherheit zuzutrauen – trotz der Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit 'No Deal' eigentlich nicht will."

          „Beten zu Einhörnern“

          Nach Einschätzung von Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com, sollten sich Anleger mit dem Gedanken an einen ungeordneten Brexit anfreunden. "Das Fehlen echter Führung macht es unmöglich, einen praktikablen Kompromiss zu finden."

          Die Unterhaussitzung der vergangen Nacht sei eine Scharade gewesen, schreibt Wilson. Sie habe nur das gezeigt, was man längst wisse: Es gibt im britischen Parlament keine Mehrheit für irgendetwas. May habe zwar mittlerweile mehr Unterstützung in ihrer konservativen Partei, doch könne sie nicht mehr auf die nordirischen Unionisten rechnen. Und wenn sie auf Unterstützung von Labour hoffe, könne sie auch gleich „zu Einhörnern beten“.

          Pfund je Dollar

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          Obwohl sich in den vergangenen Tagen ein leichter Abwärtstrend zeigte, sei der Aufwärtstrend des laufenden Jahres noch nicht gebrochen, meint Wilson. Aber letztlich hänge das alles an der Politik. In den kommenden Tagen sei ein Einbruch des Pfundkurses möglich, wenn es bis zum 12. April keine echten Fortschritte gebe.

          Schier unbeeindruckt zeigen sich britische Staatsanleihen und erst recht der Aktienmarkt. Der läuft weiter nach oben und hat erst in diesen Tagen die 200-Tage-Linie nach oben durchbrochen, was eigentlich ein Signal für eine Trendwende ist. Der Index sei ja international und kein britischer, so die Fama.

          FTSE100

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          Die Rendite zehnjähriger britischer Staatsanleihen fiel zuletzt unter 1 Prozent auf 0,994 Prozent. Das ist der tiefste Stand seit mindesten einem Jahr. Sie bieten dennoch einen erheblichen Renditeaufschlag gegenüber Staatsanleihen aus dem Euroraum. Belgische Anleihen rentieren derzeit bei etwa 0,2 Prozent, französische und finnische bei etwa 0,1 Prozent, Bundesanleihen im Bereich von 0 Prozent. Ob Investoren damit am Ende Geld verdienen, ist letztlich wiederum eine Frage des Wechselkurses.

          Aktuell gewinnt man folgenden Eindruck: Die Anleger liegen vor Anker und hoffen auf eine Beruhigung des Sturmes, der da tobt. Doch der Liegeplatz ist nicht sicher - wehe, wenn der Sturm über ihn hereinbricht.

          Die Ankündigung der britischen Premierministerin Theresa May, an diesem Freitag abermals über ihren bereits zwei Mal im Parlament gescheiterten Vertrag zum EU-Austritt abstimmen zu lassen, zeigt eigentlich mehr diese Lähmung, als dass es einen Hoffnungsschimmer für eine Lösung darstellt.

          Auch ein Rücktritt Mays wäre wohl keine Lösung, sondern ist nur ein durchsichtiger und eher lauwarmer Versuch das zerstrittene Parlaments eines zerstrittenen Lands zu erpressen. Jede Nachfolgerin stünde vor exakt der gleichen Situation, für die es keine Lösung gibt.

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