https://www.faz.net/-gv6-aik78
Bildbeschreibung einblenden

Geldpolitik : Fed fürchtet hartnäckige Inflation

Jerome Powell hat seine Einschätzungen zur Inflation inzwischen verändert. Bild: Reuters

Amerikas Notenbank prüft eine raschere Straffung ihrer Geldpolitik. Ihr Präsident Jerome Powell hält den Preisanstieg nicht mehr nur für vorübergehend.

          3 Min.

          Die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) erwägt angesichts hartnäckiger Inflation, ihrer Geldpolitik etwas schneller zu straffen als bisher geplant. Zur Disposition steht jetzt der Novemberbeschluss der Fed, die monatlichen Anleihekäufe so lange um 15 Milliarden Dollar zu reduzieren, bis sie zur Mitte des kommenden Jahres komplett eingestellt werden.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.
          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Fed-Chef Jerome Powell sagte in der Kongressanhörung, es werde geprüft, das Kaufprogramm einige Monate früher zu beenden. Damit wird ein schnelleres Reduzieren der sogenannten Quantitativen Lockerung vorbereitet. Das folgt aus einer Neubewertung des Inflationsrisikos. Der von der Fed bevorzugte Indikator zeigt Ende Oktober eine Inflationsrate von 5 Prozent über zwölf Monate an. Die Fed verfolgt ein Inflationsziel von 2 Prozent.

          F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

          Werktags um 6.30 Uhr

          ANMELDEN

          Noch bis vor der vergangenen geldpolitischen Sitzung der Fed hatten die Zen-tralbanker an der Formulierung festgehalten, die hohe Inflation sei ein vorübergehendes Phänomen, das keine zinspolitischen Schritte rechtfertige. Von der damit verbundenen Annahme, die Preise blieben nur für kurze Zeit hoch, distanziert sich die Fed jetzt.

          Die Fed geht weiterhin von einer deutlich niedrigeren Rate im kommenden Jahr aus

          Powell und seine Kollegen erwarten zwar weiterhin, dass die Inflation im kommenden Jahr deutlich nachlassen werde, wenn sich Lieferprobleme und Nachfragespitzen verkleinerten. Gleichwohl sei es schwer vorherzusagen, wann die internationalen Lieferketten wieder reibungslos funktionierten. Es zeige sich aber, dass Faktoren, die die Inflation nach oben trieben, bis weit ins nächste Jahr hineinreichten.

          Dazu kommen als Triebkräfte für höhere Preise die schnell verbesserte Lage am amerikanischen Arbeitsmarkt und die kräftig steigenden Löhne. Die Arbeitslosenquote betrug im November 4,6 Prozent, die Anzahl der offenen Stellen blieb mit mehr als zehn Millionen auf einem Rekordniveau. Es sei an der Zeit, die Formulierung „vorübergehend“ zur Beschreibung der Inflation in den Ruhestand zu schicken, sagte Powell. „Das Risiko höherer Inflation hat zugenommen“, fügte er hinzu.

          Die Vorhersage wird aber durch das Auftreten der neuen Coronavirus-Variante Omikron erschwert. Die Delta-Variante hatte Amerikas konjunkturelle Erholung im dritten Quartal verlangsamt. Omikron könnte US-Amerikaner abermals veranlassen, zuhause zu bleiben statt zu reisen, Restaurants aufzusuchen oder offene Stellen zu besetzen.

          Durch Corona kauften viele Konsumenten mehr Güter statt Dienstleistungen

          Die Pandemie hatte dazu geführt, dass viele Amerikaner ihren Konsum generell auf Güter statt auf personenbezogene Dienstleistungen konzentrierten. Das hatte zu stärker steigenden Preisen geführt wie die Lieferengpässe, die durch Logistik- und Produktionsprobleme sowie auch durch Arbeitskräftemangel verursacht waren.

          Die Kombination dieser Faktoren könnte die Inflation nun weiter befeuern. Ein alternatives Szenario ist, dass Omikron die wirtschaftlichen Aktivitäten generell dämpft, weil Unternehmen und Konsumenten Kaufentscheidungen aufschieben. Das gäbe vor allem Produktions- und Logistikunternehmen Zeit, Rückstände abzuarbeiten, und könnte Energiepreise sinken lassen.

          Powell zeigte deutlicher als in früheren Stellungnahmen einen neuen Fokus auf die Inflation, nachdem seine vorherigen Äußerungen vor allem vom Erreichen des geldpolitischen Ziels maximaler Beschäftigung geprägt waren. Die Fed nimmt auch die Erhöhung von Leitzinsen, die aktuell zwischen null und 0,25 Prozent liegen, wieder in den Blick, wie aus seinen Äußerungen hervorgeht. „Um wieder zu dem großartigen Arbeitsmarkt zurückzukehren, den wir vor der Pandemie hatten, werden wir Preisstabilität brauchen“, sagte Powell. Eine hartnäckig hohe Inflation sei ein hohes Risiko auf dem Weg zu einem gesunden Arbeitsmarkt.

          Kurse der Staatsanleihen fielen nach Powells Statement

          Powells Äußerungen ließen die Renditen amerikanischer Staatsanleihen steigen, was mit Kursverlusten der festverzinslichen Wertpapiere verbunden ist. In der zehnjährigen Laufzeit stieg die Rendite zeitweise auf 1,5 Prozent. Allerdings hatte sie Mitte Oktober noch bei 1,7 Prozent gelegen.

          Das frühere Ende des Fed-Kaufprogramms hatte am Dienstag noch den amerikanischen Aktienmarkt belastet. Doch am Mittwoch kam es an den Börsen zu einer Erholung. Der deutsche Börsenindex Dax legte zeitweise um 2 Prozent auf 15 408 Punkte zu. An der Wall Street stieg der Dow-Jones-Index im Handelsverlauf um 0,8 Prozent auf 34 755 Punkte.

          Die Erholung führten Marktteilnehmer auf eine entspanntere Bewertung der Omikron-Risiken zurück. Der Chef-Anlagestratege der Vermögensverwaltung der Schweizer Bank UBS, Mark Haefele, erwartet, dass sich die Aufmerksamkeit der Anleger schrittweise weg von der Omikron-Variante und hin zum Wirtschaftswachstum sowie steigenden Gewinnen verlagern wird. Die jüngsten Inflationsaussagen von Powell stützten die Wachstumszuversicht der Anleger.

          Die EZB sieht die Inflation noch als vorübergehende Erscheinung

          Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte zuletzt dagegen an der Einschätzung festgehalten, dass die Inflation nur ein vorübergehendes Phänomen sei. Präsidentin Christine Lagarde sagte im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass dieser Anstieg der Inflation nicht von Dauer sei und sich im nächsten Jahr beruhigen werde.

          Die Bereitschaft, an dem Anleihekaufprogramm und der sehr expansiven Geldpolitik vorerst festzuhalten, hatte den Euro gegenüber dem Dollar geschwächt. Wurde die europäische Gemeinschaftswährung in der vergangenen Woche zeitweise unter 1,12 Dollar gehandelt, erholte sie sich bis Mittwoch auf 1,1348 Dollar.

          Am 16. Dezember wird die EZB über ihre Geldpolitik entscheiden. Neben der Wende der Fed setzt sie die hohe Inflation unter Druck. In Deutschland sind die Preise im November um 5,2 Prozent gestiegen, so stark wie seit 29 Jahren nicht mehr.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Abschied aus München: Kardinal Ratzinger geht 1982 zur Glaubenskongregation nach Rom.

          Missbrauchsstudie : Was wusste Ratzinger?

          Am Donnerstag wird ein Gutachten zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche veröffentlicht. Es geht darin um einen Priester als Täter – und um die Rolle des vormaligen Papstes.
          Mietshaus in Berlin: Nicht nur in der Hauptstadt erwarten Fachleute steigende Immobilienpreise.

          Immobilienpreise : „Die Party geht weiter“

          Die Immobilienpreise steigen und steigen. In den großen Städten raten die Gutachter mitunter sogar vom Kauf ab. Dafür ziehen mehr Menschen ins Umland und treiben dort die Preise.
          Robert Habeck auf seiner ersten Station: Hamburg.

          Windkraft und Energiewende : Hürden für Habeck

          Um eine explosionsartige Vermehrung der Windkraft durchzusetzen, ist Robert Habeck auf die Länder angewiesen. Und auf sein Talent, der beste Sänger der Ampel zu sein.