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Neue Aussagen vom Fed-Chef : Powell will höhere Inflation hinnehmen

Jerome Powell Bild: AP

Am Anleihemarkt löst Amerikas Notenbankpräsident einen neuen Renditeschub aus. Denn die Fed will auf höhere Preise nach dem Lockdown nicht mit Zinserhöhungen reagieren. Anleger mit Inflationsängsten reagieren mit Aktien- und Anleihe-Verkäufen.

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          Nachdem der Dax zur Wochenmitte ein Rekordhoch von 14.197 Punkten im Handelsverlauf aufgestellt hat, ist der Aufschwung am deutschen Aktienmarkt ins Stocken geraten. Nach einem schwächeren Donnerstag eröffnete der Dax auch am Freitag tiefer. Nach einer halben Handelsstunde wies er 13.960 Punkte auf, ein Abschlag gegenüber Donnerstagabend von 0,7  Prozent. Zu den wenigen Kursgewinner gehörten die Versorger Eon und RWE, die angeblich 2,4 Milliarden Euro vom Bund als Entschädigung für abgeschaltete Atommeiler erhalten.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Aktienmärkte belasten in der zweiten Hälfte dieser Woche Bewegungen auf den Anleihemärkten. Dort stieg die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen am Donnerstagabend auf mehr als 1,5 Prozent. Zu dem Renditeanstieg, der schon in der Vorwoche für Aufsehen gesorgt hatte, trug Amerikas Notenbankpräsident Jerome Powell mit neuen Aussagen in einer Rede und einem Interview mit dem „Wall Street Journal“ wesentlich bei.

          Fed will „geduldig“ sein

          Powell hält es für möglich, dass die Wiedereröffnung der Wirtschaft "einen gewissen Aufwärtsdruck auf die Preise erzeugen könnte“. Gleichzeitig bekräftigte der Chef der Federal Reserve, dass die Notenbank „geduldig" sein werde, bevor sie ihre Geldpolitik ändere – selbst wenn die Inflation vorübergehend anziehen sollte. Genau auf diese Inflationsangst reagieren die Anleger, indem sie niedrigverzinste Anleihen verkaufen, deren Kurse dann fallen während im Gegenzug die Renditen steigen.

          DOW JONES

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          In Reaktion auf Powells Rede und die steigenden Anleiherenditen verloren die amerikanischen Aktienindizes am Donnerstag deutlich. Der Dow Jones sank um knapp 500 Punkte, der S&P 500 rutschte um 1,8 Prozent ab und der Technologieaktienindex Nasdaq 100 fiel besonders deutlich um 1,9 Prozent.

          Renditeanstieg in fast allen Ländern

          In der Vorwoche war die Rendite amerikanischer Staatsanleihen erstmals seit einem Jahr auf mehr als 1,6 Prozent gestiegen. Zum Jahresbeginn hatte sie noch unter 1 Prozent gelegen. Auch die Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit hat seit Jahresanfang zugelegt um rund 0,2 Prozentpunkte auf minus 0,3 Prozent.

          „Dem Phänomen steigender Kapitalmarktrenditen kann sich derzeit kein Land widersetzen. Von den gut 30 Märkten mit 10-jährigen Staatsanleihen, die wir untersucht haben, weisen derzeit alle höhere Renditen auf als zu Jahresbeginn“, heißt es von den Analysten von M.M. Warburg.  Besonders ausgeprägt seien  die negativen Wertentwicklungen mit rund minus sechs Prozent (aus Kurs und zeitanteiligem Kupon, jeweils in Landeswährung) in Neuseeland, Kanada und Australien.

          Mit ihren Anleiheverkäufen, die als höhere Renditeforderungen interpretiert werden können, reagieren die Anleger auf Vermutungen, dass etwa Restaurants und Hotels nach Wiedereröffnung höhere Preise zum Ausgleich für die Umsatzverluste im mehrmonatigen Lockdown verlangen werden und damit die Inflation anheizen. Notenbankpräsident Powell gab zu, dass der rasche Zinsanstieg seine Aufmerksamkeit erregt habe, aber die Fed müsse erst einen ausgeprägteren Anstieg im gesamten Zinsbereich sehen, bevor sie Maßnahmen erwäge.

          „Starker Gegenwind aus USA“

          Anleger rechnen nun mit trotz höherer Inflationserwartung noch lange tiefen Zinsen, zumal auch Notenbanker der Europäischen Zentralbank in dieser Woche sich ähnlich geäußert haben. Die Renditen am Anleihemarkt orientierten sich nach diesen Kommentaren nach oben. „Der Gegenwind aus den USA bleibt stark“, kommentierten die Analysen der Commerzbank am Freitagmorgen.

          Powell gab keine konkreten Hinweise auf Änderungen bei den Wertpapierkäufen der Fed, um den raschen Zinsanstieg der letzten Zeit einzudämmen, was einige Anleger womöglich enttäuschte. Die Notenbank hilft der amerikanischen Konjunktur nicht nur mit sehr niedrigen kurzfristigen Leitzinsen, sondern auch mit monatlichen Wertpapierkäufen im Volumen von 120 Milliarden Dollar. Im Vorfeld der Rede hatten Spekulationen kursiert, dass die Fed eine "Operation Twist " ankündigen könnte. In der Vergangenheit hatte sie als einen ersten Schritt zur Straffung der Geldpolitik kurzfristige Anleihen aus ihren Beständen verkauft und Anleihen mit längeren Laufzeiten kauft.

          Mit dieser „Operation Twist“ hatte die Fed das längerfristige Zinsniveau versucht, auf niedrigem Niveau zu halten, aber einen leichten Renditeanstieg am kurzen Ende zugelassen.  Powell sagte nun am Donnerstag, die Fed werde an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten trotz des einsetzenden Aufschwungs. Er erwarte keine Rückkehr zur Vollbeschäftigung in diesem Jahr. Die Fed werde aber auch im Fall deutlich verbesserter Bedingungen am  Arbeitsmarkt nicht überstürzt handeln.

          Powell erwartet  bei der Inflation einen Anstieg im Rahmen einer Konsumwelle, der jedoch Merkmale eines Einmaleffekts haben sollte.  Powell betonte, dass er nicht mit einer dauerhaften Verfestigung der Inflation rechne. Ein Preisanstieg über das 2 Prozentziel der Fed für ein paar Quartale oder länger werde nicht dazu führen, dass sich die langfristigen Inflationserwartungen der Verbraucher wesentlich ändern. „Wir haben die Instrumente, um sicherzustellen, dass die langfristigen Inflationserwartungen bei 2 Prozent gut verankert sind", sagte Powell.

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