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Verdacht des Schönrechnens : EZB: Banken unterschätzen Risiken

Im Eurowower in der Frankfurter Innenstadt sitzen die Bankenaufseher der EZB. Bild: Lucas Bäuml

Die Institute weisen ihre Bilanzrisiken in einem zu geringen Umfang aus. Die Aufseher der EZB beanstanden bei 65 Instituten mehr als 5000 Mängel.

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          Die europäischen Großbanken weisen ihre Bilanzrisiken viel zu gering aus. Das ist das Ergebnis einer Prüfung der Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB), die am Montag veröffentlicht wurde. In der fünfjährigen Untersuchung bei 65 von der EZB direkt beaufsichtigten Großbanken stellten die Aufseher mehr als 5000 Mängel in den von den Instituten zur Berechnung ihrer Bilanzrisiken verwendeten Risikomodellen fest.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die EZB-Aufseher veranlassten die Banken zu Korrekturmaßnahmen, in deren Folge die nach ihren jeweiligen Risiken gewichteten Bilanzpositionen, insbesondere Kreditrisiken, um 12 Prozent oder rund 275 Milliarden Euro stiegen. Daraus ergab sich nach Angaben der EZB im Durchschnitt eine um 0,7 Prozentpunkte geringere harte Eigenkapitalquote. Trotzdem dürfen die Banken weiterhin ihre internen Risikomodelle zur Berechnung ihres erforderlichen Eigenkapitals verwenden, wenn sie die beanstandeten Mängel innerhalb der vorgegebenen Fristen beheben und die Berechnungsmethoden den rechtlichen Anforderungen entsprechen.

          Die internen Risikomodelle sind nach der Finanzkrise im Jahr 2008 in den Blickpunkt der Bankenaufseher in der ganzen Welt gerückt, weil sie Anlass zur Vermutung geben, die Banken rechneten sich schön. Das heißt, sie weisen ihre Bilanzrisiken in einem zu geringen Umfang aus und halten deshalb als Verlustpuffer zu wenig Eigenkapital vor. Die Banken halten dagegen, dass die Aufseher die Risikomodelle genehmigen müssen. Zudem würden diese auf eigenen historischen Datenreihen beruhen und somit eine genauere Erfassung der Risiken ermöglichen als pauschale Standardansätze.

          Bevorzugung von Staatsanleihen

          Tatsache ist, dass die für die Eigenkapitalunterlegung maßgeblichen Risikoaktiva nur einen Bruchteil der Bilanzsumme ausmachen. Denn Risiken aus Staatsanleihen müssen zum Beispiel nicht mit Eigenkapital unterlegt werden, weil sie aufsichtsrechtlich als ausfallsicher angenommen werden. Wie der Schuldenschnitt Griechenlands im März 2012 gezeigt hat, ist diese Annahme falsch. Jedoch gibt es in der Eigenkapitalunterlegung von Staatsanleihen wenig Fortschritte. Denn im Basler Ausschuss der Bankenaufseher, der die international verbindlichen Bankenregeln (Basel IV) beschließt, gibt es dagegen Widerstände, insbesondere aus Ländern mit hoher Staatsverschuldungen wie Japan oder Italien.

          In den noch umzusetzenden Basel-IV-Regeln werden die internen Risikomodelle stark eingeschränkt. Die Banken müssen ihre Kapitalanforderungen zu 72,5 Prozent nach dem Standardansatz für Kreditrisiken berechnen. Somit darf der nach internen Modellen berechnete Eigenkapitalbedarf nur um 27,5 Prozent geringer ausfallen als der Standardansatz.

          Mehr Vertrauen in die Modelle

          Die EZB-Untersuchung mit dem Namen „Targeted Review of Internal Models“ (Trim) hatte zum Ziel, die internen Modelle zwischen den Banken besser vergleichbar und damit verlässlicher zu gestalten. Die internen Modelle sollen nur bei unterschiedlichen Risikoprofilen der Banken unterschiedliche Ergebnisse liefern. Der Chefaufseher der EZB, Andrea Enria, bezeichnete Trim als bisher größtes Projekt der EZB. Trim trage zu gleichen Wettbewerbsbedingungen für europäische Banken bei, sagte er. Aber es ging auch darum, den Verdacht des Schönrechnens zu entkräften und das Vertrauen in die internen Modelle zu stärken.

          Die Prüfung hatte auch deutsche Banken betroffen. So hatte Trim bei dem Wiesbadener Immobilienfinanzierer Aareal Bank die harte Kernkapitalquote im Jahr 2018 um 2,4 Prozentpunkte gedrückt. Die Deutsche Apotheker- und Ärztebank hatte vor Jahren Trim Tribut in Form einer rückläufigen Eigenkapitalquote zollen müssen.

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