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Anleihekaufprogramm : Gedämpfte Erwartungen vor der EZB-Sitzung

Eingangshalle der Europäische Zentralbank in Frankfurt: Welchen Weg schlägt Draghi ein? Bild: Frank Röth

Wie lange wird die Europäische Zentralbank noch an ihrer bisherigen Geldpolitik festhalten? Der Anleihemarkt erwartet von Mario Draghi allenfalls vorsichtige Andeutungen eines Ausstiegs aus dem Anleihekaufprogramm.

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          Mit 0,33 Prozent rentierte die zehnjährige Bundesanleihe am Dienstag zu Handelsschluss. Das ist kein Niveau, das die Erwartung einer drastischen Änderung der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank ausdrückt. Der Zentralbankrat kommt am Donnerstag zu seiner ersten Sitzung nach der Sommerpause zusammen. Und während weiterhin die Erwartung weit verbreitet ist, dass Präsident Mario Draghi noch im Herbst für das kommende Jahr eine Reduzierung und eventuell auch eine Einstellung der Anleihekäufe von derzeit 60 Milliarden Euro im Monat ankündigen wird, vermuten die meisten Marktteilnehmer eine entsprechende Kommunikation nach der Sitzung in der zweiten Oktoberhälfte. Für den Donnerstag werden von Draghi allenfalls Andeutungen über eine Besserung der Wirtschaftslage in der Eurozone erwartet, die das Feld für weiter reichende Änderungen im Oktober vorbereiten könnten.

          Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, warum der Markt noch keine weitreichenden Ankündigungen von der EZB erwartet. Ein Grund ist die Aufwertung des Euros in den vergangenen Monaten. Aktuell notiert ein Euro bei 1,19 Dollar nach 1,04 Dollar zu Jahresbeginn. Zwar wurde am Markt aufmerksam vermerkt, dass Draghi den Wechselkurs bei seinen jüngsten öffentlichen Äußerungen nicht thematisiert hatte. Somit sollte der aktuelle Wechselkurs die EZB nicht sehr beunruhigen, aber die Währungshüter dürften kein Interesse an einer weiteren kräftigen Aufwertung besitzen.

          Schwieriger Balanceakt für Draghi

          Von einem „schwierigen Balanceakt für Draghi – und einem entscheidenden für die Märkte“ spricht die französische Fondsgesellschaft Carmignac. Es habe angesichts der starken Konjunktur wenig Sinn, geldpolitische Notmaßnahmen wie die Anleihekäufe unverändert weiterzuführen, aber gleichzeitig dürfte die EZB kein Interesse an Turbulenzen an den Finanzmärkten haben, heißt es in Paris. Auch das Analysehaus Oxford Economics sieht die Besserung der Konjunktur in der Eurozone als einen Anlass für Änderungen am Anleihekaufprogramm und den Wechselkurs nicht als Hinderungsgrund für eine solche Entscheidung.

          Die EZB dürfte Änderungen des Kaufprogramms vermutlich eher im Oktober als im September beschließen, vermuten die Analysten. Zudem werde Draghi Worte wählen, die Änderungen des Anleihekaufprogramms mit der Botschaft verbänden, eine geldpolitische Normalisierung stehe noch nicht ins Haus. Nach der Veröffentlichung neuer Stimmungsindikatoren halten manche Ökonomen im laufenden Jahr eine Rate des Wirtschaftswachstums von etwas über 2 Prozent für möglich. Das wäre das kräftigste Wirtschaftswachstum seit vielen Jahren.

          Doch es gibt einen zweiten Grund, warum viele Marktteilnehmer keine starke Neuausrichtung der Geldpolitik erwarten: Die Inflationsrate in der Eurozone lag zuletzt bei 1,5 Prozent und damit etwas unter der Zielmarke der EZB. Marktdaten zeigen, dass auch in den kommenden Jahren keine deutliche Beschleunigung der Geldentwertung erwartet wird. Die EZB erwartet bisher mit der fortschreitenden Erholung der Konjunktur auch allmählich wieder anziehende Inflationsraten.

          Allerdings wirkt das amerikanische Beispiel ernüchternd: Selbst im neunten Jahr des laufenden Konjunkturaufschwungs will die Inflation in den Vereinigten Staaten nichts ins Laufen kommen. Daher haben auf der anderen Seite des Atlantiks Anleger und Analysten ihre Erwartungen hinsichtlich weiterer Leitzinserhöhungen reduziert.

          Schwache Inflationsentwicklung führen zur niedrigen Renditen

          Auch in der amerikanischen Federal Reserve gibt es solche Überlegungen. „Meiner Ansicht nach sollten wir vorsichtig sein, die Geldpolitik weiter zu straffen, bis wir zuversichtlich sind, dass die Inflation auf dem richtigen Weg ist“, sagte Lael Brainard in New York. Sie gehört dem Führungsgremium der Fed an. „Die Beharrlichkeit, mit der die Inflationsrate unser Ziel verfehlt, sollte eine der Erwägungen bei der Festlegung unserer Geldpolitik sein“, führte Brainard weiter aus.

          Die unerwartet schwache Inflationsentwicklung ist ein wesentlicher Grund für die sehr niedrige Rendite von 2,10 Prozent für die zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen. Dies ist der niedrigste Stand seit November 2016. Angesichts eines Wirtschaftswachstums von rund 2 Prozent und einer Inflationsrate von knapp 2 Prozent müsste die Rendite eigentlich höher sein, zumal die Fed bald eine Reduzierung ihrer Anleihebestände ankündigen dürfte.

          Brainard hält es für möglich, dass die Rendite der Zehnjährigen etwas zulegt. Niedrig gehalten wird die Rendite nicht zuletzt von einer starken Nachfrage von Großanlegern aus dem Ausland, die amerikanische Staatsanleihen wegen ihrer Sicherheit im Vergleich zu vielen anderen Kapitalanlagen hochschätzen. Diese Käufe dürften die Rendite weiter niedrig halten.

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