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Krise ist noch nicht vorbei : EZB sorgt sich wegen „abrupter Korrekturen“

Haben die Banken das Schlimmste womöglich noch vor sich? Bild: dpa

Die Notenbank sieht einen „bemerkenswerten Überschwang“ an den Finanzmärkten. Womöglich zeigten sich manche Krisenfolgen bei den Banken erst mit etwas Zeitverzögerung.

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          Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht erhöhte Gefahren für die Finanzstabilität in der Eurozone. Gründe dafür seien unter anderem der „bemerkenswerte Überschwang“ an den Finanzmärkten, schreibt die Notenbank in ihrem Finanzstabilitätsbericht, der am Mittwoch vorgestellt wurde. Die Formulierung, angelehnt an die berühmte Bemerkung des ehemaligen Fed-Chefs Alan Greenspan zum „irrationalen Überschwang“ während der Dotcom-Blase, unterstreicht die wachsende Sorge, dass die fiskalischen und geldpolitischen Anreize zur Bekämpfung der Krise zunehmend Ungleichgewichte aufbauen. Dies löse Sorge vor „abrupten Korrekturen“ von Vermögenspreisen aus.

          Der Bericht weist auch auf „Überschwang“ bei Kryptowährungen hin, die teilweise als Schutz gegen die Inflation gekauft werden: „Der Anstieg des Bitcoin-Kurses stellt frühere Finanzblasen wie die Tulpenmanie und die Südseeblase im 16. und 17. Jahrhundert in den Schatten.“

          Deutlich höhere Insolvenzquoten nicht auszuschließen

          Insbesondere in einigen Ländern des Euroraums seien „deutlich höhere Insolvenzquoten als vor der Pandemie nicht auszuschließen“, meint die EZB. Das könnte wiederum Staaten und Banken belasten, die während der Pandemie Unternehmen stützten. „Eine höhere Schuldenlast der Unternehmen in Ländern mit größeren Dienstleistungssektoren könnte den Druck auf Regierungen und Banken in diesen Ländern erhöhen“, sagte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos. Auf Nachfrage erläuterte er, besonders getroffen seien Sektoren wie Gastronomie und Tourismus. In Ländern, in denen der Tourismus eine große Rolle spiele, seien die Risiken aus diesem Wirtschaftsbereich auch für Banken überdurchschnittlich. Der Sommer 2021 schicke sich zwar an, für die Tourismusbranche besser als der des Jahres 2020 zu werden, aber doch nicht vergleichbar mit 2019. Auch auf Risiken für Banken speziell aus der Finanzierung von Gewerbeimmobilien wies de Guindos hin.

          Institute sollten sich für höhere Ausfälle rüsten

          Für Banken könnten sich mögliche Kreditrisiken erst mit etwas Zeitverzug materialisieren, warnte die EZB. Die Institute sollten sich mit einer erhöhten Vorsorge rüsten. Aufmerksam verfolgt die Notenbank auch die enge Verzahnung von Staaten und Banken über die Staatsanleihen. In diesem Zusammenhang weist sie auf die gestiegene Staatsverschuldung hin. „Nationale politische Maßnahmen zur Unterstützung von Haushalten und Unternehmen während der Pandemie haben die Gesamtverschuldung des Staates im Euroraum um 14 Prozentpunkte auf 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht.“

          Zusätzlich im Auge behalten werden müssten Garantien und implizierte Verpflichtungen der Staaten, deren Bedeutung in früheren Krise deutlich geworden sei. Historisch seien Eventualverbindlichkeiten in Wellen aufgetreten und könnten eine erhebliche Risikoquelle für Staaten darstellen. Insbesondere die globale Finanzkrise und die Staatsschuldenkrise im Euroraum hätten gezeigt, dass die damit verbundenen fiskalischen Kosten im Durchschnitt etwa 5 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen konnten und in einigen europäischen Ländern sogar 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts überschritten haben. „Die Kosten wurden durch den deutlichen Rückgang des BIP-Wachstums, der mit der Entstehung von Eventualverbindlichkeiten einherging, noch verschärft“, schreibt die EZB.

          Klimawandel birgt Risiken für Banken 

          Auch der Klimawandel könne erhebliche Risiken für die Finanzstabilität bergen, heißt es in dem Bericht. Die Gefahren könnten bis zu ein Drittel der Kreditengagements von Banken gegenüber nichtfinanziellen Unternehmenskunden betreffen, schreibt die Notenbank. Aus dem Klimawandel gebe es für Banken sowohl physische („Das Unternehmen liegt zu dicht am Meer“) als auch sogenannte transitorische Risiken durch Regulierung („Der Staat könnte irgendwann Verbrennungsmotoren verbieten“).

          Betrachte man die einzelnen Risiken, so seien die Banken der Eurozone mit rund 10 Prozent ihres Kreditportfolios bei Unternehmen engagiert, die starken oder steigenden Klimarisiken im Zusammenhang mit Hitze und Wasser ausgeliefert seien, wie möglichen Überschwemmungen, Wassermangel oder den Folgen von Waldbränden. Den EZB-Fachleuten zufolge könnte die Bedeutung derartiger Risiken zunehmen, falls Emissionen längerfristig nicht wirksam verringert würden und es den Unternehmen und den Volkswirtschaften nicht gelinge, sich an den Klimawandel anzupassen: „Eine Zunahme von zusammenhängenden oder zusammengesetzten Ereignissen kann die Auswirkungen der jeweiligen Risiken verstärken und zu einer Häufung führen, wobei die Möglichkeiten zur Diversifizierung begrenzt sind.“

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