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EZB : Deutsche Versicherer trifft die Geldpolitik besonders

EZB-Präsident Mario Draghi ist der Herr über den Niedrigzins. Bild: AP

Der Niedrigzins von EZB-Präsident Mario Draghi habe die deutschen Sparer enteignet, lautet ein Vorwurf der Branche. Stimmt das wirklich?

          3 Min.

          Seit Mario Draghi im November 2011 Präsident der Europäischen Zentralbank wurde, hat er sich vor allem in der deutschen Versicherungswirtschaft keine Freunde gemacht. Nachdem er während der Zeit der Spannungen um die Euro-Schuldenstaaten die Stabilisierung der Währung zur Priorität erklärt hatte, näherten sich die Zinsen für Staatsanleihen der Nulllinie. Den Versicherern fiel es immer schwerer, Renditen zu erwirtschaften, die ihnen erlaubten, für ihre Kunden die versprochenen Garantien zu erfüllen. Der Branchenverband GDV nannte die Geldpolitik ein Experiment mit offenem Ausgang.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Wie viel deutsche Sparer tatsächlich verloren haben, wurde seither nur unbefriedigend beantwortet. Denn im Wesentlichen bestanden die Analysen darin, das Zinsniveau vor der EZB-Interventionen fortzuschreiben und die Kapitalerträge miteinander zu vergleichen. So kam etwa die DZ Bank im Jahr 2016 auf eine Zinseinbuße der Bürger von 344 Milliarden Euro in den sechs Jahren nach 2010. Das Institut der genossenschaftlichen Gruppe definierte diesen Verlust relativ zu einem „Normalzinsniveau“. Doch was „normal“ und was außergewöhnlich sei, wurde in der Untersuchung nicht diskutiert. Als positiver Effekt wurde dem Verlust eine Zinsersparnis bei Krediten von 145 Milliarden Euro gegenübergestellt. So habe der Gesamtverlust innerhalb dieser sechs Jahre 199 Milliarden Euro betragen.

          Untersuchungen dieser Art haben zwei Nachteile: Die Methodik ist wie beschrieben nicht sehr ausgefeilt, und der Urheber ist Partei und vertritt selbst ein Lobbyinteresse. Deshalb ist erfreulich, dass unabhängige Forscher der Goethe-Universität in einer gerade veröffentlichten Studie der Frage nachgehen, welchen Einfluss geldpolitische Interventionen auf Versicherer haben. Vorweg sei gesagt: Das Paper der Finanzprofessorin Loriana Pelizzon und Matteo Sottocornolas, eines Mitarbeiters der Aufsichtsbehörde Eiopa, liefert keine griffigen Zahlen, die man mit denen der DZ Bank vergleichen könnte, dafür ist es akademisch sehr viel versierter, und die Aussagen sind damit allgemeingültiger.

          Wie stark hat der Sparer unter der Geldpolitik gelitten?

          In der Studie, die am Frankfurter Zentrum SAFE (Nachhaltige Finanzarchitektur in Europa) entstanden ist, weisen sie nach, wie in fünf Phasen seit dem Jahr 2008 Ankündigungen der EZB auf den Börsenwert von Versicherungsunternehmen gewirkt haben. Um die Grundtendenz zu überprüfen, testen sie anschließend die Entwicklung der Preise für sogenannte Credit Default Swaps, mit denen man sich gegen einen Zahlungsausfall der Unternehmen absichern kann. Die geldpolitische Lockerung (Quantitative Easing, QE) habe einen „moderaten negativen Effekt“ auf Versicherer gehabt. Je weiter sich die Finanzmärkte allerdings aus der Krise heraus bewegt hätten, desto geringer sei der Einfluss auf die Aktienkurse gewesen, die ja widerspiegeln, welche künftigen Erträge Anleger erwarten und die damit ein guter Indikator für den Effekt der geldpolitischen Intervention sind.

          Eine wichtige Unterscheidung ziehen die beiden Forscher: Der Effekt auf einen einzelnen Versicherer hängt von seiner Größe und von seinem Anlageportfolio ab. In Staaten wie Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Spanien, wo Versicherer sehr stark auf festverzinsliche Wertpapiere setzen, um ihre langfristigen Zinsversprechen an Kunden zu erfüllen, sei der Effekt sehr groß. Deutsche Versicherer werden in der Studie zwar nicht explizit erwähnt. Aber es gibt auch für sie Daten, und mit der starken Fokussierung auf Altersvorsorgeprodukte mit langen Garantien haben auch sie unter dem Verfall des Zinses stärker zu leiden gehabt als etwa Marktteilnehmer in den angelsächsischen oder den skandinavischen Ländern, die von der Geldpolitik vergleichsweise wenig stark getroffen waren.

          Wie stark also hat der Sparer unter der Geldpolitik gelitten? Das ließe sich wohl nur durch eine Studie ermitteln, die noch komplexer als die Frankfurter Untersuchung und mit gleicher Lust zu griffigen Zahlen verfasst wäre wie die der DZ Bank. Kaum lässt sich isolieren, wie womöglich der Sparer durch eine Stimulierung der Wirtschaft durch niedrige Zinsen mittelbar profitiert hat. Verteidiger der EZB-Politik weisen auch auf die starken Rentenerhöhungen der vergangenen Jahre hin, die sich durch die gute Konjunktur ergaben und insbesondere die Bevölkerungsgruppen einbezogen haben, die nicht genug Mittel für eine private Altersvorsorge zurücklegen können.

          Einen recht objektiven und unabhängigen Blick auf die Lage der Versicherer in Zeiten des Niedrigzinses liefert alljährlich der Finanzstabilitätsbericht der Deutschen Bundesbank. Ein Jahr nach Einführung neuer Kapitalregeln (Solvency II) hätten deutsche Lebensversicherer Ende 2016 im Median (die Hälfte der Gruppe lag darunter) 291 Prozent der erforderlichen Mittel aufgewiesen. Allerdings hätten dabei auch zwei Drittel der Unternehmen auf Übergangsregeln zurückgegriffen, die ihnen die Kalkulation erleichtern. 14 von 87 Unternehmen hätten ohne diese nicht das Mindestkapital erreicht. Dass der Gesetzgeber 2014 eine Reform der Lebensversicherung beschlossen hat, hätte die Unternehmen aber merklich um rund 10 Prozent ihrer Verpflichtungen entlastet.

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