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EZB-Bericht : Müde Banken, hungrige Fonds, teure Häuser

Die EZB hat ihren halbjährlichen Bericht zur Finanzstabilität vorgestellt. Bild: Helmut Fricke

Die Debatte um die Nebenwirkungen der Geldpolitik bekommt neue Nahrung – mit einem Bericht der EZB zur Finanzstabilität.

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          Die Europäischen Zentralbank (EZB) selbst betont in jüngster Zeit auffällig stark, dass ihre unkonventionelle Geldpolitik auch unerwünschte Nebenwirkungen hat. Schon zum zweiten Mal in dieser Woche hob EZB-Vizepräsident Luis de Guindos das am Mittwoch hervor, als er den halbjährlichen Bericht der Notenbank zur Finanzstabilität in Frankfurt vorstellte. „Die Nebenwirkungen der Geldpolitik werden immer offensichtlicher, das müssen wir berücksichtigen“, sagte der Spanier. Ähnlich hatte er sich schon am Montag zum Auftakt der Veranstaltung „Euro Finance Week“ geäußert. Offenbar ist es der Notenbank im Augenblick selbst ein Anliegen, auf die negativen Begleiterscheinungen bestimmter geldpolitischer Instrumente hinzuweisen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zwei Punkte stellt der Stabilitätsbericht besonders in den Mittelpunkt, bei denen das Niedrigzinsumfeld zumindest zu Risiken für die Finanzstabilität führen könnte, ohne dass allerdings alarmistische Töne angeschlagen werden: ertragsschwächere Banken – sowie Nichtbanken wie Fonds und große Vermögensverwalter mit einem ungewöhnlich großen Risikoappetit. Zum einen sei die Profitabilität der Banken Europas im Augenblick vergleichsweise niedrig und werde weiter sinken. Derzeit hätten 75 Prozent der wichtigen Banken eine Profitabilität – gemessen an der durchschnittlichen gewichteten Eigenkapitalrendite – von weniger als 8 Prozent. Die Prognose der Notenbank sagt für die nächsten beiden Jahre noch einen weiteren Rückgang voraus, für die schwächeren Institute werde sie bis zum Jahr 2021 auf etwa 3 Prozent sinken.

          Man erinnere sich: In guten Zeiten hatte die Deutsche Bank unter Josef Ackermann sogar 25 Prozent – damals allerdings vor Steuern – angestrebt. „Die Eigenkapitalrendite der Banken im Euroraum wird weiter unter Druck bleiben – und zwar sowohl aufgrund der schwächeren Konjunkturaussichten als auch aufgrund anhaltender Kostenineffizienzen und Überkapazitäten“, meint die EZB. Dennoch hält die Notenbank den Bankensektor insgesamt für robust. Die EZB räumt ein, dass Banken, die stark vom Zinsüberschuss leben, von den Niedrigzinsen getroffen werden – betont aber die hausgemachten Ursachen wie die mangelnde Kosteneffizienz.

          Negativzinsen bei Banken vom ersten Euro an

          Über Fonds, große Vermögensverwalter und auch Versicherer, also die „Nichtbanken“ im Finanzsystem, berichtet die EZB von einem größer gewordenen Risikoappetit. Analog zur Angst vor einem „Bank run“, einem Sturm auf die Bankschalter, müsse man auch bei großen Kapitalsammelstellen aufpassen, dass keine Gefahren für die Finanzstabilität erwüchsen. Eine „kontinuierliche und gründliche Kontrolle“ der Risiken sei geboten.

          Auch den Immobilienmarkt sprach der EZB-Vizepräsident an. Zumindest in manchen Ländern des Euroraums gebe es lokale Übertreibungen an den Immobilienmärkten, englisch „Exuberance“. Die Formulierung von der „Irrational exuberance“ nimmt de Guindos dabei aber nicht in den Mund, jene irrationalen Übertreibungen, mit denen der Yale-Ökonom Robert Shiller und der frühere Fed-Chef Alan Greenspan unter Berufung auf John Maynard Keynes’ Theorie der „Animal Spirits“ („animalische Instinkte“) die Entstehung von Finanzblasen durch „Angst“ und „Gier“ erklärt hatten. Der EZB-Bericht kommt gleichwohl zu dem Ergebnis, zumindest in einigen Ländern der Eurozone könne ein höherer „antizyklischer Kapitalpuffer“ für Banken geboten sein – ein typisches Instrument zur Vermeidung und Bekämpfung von Finanzblasen.

          Nicht zuletzt die ersten Negativzinsen bei Banken vom ersten Euro an hatten in dieser Woche die Diskussion um Niedrigzinsen und Geldpolitik wieder befeuert. Während relativ klar ist, dass die Notenbank nicht der Verursacher des Niedrigzinsumfeldes ist, wie de Guindos nochmal hervorhob, sondern dass dabei vielfältige Faktoren von der Demographie über die technische Entwicklung bis hin zum schwächeren Wirtschaftswachstum eine Rolle spielen, war beispielsweise die weitere Senkung die Einlagenzinsen durchaus eine Entscheidung der Notenbank.

          Kritik von Ziemiak

          Nicht nur der bayerische Sparkassenverband hat sich kritisch geäußert. Es bereite ihm einerseits Sorgen, dass die Margen immer geringer würden, sagte Bayerns Sparkassenpräsident Ulrich Netzer. Anderseits würden mit der Konjunkturabschwächung voraussichtlich die notleidenden Kredite zunehmen.

          Auch der Generalsekretär der CDU, Paul Ziemiak, kündigte vor dem Parteitag im Gespräch mit dem Journalisten Gabor Steingart an, die EZB zu einem Thema machen zu wollen. „Das größte Problem, was wir gerade bei der Strategie der EZB erleben, ist, dass die Menschen Vertrauen in dieses Geldsystem verlieren“, wetterte er. „Wenn dieser Ankauf von Staatsanleihen so weitergeht, dann braucht es eine europäische Lösung“, sagte Ziemiak. „Insofern, sagen wir nein – wir wollen diesen grenzenlosen Ankauf von Staatsanleihen in Zukunft nicht mehr.“ Die EZB solle sich „auf ihr Mandat fokussieren“.

          Das künftige EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hingegen verteidigte die EZB öffentlich. „Bitte helfen Sie, die schädlichen und falschen Darstellungen über die Geldpolitik der EZB zu vertreiben, die in politischen und in Medien-Zirkeln unterwegs sind“, wandte sich die Volkswirtin via Twitter an ihre deutschen Kollegen aus der Ökonomenzunft. „Diese bedrohen den Euro mehr als viele andere Dinge.“ Wohlbegründete Kritik an der EZB sei aber dennoch sehr wichtig. Weil die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde angekündigt hat, man müsse über die Geldpolitik auch in Deutschland mehr mit der breiten Bevölkerung kommunizieren, sie selbst aber bislang kaum Deutsch spricht, könnte auch dem neuen Direktoriumsmitglied Schnabel dabei eine wichtige Rolle zukommen.

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