https://www.faz.net/-gv6-adjkt

Europäische Zentralbank : Das Inflationsziel wird flexibler

  • Aktualisiert am

Die EZB hat ihr Inflationsziel geändert. Bild: Nerea Lakuntza

Es war schon vorher kolportiert worden, und so ist es keine Überraschung: Die EZB ändert ihr Inflationsziel. Künftig strebt sie eine jährliche Inflation von zwei Prozent an.

          3 Min.

          Europas Währungshüter verschaffen sich, wie vor der Strategiepräsentation vom Donnerstag kolportiert, beim Thema Inflation mehr Spielraum. Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt künftig für den Euroraum eine jährliche Teuerungsrate von 2 Prozent an, wie die Notenbank am Donnerstag mitteilte. Das ist etwas mehr als die bisher veranschlagten „unter, aber nahe zwei Prozent“.

          Künftig wird die EZB in ihrem Bestreben, mittelfristig Preisstabilität im Währungsraum der 19 Staaten sicherzustellen, zumindest zeitweilig Inflationsraten akzeptieren, die „moderat über dem Zielwert“ liegen. Mit einem solchen „symmetrischen“ Inflationsziel ist die Notenbank nicht mehr unmittelbar zu einer Reaktion gezwungen, sollten die Preissteigerungsraten zeitweilig nach oben oder nach unten von dem prozentualen Ziel abweichen.

          Die Euro-Währungshüter empfehlen zudem, künftig auch die Preise für selbstgenutzte Wohnimmobilien mit in die Berechnung der Inflationsrate aufzunehmen, die für sie ein zentraler Gradmesser für ihre Geldpolitik ist. Dies sieht die EZB jedoch als längeren Prozess.

          Das veränderte Inflationsziel ist ein Kernergebnis der Überprüfung der geldpolitischen Strategie, die die seit November 2019 amtierende EZB-Präsidentin Christine Lagarde angestoßen hatte. In den vergangenen 18 Monaten ging es um die Formulierung von Preisstabilität, das geldpolitische Instrumentarium und die Kommunikation der Notenbank.

          Hauptziel der Notenbank ist weiter ein ausgewogenes Preisniveau, also Preisstabilität. Diese sieht die EZB am ehesten gewährleistet, wenn die Preise im Euroraum moderat steigen. Daher wurde schon bei Gründung der EZB im Juni 1998 ein Inflationsziel mit Abstand zur Nullmarke gewählt.

          Allerdings lag die Teuerungsrate im Euroraum seit 2013 oft deutlich unter dem Wert von 2 Prozent, obwohl die EZB seit Jahren gewaltige Summen billiges Geld in die Märkte schleust und die Zinsen auf Rekordtief hält. Kritiker warfen der EZB schon lange vor, sich mit ihrem starren Inflationsziel in eine Sackgasse manövriert zu haben und forderten mehr Spielraum.

          „Geldpolitik wird locker bleiben“

          „Mit der Einführung eines symmetrischen Inflationsziels verfügt die EZB über eine größere Flexibilität“, sagt Ralf Umlauf von der Helaba. Auch in der Instrumentenwahl könne sie auf eine Reihe von Maßnahmen, die in der Krise entwickelt wurden, weiter zugreifen. Da zudem das Ziel auf 2 Prozent angehoben wurde, könne davon ausgegangen werden, dass die Geldpolitik bis auf weiteres locker bleibe. Das geänderte Inflationsziel könne auch ein Versuch der Währungshüter sein, die Inflationserwartungen dauerhaft auf ein höheres Niveau zu hieven. „Die Erwartungen haben auch Einfluss auf die Preisbildung an den verschiedenen Güter- und Arbeitsmärkten. Aus Sicht der Anleger steigt gleichwohl das Risiko höherer Preissteigerungen angesichts dessen und der Gemengelage aus expansiver Geld- und Fiskalpolitik."

          Mit Blick auf das Jahr 2022 werde die Ankündigung es den Tauben im EZB-Rat leichter machen, für eine Fortsetzung der lockeren Geldpolitik zu plädieren, meint auch Marchel Alexandrovich von der Investmentbank Jefferies. „Aber vielleicht wird ab 2023 die Inflationsrate im Euro-Raum nach oben korrigiert, weil die Wohnkosten in den HVPI-Warenkorb (der Inflationsberechnung)aufgenommen werden – damit wird die politische Debatte viel komplizierter.“

          „Viel Lärm um fast nichts"

          Es sei zu begrüßen, dass der EZB-Rat sich nicht auf einen ausdrücklichen Bezug auf die Durchschnittsinflationsrate eingelassen habe, sagt Friedrich Heinemann vom Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW. „Dies wäre als klare Ansage verstanden worden, nun erst einmal jahrelang eine Inflation auch weit über 2 Prozent zuzulassen.“ Gleichwohl bereite das neue Ziel höheren Inflationsraten den Weg. Der ausdrückliche Verweis, dass moderate Zielüberschreitungen zeitweilig hingenommen werden müssten, schwäche die Verbindlichkeit des Ziels als Obergrenze.

          Unglücklich sei der Zeitpunkt der Strategieentscheidung. Just als einige Euro-Staaten von den Anleihekäufen der EZB abhängig geworden seien, senke diese ihre langfristigen Ambitionen bei der Inflationsbegrenzung. Das könne als Signal verstanden werden, dass die EZB sogar in Strategieentscheidungen nun schon ängstlich auf die Absicherung hoher Schuldenstände schaue.

          Lapidar dagegen die Aussage von Carsten Brzeski von der ING: „Letztlich war das viel Lärm um fast nichts.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Merkel, die Krisenkanzlerin : Rasierklingenritte und Wendepunkte

          Von der Finanz- über die Klima- bis zur Corona-Krise: Die Leistungen eines Kanzlers zeigen sich in den Krisen, die er zu bewältigen hatte. Das hat Angela Merkel einmal gesagt. Daran muss sich die scheidende Regierungschefin messen lassen. Eine Bilanz.
          Eine Projektionsfigur: Saskia Esken

          Der Fall Saskia Esken : Was diese Frau so alles betreibt

          Wenn sie nicht im Fernsehen redet, versteckt sie sich. Wenn sie redet, verstellt sie sich. Saskia Esken dient ihren Gegnern im Wahlkampf als Unperson, die für jede Projektion gut ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.