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Expertenmeinungen : Die Fed richtet sich nach dem Aktienmarkt

  • Aktualisiert am

Die Federal Reserve in Washington Bild: Reuters

Die amerikanische Notenbank hat ihre Geldpolitik deutlich verändert. Für viele Beobachter ein deutliches Zeichen, wie sehr sie sich nach den Aktienmärkten richtet, auch wenn manche das nicht überraschend finden.

          Die amerikanische Notenbank Fed hat die Finanzmärkte mit einem klaren Kurswechsel überrascht. Vorsicht und Geduld lautet das Gebot der Stunde, wie die Federal Reserve am Mittwochabend nach ihrer ersten Zinssitzung des Jahres mitteilte. Zinsanhebungen sollen erst einmal nicht mehr anstehen- oder ist es sogar das Ende des 2015 begonnenen Straffungskurses? Die Fed legt sich in dieser Frage nicht fest, der geldpolitische Kurs ist damit so offen wie lange nicht mehr.

          Die Fed änderte ihre Erklärung zum Zinsentscheid in mindestens zwei entscheidenden Punkten. Sie spricht nicht mehr davon, die Zinsen weiter graduell anheben zu wollen. Vielmehr will sie nun „Geduld“ an den Tag legen. Von Zinsanhebungen will sie auch nicht mehr sprechen, vielmehr ist von „Anpassungen“ des Leitzinses die Rede - was Zinssenkungen mit einschließt.

          Zum anderen änderte die Fed ihre Wirtschaftseinschätzung. Es wird jetzt nicht mehr von einem ausgewogenen Wirtschaftsausblick gesprochen. Stattdessen heißt es, es sei „am wahrscheinlichsten“, dass die Wirtschaft weiter wachse, der Arbeitsmarkt robuste bleibe und die Inflation zulege. Jüngste Entwicklungen in der Weltwirtschaft und am Finanzmarkt sowie die verhaltene Inflation würden berücksichtigt.

          Abschied von der klassischen Geldpolitik

          Das Urteil von Experten ist einhellig: Die Fed legt mindestens eine Pause bei ihrem Ende 2015 begonnenen Straffungskurs ein, ein Ende der Zinsanhebungen ist aber ebenso denkbar. In jedem Fall aber sei die Geldpolitik unberechenbarer geworden: Die Fed habe ihr Zinssignal kassiert, urteilt Unicredit-Experte Harm Bandholz. Dieses Signal, auch „Forward Guidance“ genannt, ist ein Symbol des jahrelangen Straffungskurses der Fed. Durch den Wegfall wird der geldpolitische Kurs wesentlich stärker durch die Entwicklung der Wirtschaft und der Inflation bestimmt.

          Darüber hinaus hat sich die Fed von der klassischen Geldpolitik, wie sie vor der Finanzkrise betrieben wurde, faktisch verabschiedet. Die Fed habe klargestellt, dass ihre Bilanz groß bleiben werde, sagt Bandholz. Das bedeutet: Anstatt die Leitzinsen wie vor 2008 mit kleinen Marktoperationen (Offenmarktpolitik) zu steuern, will sie ihre Geldpolitik weiterhin in einem Umfeld mit hoher Marktliquidität umsetzen. Auch die Äußerung des Fed-Vorsitzenden Jerome Powell, das gegenwärtige System mit einer Ober- und Untergrenze des Leitzinses fortzuführen, ist ein klares Bekenntnis zu einer Geldpolitik, die wenig mit der klassischen Fed-Politik vor der Finanzkrise zu tun hat.

          Konzedenz an den Aktienmarkt

          „Die Märkte schrien und schrien und die Fed hat sie laut und deutlich gehört“, sagt Neil Wilson, Chef Marktanalyst von Markets.com. Die veränderte Position der Fed schwäche den Dollar und stärke Aktien den Rücken. Aber angesichts des Risikos durch den Handelskonflikt zwischen China und den Vereinigten Staaten könnte sich dies als vorübergehend erweisen, zumal die Produktion in China weiter gesunken sei.

          Sophia Ferguson, Portfoliomanagerin bei State Street Global Advisors fand in der Erklärung wenig Überraschendes. Die Fed habe schon in den ersten Januarwochen die Richtung vorgegeben und ihre Absicht telegrafiert, eine Pause im Zinserhöhungszyklus einzulegen. „Die Konjunktur läuft zwar nach wie vor rund, doch die Fed wird abwarten, wie sich ihre Geldpolitik in den kommenden Monaten auf die Realwirtschaft auswirkt, bevor sie die Leitzinsen weiter erhöht.“

          Antoine Lesné, zuständig für die europäische und afrikanische Region sieht zudem die Inflation relativ unter Kontrolle. Auch er rechnet mit einem schwächeren Dollar und niedrigeren Renditen amerikanischer Staatsanleihen.

          Charles Arnaud, leitender Investmentstratege bei der Fondsgesellschaft Lombard Odier rechnet nicht mehr mit einer Zinserhöhung im ersten Halbjahr. Angesichts eines angespannten Arbeitsmarkts und einem beschleunigten Lohnwachstum, könnte es aber in der zweiten Jahreshälfte Zinserhöhungen geben, wenn die Konjunktur sich nicht abschwäche.

          Das geldpolitische Komitee habe sich als sensibel gegenüber dem Aktienmarkt gezeigt und eine fortgesetzte Rally würde auch das Thema Zinserhöhung wieder aufs Tapet bringen. Als nächstes sei von der Fed zu erwarten, dass sie klarstelle, wie sie ihre Bilanzsumme weiter gestalten werde. Anleger sollten bei risikobehafteten Vermögenswerten vorsichtig bleiben.

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