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Ex-Richter hinter Gittern : Peinlicher Betrugsfall in Liechtenstein

Fürstliches Schloss in Vaduz Bild: Matthias Lüdecke

Der ehemalige Präsident des Verfassungsgerichts von Liechtenstein wurde wegen Betrugs und Geldwäsche verurteilt. Für den Finanzplatz Liechtenstein ein Desaster.

          4 Min.

          Dass Anleger auf Betrüger hereinfallen, kommt überall auf der Welt vor. Der Fall, der nun im Fürstentum Liechtenstein ans Licht der Öffentlichkeit gekommen ist, ragt allerdings heraus. In dem Kleinstaat zwischen Österreich und der Schweiz ist ein honoriges und hochangesehenes Mitglied der lokalen Justiz- und Finanzgilde in der vergangenen Woche zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Es handelt sich um Harry G. Der 69 Jahre alte Rechtsanwalt und Treuhänder war im Nebenberuf viele Jahre Präsident des Verwaltungsgerichts des Fürstentums und von 1992 bis 2004 sogar Präsident des Staatsgerichtshofs, also des Verfassungsgerichts. Obendrein fungierte er als Präsident der Prüfungskommission für Treuhänder und Rechtsanwälte und vertrat Liechtenstein in der Venedig-Kommission des Europarats. In Anerkennung seiner Verdienste verlieh das Fürstenhaus Harry G. im Jahr 2004 den Titel „Fürstlicher Justizrat“.

          Derart geadelt genoss der Anwalt und liechtensteinische Staatsbürger großes Vertrauen im Kreis seiner Kunden und Mandaten, deren Vermögen er in seiner Rolle als Treuhänder, Stiftungsrat und Verwaltungsrat verwaltete. Dieses Vertrauen hat der verheiratete Vater dreier Kinder gründlich missbraucht. Nach dem Urteil des Kriminalgerichts in Vaduz hat er Vermögen in Höhe von 13 Millionen Franken veruntreut und sich des „gewerbsmäßig schweren Betrugs und der Geldwäsche“ schuldig gemacht. Nach Auskunft des leitenden Staatsanwalts Robert Wallner hat Harry G. gegen das Strafmaß Berufung eingelegt, nicht jedoch gegen das Urteil selbst. „Der Schuldspruch ist daher rechtskräftig“, sagte Wallner dieser Zeitung.

          12 Millionen Franken an brasilianische Ärztin

          Damit ist der Fall freilich noch nicht erledigt. Der Angeklagte, der Anfang September 2016 in Untersuchungshaft genommen wurde, muss sich wegen des Verdachts weiterer strafbarer Handlungen schon bald in einem zweiten Verfahren vor Gericht verantworten. Die diesbezügliche Untersuchung ist laut Wallner schon weit fortgeschritten und dürfte noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Dabei gehe es um einen weiteren Schaden in zweistelliger Millionenhöhe.

          Beobachter schätzen die Gesamtverluste der betroffenen Anleger und Geschäftspartner auf bis zu 50 Millionen Franken. Damit könnte sich das Ganze zum größten je in Liechtenstein verhandelten Betrugsfall ausweiten. Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand, so Staatsanwalt Wallner, droht den Geschädigten der Totalverlust.

          Wie Harry G. es geschafft hat, über etliche Jahre hinweg so viel Geld beiseite zu schaffen, lässt sich anhand der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft rekonstruieren, die der F.A.Z. vorliegt. Demnach hat G. 2004 in Mailand eine brasilianische Ärztin kennengelernt, die ihn im Zusammenhang mit einem Krebsleiden physisch und psychisch behandelte. Daraus erwuchs eine enge Bindung und eine Geschäftsbeziehung: G. investierte in eine verschachtelte und über mehre Länder (Zypern, Österreich) verteilte Holding-Konstruktion, über die man in den Kosmetikhandel einstieg.

          Dazu gehörte der Vertrieb eines Getränks namens „Sun Lover“, nach dessen Einnahme man schneller braun werden sollte. Nennenswerte Rückflüsse aus den getätigten Investitionen hat die Staatsanwaltschaft nicht entdeckt. Die Brasilianerin indes soll von 2010 an rund 12 Millionen Franken von G. bekommen haben. Von ihr und dem Geld fehlt jede Spur.

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