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Europas Klumpenrisiko : Die schlummernden Risiken in den Bankbilanzen

Eine Bank in Athen. Was passiert wenn der Staat Zahlungsprobleme bekommt? Bild: Reuters

Die Banken vieler Länder haben sich mit Anleihen ihrer Staaten vollgepumpt. Noch immer wird so getan, als wäre das kein Risiko.

          4 Min.

          Die europäischen Banken sind die wichtigsten Gläubiger ihrer Staaten. Deshalb ist das Klumpenrisiko in einigen Ländern bedrohlich hoch. Der Schuldenschnitt Griechenlands vor einigen Jahren hat es eindrucksvoll gezeigt: Gerät ein Staat in Zahlungsschwierigkeiten, zieht er die Banken des Landes ebenfalls nach unten. Zwar wird regelmäßig eine Lösung gefordert, etwa von der Deutschen Bundesbank, aber sie ist nicht in Sicht, denn Politiker, Aufseher und Banken vernachlässigen das Problem weiterhin.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Sie verhandeln zwar lebhaft über andere Reformen, zum Beispiel eine gemeinsame Einlagensicherung im Euroraum. Die seit langem bekannte Problematik der Risiko-Nullgewichtung von Staatsanleihen aber schieben sie auf die lange Bank. Vor allem hochverschuldete Länder wie Italien oder Japan verhindern eine internationale Lösung, mit der Staatsanleihen von Banken nicht mehr als risikolos eingestuft werden können.

          In Italien machen die Forderungen der Banken gegenüber dem eigenen Staat 16,5 Prozent der Bilanzsumme aus, wieMarija Kolak, Präsidentin des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), am Mittwoch gegenüber Journalisten ausführte. In Spanien beträgt das Staatsrisiko 10,5 Prozent der Bilanzsumme der Banken und in Portugal 11,1 Prozent. Die italienische Notenbank weist für die Banken des Landes per Ende April ein Eigenkapital einschließlich Reserven von 440 Milliarden Euro aus. Die Forderungen gegenüber dem Staat liegen bei 616 Milliarden Euro, fallen also um 176 Milliarden Euro höher aus als das Eigenkapital. Um auf das deutsche Niveau zu kommen, müssten die italienischen Banken ihren Bestand an Staatsanleihen um gut 370 Milliarden Euro senken, sagte Kolak. Sie hält es für notwendig, die Risiken aus Staatsanleihen in den Bankbilanzen stärker zu berücksichtigen.

          Das ist bislang nicht der Fall. Obwohl die Fälle Griechenland und Argentinien gezeigt haben, dass Staatskredite keineswegs ganz risikolos sind, werden sie im Aufsichtsrecht so behandelt. Anleihen und Kredite an Staaten genießen das Privileg der sogenannten Nullgewichtung. Das bedeutet, Banken müssen dafür kein Eigenkapital als Verlustpuffer vorhalten. Das macht Staatsanleihen als Anlage attraktiv. So sichern sich die Politiker die Banken als Finanzierungsquelle.

          Verzweigte Diskussion der Eurostaaten

          Für Bundesbankpräsident Jens Weidmann ist die Begrenzung der Staatsanleihen in den Bankbilanzen aber eine entscheidende Vorbedingung für eine gemeinsame Einlagensicherung in Europa. Kredite an Staaten müssten genauso behandelt werden wie Kredite an Unternehmen oder Privatpersonen. Jüngst erneuerte Ifo-Präsident Clemens Fuest seine Kritik: Ein Ausfall der Staatsanleihen werde auch Banken in Schieflage bringen. Nach Ansicht von Fuest kann es so lange keine gemeinsame Einlagensicherung geben, solange das Problem der Staatsanleihen nicht gelöst sei. Er gehört einer Gruppe von 14 deutschen und französischen Ökonomen an, die vor kurzem in dieser Zeitung Eigenkapitalanforderungen auf Staatsanleihen gefordert haben (F.A.Z. vom 10. Juli).

          Doch aus der verzweigten Diskussion der Eurostaaten über die Umgestaltung der Währungsunion sind mögliche Obergrenzen für den Bestand von Staatsanleihen in den Bilanzen heimischer Banken oder deren Risikogewichtung vorerst ganz verschwunden. In der langen Themenliste zur Weiterentwicklung der Bankenunion, die Eurogruppen-Chef Mário Centeno bis Dezember abarbeiten will, ist der Punkt nicht erwähnt. Gleiches gilt für den deutsch-französischen Reformfahrplan von Meseberg, der (auch) als Grundlage für die weitere Währungsunion-Reformdiskussion dienen soll.

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