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Europeanissuers : Europas Börsen-Unternehmen fordern Deregulierung

Börsengang von Barco und WDP an der Euronext im März: Auch hier verlangsamt sich das Geschäft. Bild: dpa

Der europäische Verband der Börsen-Unternehmen fordert eine Lockerung der Regularien. Er plädiert gegen eine Börsentransaktionssteuer und äußert sich kritisch zu Anlegerschutzrichtlinien und Nachhaltigkeitsinitiative.

          Noch bevor die neue EU-Kommission steht, richten sich an diese die ersten Begehrlichkeiten. Europeanissuers, der Verband der europäischen börsennotierten Unternehmen Europas, veröffentlichte in diesen Tagen ein Konzeptpapier unter dem Titel „Vision 2019-2024“. Darin fordert der Verband von der neuen Kommission vor allem, den Zugang zu den Kapitalmärkten zu erleichtern und etwas gegen die vorhandene Abwanderungsbereitschaft zu unternehmen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit der Postulierung von Zielen und seinen Empfehlungen wolle Europeanissuers dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie zu stärken, sagt der Verbandsvorsitzende Luc Vansteenkiste. „Wir können das durch eine Vereinfachung des Regulierungsumfelds erreichen, in dem sich die Unternehmen bewegen und einen den Größenverhältnissen angemesseneren Ansatz.“ Man wolle die Agenda der Kommission auf diese Weise unterstützen.

          Seit der Finanzkrise, habe sich die Regulierungslast für den Zugang und den Verbleib an Börsenplätzen ständig erhöht, schreibt der Verband. Die Überregulierung könnte ein Grund sein, warum derzeit bei Unternehmen Private Equity sehr gefragt sei, allzumal das Angebot hier sehr groß sei. Die Regulierung sei ebenfalls ein Grund für den Rückgang der Zahl der Börsengänge, die im Schlussquartal 2018 um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken sei. Im ersten Quartal 2019 sank die Zahl der Börsengänge in Europa gegenüber dem Vorjahr um 51 Prozent. Die Unternehmensberatung EY führte dies indes zuletzt mehr auf die Brexit-Unsicherheit zurück, die sich vor allem am für Börsengänge zentralen Markt in London bemerkbar mache.

          Zu viele Vorschriften

          Nach Wahrnehmung von Europeanissuers indes gibt es für Börsenlistings zu viele neue Regeln und stringente Vorgaben. Die administrativen Lasten für die Unternehmen müssten verringert und Berichtspflichten vereinfacht werden. Über eine verbesserte finanzielle Bildung der Anleger sei mehr Anlegerschutz zu erreichen als durch immer neue Offenlegungspflichten.

          Davon verspricht sich der Verband, dass der Gang an die Börse und der Verbleib dort attraktiver wird. Speziell für kleine und mittlere Unternehmen müssten die Bedingungen verbessert werden. Generell sollte nicht mehr so viel, flexibler und angemessener reguliert werden. Hier plädiert Europeanissuers für den häufigeren Einsatz von Übereinkünften, Absichtserklärungen oder Leitlinien statt von Verordnungen.

          Auch für Anleger müsse die Börse allgemein und über Landesgrenzen hinweg interessanter und die Aktienkultur verbessert werden. Insgesamt will der Verband die Union im Interesse der Unternehmen vertieft sehen und fordert so auch ein optionales, harmonisiertes und vereinfachtes Steuersystem für Unternehmen in der EU.

          Kritik an Nachhaltigkeitsinitiative und Mifid II

          Skeptisch zeigt sich der Verband dagegen hinsichtlich der europäischen Nachhaltigkeitsinitiative, die ja auch die Stärkung des Einflusses der Aktionäre zum Ziel hat. Sorgen bereitet Europeanissuers in diesem Zusammenhang vor allem die zunehmende Tätigkeit aktivistischer Aktionäre. Diese zwängen die Unternehmenslenker häufig dazu, sich an kurzfristigen finanziellen Zielen zu orientieren. Das unterminiere die Rentabilität zugunsten der Interessen Außenstehender. Europeanissuers hält in dieser Hinsicht bestehende Vorschriften für weitgehend ausreichend.  Auch hinsichtlich sozialer und ökologischer Faktoren sollten die bestehenden Regularien erst auf die Notwendigkeit von Änderungen hin überprüft werden.

          Konkret hat der Verband 21 Forderungen aufgestellt, so etwa nicht-regulierte Märkte von einigen Bestimmungen der Marktmissbrauchsverordnung zur Bekämpfung des Insiderhandels auszunehmen oder dass sich aufgrund der Uneinheitlichkeit der nationalen Rechnungslegungsvorschriften, sich diese künftig nach dem Sitz der Muttergesellschaft richten sollten. Die Pflicht zur Erstellung eines Wertpapierprospekts für Kapitalerhöhungen, seit vergangenem Jahr für Emissionen bis 8 Millionen Euro abgeschafft, sollte nach dem Willen des Verbands ganz fallen. Auch die Pflicht zur Trennung von Aktienanalyse und –handel nach der Anlegerschutzrichtlinie Mifid II sieht Europeanissuers kritisch.

          Auf der Anlegerseite plädiert er unter anderem dafür, die Pläne für eine Börsentransaktionssteuer einzustampfen und sogar steuerliche Anreize für Aktienanlagen zu schaffen.

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