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Europa : Die Demographie drückt den Zins

Der demographische Wandel ist Ursache für den Zinsrückgang der vergangenen Jahrzehnte. Bild: dpa

Niedrige Zinsen in Europas Industrieländern können viele Ursachen haben. Ein wesentlicher Faktor ist der demographische Wandel. Der Effekt ist aber nur schwer präzise zu schätzen.

          Der niedrige Zins in den Industrienationen besitzt viele Väter. Dazu zählt der demographische Wandel, der immer wieder von namhaften Fachleuten als Ursache für den Zinsrückgang der vergangenen Jahrzehnte benannt wird. Aber seine Bedeutung ist nicht leicht einzuschätzen. Eine neue Studie gibt einen Eindruck von den Größenordnungen in Europa.

          Der Einfluss alternder Gesellschaften auf den Zins ist nicht von vornherein eindeutig, denn zwei wichtige Gründe sprechen für sinkende, ein Grund jedoch für steigende Zinsen. Alternde und schrumpfende Gesellschaften gehen mit einem sinkenden Angebot von Arbeitskräften einher; vor allem stehen wenigen jungen Arbeitnehmern, die ihre Produktivität noch erheblich steigern können, viele ältere Arbeitnehmer entgegen, deren Produktivität kaum noch zunehmen dürfte.

          Dies spricht ebenso für sinkende Zinsen wie die Bereitschaft vieler beruflich noch aktiver Mitglieder der Babyboomer-Generation, angesichts einer zunehmenden Lebenserwartung zusätzliche Ersparnisse zu bilden. Die meisten Menschen sparen in ihren letzten zehn Berufsjahren, wenn zumeist das Wohneigentum bezahlt ist und die Kinder aus dem Haus sind, einen höheren Anteil ihres Einkommens als in anderen Lebensphasen. Die Erwartung eines langen Ruhestands trägt zur Sparneigung bei.

          Andererseits hören viele Menschen im Alter auf zu sparen. Statt dessen lösen sie vorhandenes Vermögen auf – zum Teil freiwillig, indem sie sich im Ruhestand etwas gönnen wollen; sei es, weil sie als Folge schwerer Erkrankungen oder einer Pflegebedürftigkeit Ersparnisse auflösen müssen. Dies trägt in der Tendenz zu höheren Zinsen bei.

          Zukunftsprognose: niedrige Zinsen

          Auch wenn der Gesamteffekt des demographischen Wandels auf den Zins in der Theorie nicht eindeutig bestimmt ist, gelangen nahezu alle empirischen Untersuchungen zu dem Schluss, dass die Alterung der Gesellschaften insgesamt eine Senkung des Zinsniveaus begründet. Solche Untersuchungen liegen vor allem für die Vereinigten Staaten vor. In Deutschland sagen Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft mindestens bis zum Jahre 2050 sehr niedrige Zinsen voraus.

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          Die demographische Entwicklung bezeichnen sie als eine der Ursachen dieses Trends. „Niedrigzinsen sind grundsätzlich keine schlechte Nachricht“, sagt Markus Demary. „Sie erleichtern die Finanzierung und helfen den Haushalten dabei, Vermögen in Form von Immobilien aufzubauen.“ Über Jahrzehnte reichende Zinsprognosen tragen allerdings notwendigerweise eine spekulative Note.

          Nun hat der Ökonom Andrea Papetti den Einfluss der Demographie auf das Zinsniveau in der Eurozone geschätzt. Solche Berechnungen sind sehr kompliziert und mit Unsicherheiten behaftet. Nach Papettis Analyse dürfte der demographische Wandel zwischen den Jahren 1990 und 2030 den realen, also den um die Inflationsrate bereinigten Zins um 0,4 bis 1,7 Prozent drücken. Die Demographie erklärt den seit Jahrzehnten zu beobachtenden Zinsrückgang somit nicht allein.

          Aber sie ist eine nicht zu unterschätzende Ursache, wie auch eine vor wenigen Wochen veröffentlichte Analyse der Fondsgesellschaft Pimco zeigt: Dort wurde mit Blick auf die Ähnlichkeit in der demographischen Entwicklung ein Szenario gezeichnet, in dem Europa wie zuvor schon Japan in einer Phase sehr niedriger Zinsen zu verharren droht.

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