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Goldnachfrage gestiegen : Erdogan stockt Goldvorräte der Türkei erheblich auf

Recep Tayyip Erdogan spricht vor der AKP in Ankara. Bild: PRESIDENT PRESS OFFICE HANDOUT/E

Die Türkei soll im großen Stil Gold aus den Tresoren der Notenbank in New York abziehen. Sie sind nicht das einzige Land, dass sich unabhängiger vom amerikanischen Dollar machen will.

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          Die Türkei hat ihre Goldreserven deutlich aufgestockt. Wie aus Zahlen des World Gold Council, einer Lobbyorganisation der Goldbranche, hervorgeht, hat die Notenbank ihre Bestände innerhalb eines Jahres auf 231,9 Tonnen fast verdoppelt.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Rechnet man die Goldbestände der Geschäftsbanken hinzu, die im Rahmen des sogenannten „Reserve Options Mechanism“ (ROM) inzwischen einen Teil ihrer Reserven bei der Notenbank in Gold statt in der stark von Abwertung geplagten türkischen Lira halten können, so kommt man auf 595,5 Tonnen Gold im Wert von etwa 25 Milliarden Dollar. Das entspricht mittlerweile fast einem Viertel der türkischen Währungsreserven.

          Verglichen mit den Goldschätzen der anderen Notenbanken der Welt, steht das Land mittlerweile auf Platz zehn. Auch im ersten Quartal dieses Jahres wurden die Reserven noch einmal deutlich aufgestockt; die Zuwächse betrugen laut World Gold Council 29,8 Tonnen. Das war der zweithöchste Zuwachs auf der Welt nach Russland, wo Präsident Wladimir Putin eine ähnliche Strategie verfolgt wie Recep Tayyip Erdogan: das Land durch Goldkäufe zur Diversifizierung der Währungsreserven unabhängiger vom amerikanischen Dollar als Weltreservewährung zu machen.

          Bild: F.A.Z.

          „Die Türkei hat ihre Goldreserven offiziell aufgestockt“, sagte Eugen Weinberg, Goldfachmann der Commerzbank. Offiziell unbestätigt sind hingegen Berichte türkischer Medien, denen zufolge die Türkei ähnlich wie die Deutsche Bundesbank Goldbarren aus den Tresoren der Fed in New York abgezogen habe.

          Es soll aktuell um rund 28 Tonnen gehen, wie die türkische Tageszeitung „Yeni Safak“ berichtete. In den vergangenen Jahren seien insgesamt sogar rund 200 Tonnen Gold aus dem Ausland abgezogen worden. Die „Neue Zürcher Zeitung“ sieht darin ein Zeichen für die Verschärfung des Konflikts zwischen Amerika und der Türkei, unter anderem im Zusammenhang mit dem Prozess gegen den stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der türkischen Halkbank in New York.

          Angeklagt wegen Mithilfe bei der Umgehung der Iran-Sanktionen, drohe ihm eine mehrjährige Haftstrafe, und dem Institut drohten saftige Bußen sowie Sanktionen. Erdogan, der mehrfach zugunsten des Mannes interveniert habe, sehe das Verfahren als „Komplott gegen die Türkei“.

          Auch die Deutsche Bundesbank hatte in den vergangenen Jahren insgesamt rund 300 Tonnen Gold aus New York abgezogen sowie 374 Tonnen aus Paris, die jetzt in Frankfurt lagern. Mit dieser Entscheidung hatte die Bundesbank 2012 auf eine Debatte in Deutschland reagiert, in der es darum ging, ob das deutsche Gold überhaupt noch da sei und ob Deutschland im Krisenfall ausreichend Zugriff darauf habe.

          Insgesamt umfasst der Goldschatz der Deutschen 3372,2 Tonnen, das ist die zweitgrößte Goldreserve der Welt nach jener der Vereinigten Staaten von Amerika. Allerdings gehörte die Bundesbank im ersten Quartal dieses Jahres zu den wenigen Notenbanken, die ihre Goldreserven verringert haben, und zwar um 1,4 Tonnen für die Prägung von Goldmünzen.

          Auch die Niederlande und Österreich hatten angekündigt, Gold aus dem Ausland ins Land zu holen. Ähnliche Pläne hatte einst zudem Venezuela verfolgt.

          Die Talfahrt der türkischen Lira setzte sich unterdessen auch am Freitag fort. Die Währung rutschte auf ein neues Rekordtief. Zeitweise wurden für einen Dollar knapp 4,29 Lira gezahlt und damit so viel wie noch nie. Auch die Bürger in der Türkei haben offenbar im Zusammenhang mit der Abwertung der Landeswährung ein starkes Interesse an Gold entwickelt.

          Während in aller Welt die Goldnachfrage im ersten Quartal leicht zurückgegangen ist, stieg die Nachfrage nach Gold als Schmuck in der Türkei um stolze 34 Prozent. Ein stärkeres Wachstum gab es in dem Zeitraum nirgends.

          Erdogan hatte sich unlängst zudem dafür ausgesprochen, internationale Kredite statt in Dollar auf Goldbasis zu vergeben. „Warum nehmen wir all die Kredite in Dollar auf? Lasst uns eine andere Währung nehmen.

          Ich schlage vor, dass die Kredite auf Goldbasis gegeben werden sollten“, sagte der Präsident nach einem Bericht der türkischen Zeitung „Hürriyet“ in einer Rede auf dem „Global Entrepreneurship Congress“ in Istanbul. Er führte aus, die Welt befinde sich mit dem Dollar „immer unter dem Wechselkursdruck“. Von diesem Druck müsse man sich möglichst lösen.

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