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Erdogan testet Neo-Fisherismus : „Vorsicht mit neuen Theorien!“

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Bild: Reuters

Mit seiner Geldpolitik erprobt der türkische Präsident Erdogan die Denkschule des „Neo-Fisherismus“ in der Praxis, die sich in den vergangenen Jahren vor allem in den Vereinigten Staaten ausgebreitet hat. Doch für ihre Fans sieht es schlecht aus.

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          Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan macht keinerlei Hehl aus seiner Ablehnung hoher Zinsen. Schon vor dem Ausbruch der aktuellen Krise hatte er die Notenbank vor deutlichen Zinserhöhungen mit Blick auf die steigende Inflationsrate gewarnt und ein Argument vorgebracht, das die ökonomische Logik auf den Kopf zu stellen scheint. Erdogan argumentierte, dass niedrige Zinsen eine niedrige Inflation zur Folge hätten und hohe Zinsen eine hohe Inflationsrate. So absurd Erdogans These auch klingen mag: In den vergangenen Jahren breitete sich vor allem in den Vereinigten Staaten eine Denkschule aus, die vergleichbar wie Erdogan argumentiert und die Entwicklung in der Türkei als einen praktischen Test für ihre Theorie ansieht.

          Zu den Anhängern dieser Theorie, die in Anlehnung an Gedanken des amerikanischen Ökonomen Irving Fisher (1867 bis 1947) als „Neo-Fisherismus“ bezeichnet wird, gehören durchaus namhafte, in den Vereinigten Staaten lehrende Ökonomen wie John Cochrane, Stephanie Schmitt-Grohé und Stephen Williamson. Die Theorie wird in Nordamerika auch in Zentralbanken diskutiert. In Deutschland ist die Debatte nahezu unbekannt.

          Der Grundgedanke ist einfach: Der nominale Zins in einer Wirtschaft ergibt sich aus der Addition des realen Zinses, der im wesentlichen durch fundamentale Größen wie die Ersparnis- und Investitionsneigung und die Produktivität bestimmt wird, mit der erwarteten Inflationsrate. Das ist eine reine Definition. Da sich der Realzins zumindest kurzfristig nicht sehr stark verändern dürfte, müssten in der Praxis Länder mit einer hohen Inflationsrate einen höheren Nominalzins haben als Länder mit einer niedrigen Inflationsrate. Das lässt sich auch so zumindest auf lange Sicht beobachten.

          Traditionalisten sehen sich heute bestätigt

          Die Frage lautet, was geschieht, wenn die Inflationsrate aus der Sicht der Geldpolitik steigen oder fallen sollte. Hier sagt die Mehrheitsmeinung der Ökonomen, dass die Geldpolitik ihren Zins erhöhen sollte, wenn sie eine niedrigere Inflationsrate wünscht. Demnach würden steigende Zinsen die Konjunktur schwächen und in der Folge für eine sinkende Inflationsrate sorgen. Umgekehrt würde eine Geldpolitik, die eine höhere Inflationsrate anstrebt, den Zins senken. Hier stellt man sich vor, dass sinkende Zinsen die Wirtschaft beleben und im Zuge des Aufschwungs auch die Inflationsrate steigt.

          Dieses altvertraute Lehrbuchwissen wird seit der Finanzkrise hinterfragt, denn obgleich viele Notenbanken ihre Zinsen auf Rekordtiefs gesenkt haben – gelegentlich sogar in den negativen Bereich –, sind die Inflationsraten entgegen den Erwartungen nicht deutlich gestiegen. Ein extremes Beispiel ist Japan, wo sich seit rund zwei Jahrzehnten der Leitzins und die Inflationsrate in der Nähe von null befinden. Eigentlich hätte die Inflationsrate deutlich steigen müssen. Das hat manche Ökonomen auf die Frage gebracht, ob die Lehrbuchweisheit stimmen mag oder ob nicht umgekehrt höhere Zinsen mit höherer Inflation einhergehen und niedrige Zinsen mit niedrigerer Inflation. Dass in den Vereinigten Staaten und in Kanada die Inflationsrate nicht bis auf null gefallen war, erklärt Williamson mit dem Verzicht Kanadas auf einen Nullzins und in den Vereinigten Staaten mit der Entscheidung der Fed in den vergangenen Jahren, den Leitzins zu erhöhen.

          Die Geldpolitik in der Türkei ist für die Anhänger des „Neo-Fisherismus“ von besonderem Interesse. So hat Williamson betont, dass in der Türkei in den Jahren 2002 bis 2004 die Inflationsrate von mehr als 70 auf weniger als 10 Prozent gesunken war. Dieser Prozess war nicht von hohen Zinsen begleitet gewesen; statt dessen waren die Zinsen deutlich gesunken. Mit Blick auf die heutige Türkei urteilte Williamson vor drei Monaten: „Ich würde sagen, dass Präsident Erdogan nicht so bekloppt ist, wie er oft beschrieben wird – jedenfalls nicht mit Blick auf die Inflation.“

          Heute sehen sich die Traditionalisten bestätigt. „Das sieht nicht gut für den Neo-Fisherismus aus“, twitterte der Ökonom Ivan Werning dieser Tage. Denn der Verzicht auf notwendige Zinserhöhungen hat offenbar zu der deutlich gestiegenen Inflationsrate geführt, die ein wesentlicher Grund für die Krise darstellt. Schon vor mehreren Jahren hatte ein anderer Anhänger des „Neo-Fisherismus“, John Cochrane, einschränkend gewarnt: „Vorsicht mit neuen Theorien!“

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