https://www.faz.net/-gv6-9tdz9

Amerikanische Staatsanleihen : Entwarnung am Anleihemarkt

  • -Aktualisiert am

An den amerikanischen Anleihemärkten schwindet die Angst vor einer Rezession, an der New Yorker Stock Exchange ebenfalls. Bild: AFP

An den amerikanischen Anleihemärkten schwindet die Angst vor einer Rezession. Die Renditen normalisieren sich. Dafür gibt es mehrere Gründe.

          3 Min.

          An den amerikanischen Anleihemärkten schwindet die Angst vor einer Rezession. Die Renditen langlaufender amerikanischer Staatsanleihen sind in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen, und der Zinsabstand zu kurzfristigen Papieren hat sich wieder normalisiert. Die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen lag zuletzt bei 1,84 Prozent. Papiere mit dreimonatiger Laufzeit rentierten mit 1,58 Prozent – wie üblich unter dem Niveau der Langläufer. In den vergangenen Monaten hatte sich dieses Verhältnis zeitweilig umgekehrt und für hohe Verunsicherung an der Wall Street gesorgt, weil das als deutliches Warnsignal für einen Wirtschaftsabschwung galt.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Für die Normalisierung des Zinstrends gibt es mehrere Gründe. Das konjunkturelle Bild hatte sich zuletzt aufgehellt. Die amerikanische Notenbank hat die Leitzinsen dreimal gesenkt, um einer Rezession vorzubeugen, und es mehren sich Anzeichen, dass es im Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China zu einer Einigung kommen könnte. „Auf Basis des aktuellen Konjunkturzustands sind die Renditen wahrscheinlich immer noch zu niedrig“, meint Gershon Distenfeld, der das Anleihegeschäft beim Wertpapierhaus Alliance Bernstein verantwortet.

          An der Wall Street kalkulieren Investoren derzeit mit einem Wachstum des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts von 2 Prozent im kommenden Jahr. Der Trend langlaufender Staatsanleihen orientiert sich an den Aussichten für wirtschaftliches Wachstum und Inflation. Kurzfristige Anleihen reagieren sensibler auf die Geldpolitik der Notenbank.

          Renditen von festverzinslichen Papieren steigen, wenn die Kurse fallen und umgekehrt. Staatsanleihen gerieten zuletzt unter Verkaufsdruck, weil Anleger angesichts der wieder erstarkten Hoffnung auf wirtschaftliches Wachstum mehr in Risikopapiere wie Aktien investieren. Die amerikanischen Aktienmärkte markierten zuletzt neue Rekordstände. Und mehr als die Hälfte der regelmäßig von der Bank of America befragten Fondsmanager glauben mittlerweile, dass Aktien im kommenden Jahr die beste Anlageklasse sein werden.

          Sichere Staatspapiere in unsicheren Marktphasen gefragt

          Sichere Staatspapiere sind im Gegensatz zu Aktien in unsicheren Marktphasen stark gefragt. Entsprechend stiegen die Anleihekurse – und fielen die Renditen –, als im Sommer angesichts einer Eskalation im Handelskonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China die Sorgen vor einer Abschwächung des globalen Wirtschaftswachstums zunahmen. Amerikanische Staatsanleihen gelten als sicherer Hafen bei Konflikten. In den vergangenen Monaten war die Rendite langlaufender Anleihen sogar zeitweilig unter die von Kurzläufern gefallen.

          Das sorgte an den amerikanischen Finanzmärkten für hohe Verunsicherung, weil eine derartige Konstellation in der Vergangenheit wiederholt eine Rezession angekündigt hatte. Anfang September lag die Rendite zehnjähriger Anleihen noch bei knapp 1,5 Prozent. Papiere mit dreimonatiger Laufzeit kamen auf fast 2 Prozent. Der Abstand zwischen Renditen von Anleihen verschiedener Laufzeiten heißt im Fachjargon Zinsstrukturkurve. Eine Konstellation, in der die kurzfristigen Renditen über den langfristigen liegen, nennt man „inverse“ Zinskurve. Laut einer Studie der Notenbank von San Francisco war in den vergangenen 60 Jahren jeder Rezession in den Vereinigten Staaten eine inverse Zinsstrukturkurve vorausgegangen. Einzig Mitte der sechziger Jahre sei es nach einer Inversion der Zinskurve nur zu einer wirtschaftlichen Abkühlung gekommen und nicht zu einer Rezession.

          Bis es im vergangenen März kurzzeitig zu einer inversen Kurve kam, war diese Konstellation zuletzt im Jahr 2007 aufgetreten. Ein Jahr später, im Jahr 2008, war es infolge eines Preisverfalls der amerikanischen Häuserpreise dann tatsächlich zu einer schweren Rezession gekommen. Die Zinskurve konnte nach den Erkenntnissen der kalifornischen Notenbanker bislang allerdings nicht den genauen Zeitpunkt eines Abschwungs voraussagen. Es dauerte in der Regel von sechs Monaten bis zu zwei Jahren, bis nach einer Inversion ein Abschwung einsetzte.

          Trotz der jüngsten Normalisierung der Renditeabstände glauben nicht alle Fachleute an eine Entwarnung. „In gewisser Weise ist der Schaden schon angerichtet“, meint Campbell Harvey, Finanzprofessor an der Duke University, der in den achtziger Jahren als Erster auf die Vorhersagekraft einer inversen Zinskurve hingewiesen hatte. Das liegt unter anderem daran, dass Banken in dieser Konstellation ihre Kreditvergabe einschränken – was zu einer konjunkturellen Abkühlung führen kann. Der Grund: Banken finanzieren sich zu kurzfristigen Zinsen, etwa über Einlagen, und vergeben Kredite zu langfristigen Zinsen.

          Bei einer inversen Zinsstruktur schrumpft entsprechend die Gewinnmarge der Kreditinstitute. Professor Harvey räumt aber ein, dass es im aktuellen Fall nicht zwingend zu einer Rezession kommen muss. Der Grund könnten die Leitzinssenkungen der Fed sein. Als die Zinskurve vor der großen Finanzkrise des vergangenen Jahrzehnts eine bevorstehende Rezession angekündigt hatte, habe es ein ganzes Jahr gedauert, bis die Fed die Leitzinsen senkte. Die Notenbanker seien angesichts der damaligen Inversion der Zinskurve untätig geblieben. „Diesmal haben sie tatsächlich gesenkt“, sagte Harvey.

          Weitere Themen

          Weltgrößter Börsengang erfolgreich Video-Seite öffnen

          Aramco-Aktie im Plus : Weltgrößter Börsengang erfolgreich

          Der weltgrößte Börsengang des Ölkonzerns Saudi Aramco ist ein Erfolg: Die Aktien der saudiarabischen Staatsfirma debütierten am Mittwoch mit 35,2 Riyal an der Börse in Riad. Das ist ein Plus von zehn Prozent im Vergleich zum Ausgabepreis.

          Topmeldungen

          Bildungsministerin Karliczek : Die Unterfliegerin

          Bildungsministerin Anja Karliczek gilt als ungeschickt, die Länder wollen sie in der Debatte um Bildungszusammenarbeit sogar ausbooten. Sie macht trotzdem weiter. Ein Porträt.
          Andrij Antonenko gilt als der Organisator der Gruppe, die den Mord an Scheremet geplant haben soll.

          Verdächtige Ukraine-Veteranen : Mörder statt Helden?

          Der ungeklärte Mord an dem bekannten Journalisten Pawel Scheremet in Kiew bewegt die Ukraine seit drei Jahren. Nun gibt es fünf Verdächtige – sie sind allesamt Veteranen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.