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Entlassung des Notenbankchefs : Türkische Lira unter Druck

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Die Lira-Kurse aus dem Mai wird man vermutlich demnächst wieder sehen. Bild: EPA

Am Montagmorgen steht der Kurs der türkischen Lira unter Druck. Die Entlassung des Notenbankchefs wird sehr ungünstig aufgenommen.

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          Die Entlassung des Chefs der türkischen Zentralbank, Murat Cetinkaya, durch Staatspräsident Recip Erdogan wird am Montagmorgen am Devisenmarkt deutlich negativ aufgenommen. Die türkische Lira wertet gegen den Dollar von 5,6285 Lira je Dollar auf, 5,735 Lira ab. Für einen Euro werden 6,4653 Lira statt zuvor 6,3152 Lira fällig.

          Diese Aufschläge sind durchaus noch als moderat zu betrachten, weil damit nur das Kursniveau des vorigen Montags erreicht wird. Indes haben die europäischen Finanzmärkte noch nicht wirklich geöffnet.

          Analysten äußerten sich besorgt. Die Entlassung Cetinkayas komme zu einem Zeitpunkt, zu dem andere Faktoren Investoren und Märkte schon verunsicherten, etwa die umstrittene Lieferung des russischen Raketenabwehrsystems S-400.

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          Türkei-Experte Timothy Ash von Blue Bay Asset Management nannte die Entscheidung auf dem Kurznachrichtendienst Twitter "idiotisch". “Die Glaubwürdigkeit der Notenbank ist schon beim Teufel - diese Entscheidung wirft sie nur weiter zurück." Sollte Cetinkayas Nachfolger die Leitzinsen so stark senken wie Erdogan das wünsche, werde die Lira kollabieren.

          Auch im Land stieß die Entscheidung auf Kritik. Der Sprecher der größten Oppositionspartei CHP, Faik Öztrak, schrieb am Samstag auf Twitter: "Die türkische Zentralbank ist zu einer Geisel des (Präsidenten-)Palastes geworden." Der ehemalige Notenbankchef Durmus Yilmaz twitterte, Cetinkaya hätte nicht gefeuert werden dürfen. Zentralbankchefs dürften nur für Gesetzesverstöße entlassen werden.

          Die türkische Zentralbank werde auch in Zukunft unabhängig sein, sicherte hingegen ihr neuer Chef Murat Uysal auf der Internetseite des Instituts zu. Uysal war seit Juni 2016 Stellvertreter an der Spitze der Bank. Eine Pressekonferenz sei "in den kommenden Tagen" geplant.

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          Erdogan soll nach der Entscheidung vor Abgeordneten seiner Partei gesagt haben: "Wir haben ihm auf Wirtschaftstreffen immer wieder gesagt, dass er die Zinsen senken soll. Wir haben gesagt, wenn die Zinsen sinken, sinkt auch die Inflation. Er hat aber das Nötige nicht getan."

          Entgegen der gängigen Wirtschaftslehre ist Erdogan der Auffassung, dass ein hoher Leitzins nicht ein Mittel gegen die Inflation ist, sondern deren Ursache. Wegen Erdogans aggressiver Rhetorik hatten sich Investoren und Märkte immer wieder besorgt über die Unabhängigkeit der Zentralbank geäußert. Dennoch hatte diese den aktuellen Leitzins von 24 Prozent seit September beibehalten, um gegen die hohe Inflation anzukämpfen.

          Cetinkaya’s „Verbrechen” sei es gewesen, sich zu weigern, die Zinsen zu senken, schreibt Win Thin, Leiter der Abteilung Währungsstrategie von Brown Brothers Harriman laut der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Wir wissen alle wer jetzt wirklich die Geldpolitik kontrolliert“.

          Angesichts der deutlichen Abwertung der Lira am Montagmorgen, werde es ein großer Fehler sein, wenn die Zentralbank am 25. Juli die Leitzinsen um einige Prozentpunkte senken werde, meint Michael Every, Stratege der Rabobank.

          Dass die Aufwertung der Lira noch so moderat ausfällt, könnte auch damit zusammenhängen, dass nach dem jüngst langsameren Inflationsanstieg zahlreiche Anleger schon auf Zinssenkungen im Juli spekuliert hatten und insofern eine (erste) Zinssenkung als noch nicht so schädlich ansehen. HSBC Global Research erwartet dennoch bis Jahresende eine Abwertung der Lira auf 6,50 Lira für den Dollar und 7,15 Lira für den Euro.

          Ipek Ozkardeskaya, leitender Marktanalyst des Derivatebrokers London Capital Group hält es indes für möglich, dass die türkische Notenbank die Zinsen nun unangemessen schneller senkt, als es der Markt aufnehmen könne. Das könne die Toleranz der Anleger überfordern. Auch wenn angesichts der Vorgeschichte die Entlassung Cetinkayas kein Schock gewesen sei, zerstöre sie doch das, was von der Unabhängigkeit der Notenbank noch übrig gewesen sei.

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