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Energiemärkte : Ölpreis auf Rekordtief

Jeder will Heizöl - das hält den Preis oben. Bild: dpa

Der Berg kreißte und gebar eine Maus, schrieb der Dichter Horaz. Ähnlich sehen die Rohstoffmärkte die vereinbarte Ölförderkürzung. Der Ölpreis fällt, der Sprit wird billiger - nur Heizöl nicht.

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          Der Ölmarkt zeigt sich enttäuscht vom über die Kar- und Ostertage mühsam erkämpften Beschluss für eine Förderkürzung der Organisation erdölexportierender Länder und ihrer Verbündeten (Opec plus). Der Preis für Rohöl der Nordseesorte Brent, der zu Beginn der Verhandlungen am Gründonnerstag mehr als 36 Dollar erreicht hatte, fiel am Dienstag, dem international ersten vollen Handelstag, wieder unter 30 Dollar und am Mittwoch auch wieder unter 29 Dollar. Noch härter traf es amerikanisches Leichtöl der Sorte WTI, dessen Preis unter 20 Dollar und damit auf den niedrigsten Stand seit seit 18 Jahren fiel. Am Mittwoch konnte er die Marke nur vorübergehend zurückerobern. Viel tiefer aber dürfte der Preis nicht sinken, meint Ipek Ozkardeskaya, leitende Analystin der Swissquote Bank. Falle der Preis darunter, würde sich die Produktion für die meisten Ölfördernationen nicht mehr wirklich lohnen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Marktteilnehmer schienen wohl zunehmend zu erkennen, dass die Förderkürzungen zu langsam vonstatten gehen könnten, derweil die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie die Märkte fest im Griff hätten, schrieben die Analysten des Energiespezialisten JBC Energy. Eine Förderkürzung von zehn Millionen Barrel am Tag hatte im Vorfeld als Mindesterwartung, jedoch eigentlich schon als zu gering gegolten.

          Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert auf Jahressicht einen Rückgang der Nachfrage um 9,3 Millionen Barrel am Tag, so dass die Förderkürzung schon auf den ersten Blick allenfalls diesen Rückgang ausgleicht – allerdings auch nicht kurzfristig. Denn im April soll die Nachfrage um durchschnittlich 29 Millionen Barrel gegenüber dem April 2019 sinken. Das wäre ein Rückgang des Verbrauchs um fast ein Drittel auf das Niveau von 1995. Erst in der zweiten Jahreshälfte sei mit einer „graduellen Erholung" zu rechnen. Die IEA erwartet allerdings einen Rückgang der globalen Förderung (also auch in Nicht-Opec-Ländern)  im Mai um 12 Millionen Barrel am Tag.

          BRENT

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          Brüchige Vereinbarung

          Indes gleicht die Förderkürzung diesen Nachfragerückgang faktisch nicht aus. Denn sie  bezieht sich auf das Niveau von Oktober 2018, als die Förderung noch höher war als zuletzt, so dass sie de facto niedriger ausfällt als 9,7 Millionen Barrel am Tag.

          Zuletzt gibt es auch Zweifel am Bestand der Vereinbarung. Diese kam am Ende nur zustande, weil Mexiko seine Fördermenge um 75 Prozent weniger kürzen darf als ursprünglich geplant, was die Minderproduktion von 10 auf 9,7 Millionen Barrel schrumpfen ließ. Amerikas Präsident Donald Trump kündigte zwar an, die Vereinigten Staaten seien bereit, ihre Ölproduktion entsprechend zu kürzen. Doch ob dies angesichts des geringen Einflusses der Regierung auf die Branche auch funktioniert, wird bezweifelt. Da sich der Ölpreis zudem nicht erholt, wird es wohl bei einer sozusagen automatischen Förderkürzung der auf diesem Niveau nicht wettbewerbsfähigen Industrie bleiben. Die Vereinbarung werde den drastischen Aufbau von Lagerbeständen in den kommenden Monaten nicht verhindern und die Preise im physischen Markt würden unter Druck bleiben, resümierte Martijn Rats, Ölanalyst von Morgan Stanley laut der Nachrichtenagentur Bloomberg.

          Das Amt für Energiestatistik im Energieministerium der Vereinigten Staaten erwartet im April ein Absinken der Schieferölproduktion um rund 200.000 Barrel am Tag gegenüber dem Vormonat und um weitere 180.000 Barrel im Mai. JBC bezweifelt aber die April-Zahlen, weil im März 1070 neue Quellen erschlossen wurden. Nichtsdestoweniger erwarten die Analysten ein Absinken der Schieferölproduktion von 8,06 Millionen Barrel am Tag im März auf 5,9 Millionen Barrel im Dezember.

          WTI Light Sweet Crude Öl

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          Hohe Nachfrage hält Heizölpreis hoch

          An den deutschen Tankstellen fielen die Preise auf neue Tiefstände. Laut dem Internetdienst clever-tanken.de kostet Diesel im Bundesdurchschnitt mit 1,094 Euro je Liter auf dem niedrigsten Stand seit September 2016. Superbenzin E10 ist mit aktuell durchschnittlich 1,179 Euro je Liter ebenfalls auf einem Drei-Jahres-Tief. „Seit Jahresbeginn haben die Tankstellenpreise um rund 25 Cent je Liter nachgegeben“, berichtet der Mineralölwirtschaftsverband. Der Autoklub ADAC meinte, angesichts der extrem niedrigen Nachfrage sei es schwer, Preiserhöhungen durchzusetzen. Alle seien eigentlich froh, wenn sie das Öl „vom Hof“ bekämen. Das könnte sich mit den ersten Lockerungen der Corona-Vorschriften ändern, wenn wieder mehr Autos unterwegs seien. Ähnlich äußerte sich Steffen Bock vom Vergleichsportal Clever Tanken. Er erwarte, dass man die Kürzung der Ölförderung auf Dauer beim Tanken schon merken werde – wie stark, hänge vor allem von den Lockerungen ab.

          Nur der Heizölpreis hält sich mit 53,93 Cent je Liter stabil. Das ist zwar immer noch weniger als in den drei Vorjahren um diese Zeit, liegt aber 20 Prozent über dem Niveau von 2016, als der Brentpreis bei 44 Dollar und damit um fast die Hälfte über dem heutigen Niveau lag. Über Ostern habe der deutsche Online-Heizölhandel  eine neue Bestellflut verzeichnet, schreibt Geschäftsführer Oliver Klapschus. Zehntausende von Heizölkunden hätten einem befürchteten Preissprung zuvorkommen wollen, den es am Ende gar nicht gab.

          Raffinerien, Großhändler und Heizöllieferanten hätten alle Hände voll zu tun, die Nachversorgung für die seit Wochen enorm hohe Heizölnachfrage der Verbraucher zu gewährleisten. Normalerweise werde um diese Jahreszeit verstärkt Benzin und weniger Heizöl nachgefragt, in diesem Jahr aber sei es genau umgekehrt. Der extreme Nachfrageüberhang lasse sich in einigen Landesteilen ablesen. Während in Norddeutschland Heizöl klar kaufenswert sei, solle man speziell in Bayern und Baden-Württemberg abwarten. In ein paar Woche werde es wieder freie Fuhrparkkapazitäten geben. Außerdem steige das Großhandelsangebot nach dem den Abschluss der Wartungsarbeiten an der Bayernoil-Raffinerie in Vohburg und Neustadt.

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