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Starmanager Jens Ehrhardt : Der Vater, der Sohn – und das liebe Geld

Jens Ehrhardt (rechts) ist einer der erfolgreichsten Vermögensverwalter Deutschlands. Sein Sohn Jan (links) eifert ihm nach. Bild: Dominik Gierke

Jens Ehrhardt ist seit 50 Jahren Vermögensverwalter, sein Sohn Jan will ihm nachfolgen. Doch der Vater mag einfach nicht aufhören. Ein Treffen.

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          Es liegt in der Natur des Menschen, dass Vater und Sohn eine Menge verbindet. Im Falle von Jens Ehrhardt, 77, und seinem Sohn Jan, 44, geht diese Verbundenheit aber über das übliche Maß hinaus: Die beiden arbeiten zusammen, sie wohnen Tür an Tür – und sie wären beinahe zusammen umgekommen, wovon noch zu sprechen sein wird. Sie sind beide Fondsmanager, beide Anteilseigner ihrer gemeinsamen Vermögensverwaltung DJE Kapital in Pullach bei München, die mit einem verwalteten Vermögen von 12,8Milliarden Euro zu den größten in Deutschland zählt.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber an einem Punkt enden die Gemeinsamkeiten. Vater Jens ist Gründer und Vorstandsvorsitzender der Vermögensverwaltung, ihm gehören mehr als 50 Prozent der Anteile – anders ausgedrückt: Er ist der Boss, die klare Nummer eins. Sohn Jan hält dagegen nur einen Minderheitsanteil an der Firma, er ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender, also nur die Nummer zwei. Normalerweise geht so etwas nicht lange gut.

          Der ältere Ehrhardt ist in Deutschlands Fonds-Szene ein Star. Er war einer der Ersten, der hierzulande eine Vermögensverwaltung aufbaute und Fonds unabhängig von Banken auf den Markt brachte. Dieser Erfolg erklärt vielleicht, warum Ehrhardt in seinem achten Lebensjahrzehnt keine Anstalten macht, seinem Sohn das Feld zu überlassen: „Mir macht mein Beruf so viel Spaß, dass ich bis zum Umfallen weitermachen möchte.“

          Kann so der Übergang zur nächsten Generation gelingen? Es handelt sich um ein Problem, vor dem viele deutsche Familienunternehmen stehen. Oft finden Firmengründer gar keine Nachfolger aus der eigenen Familie, weil die Kinder andere Pläne haben. Wenn aber doch jemand bereitsteht, ist damit noch längst nichts gewonnen: Nicht selten scheitert die Sache, weil es dem Senior nicht gelingt, sich zurückzunehmen.

          Der Tsunami in Thailand

          Jan Ehrhardt hätte allen Grund, sich am Vater abzuarbeiten. Jens Ehrhardt reißt gerne das Wort an sich, er hat Spaß daran, im Mittelpunkt zu stehen. Alles, was der Sohn sagt, kommentiert er. Trotzdem sitzen die beiden einträchtig und in bester Laune nebeneinander in ihrer Firmenzentrale in Pullach. „Wir kommen großartig miteinander aus“, sagt der Vater. Man könnte das für eine Show halten, die die beiden gekonnt darbieten, die aber mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Viel spricht aber für das genaue Gegenteil: Jens und Jan Ehrhardt machen vor, wie man einen Familienbetrieb mit mittlerweile rund 140 Mitarbeitern trotz aller Schwierigkeiten zusammenhalten kann. Sie zahlen aber auch einen gewissen Preis dafür.

          Um zu verstehen, warum die Sache bei den Ehrhardts funktioniert, muss man bis zum 26. Dezember 2004 zurückgehen. Es war der Tag, an dem Vater und Sohn nur mit viel Glück dem Tod entkamen. Weihnachten verbrachten sie damals gemeinsam in Thailand. Am Vormittag des zweiten Weihnachtsfeiertages lag Ehrhardt junior am Strand, Ehrhardt senior war Schnorcheln. Plötzlich zog sich das Wasser zurück. „In der ganzen Bucht lagen auf einmal die Fische auf dem Trockenen. Das war mir unheimlich“, erinnert sich Jens Ehrhardt. „Ich wusste: Es gibt Springfluten, das Wasser kann ganz plötzlich zurückkommen.“

          Vater und Sohn entschieden sich, den Strand sofort zu verlassen. Es war ihr Glück. Denn nur Sekunden später brach die Urgewalt eines Tsunami über die Bucht herein. Allein in Thailand forderte dieses gewaltige Seebeben fast 8000Todesopfer, insgesamt starben an den Küsten des Indischen Ozeans mehr als 200000Menschen. Vater und Sohn sprechen es nicht aus, aber ihr Blick sagt: Wer ein solches Unglück gemeinsam überlebt hat, lässt sich durch nichts mehr auseinanderdividieren.

          Nun ist es niemandem zu wünschen, solch existentielle Erfahrungen durchstehen zu müssen. Dass Vater und Sohn gut zusammenarbeiten, hat natürlich auch andere Gründe. Der wichtigste hat damit zu tun, dass der Vater bei der Erziehung vor allem einem Gedanken folgte: „Ich habe meinen Sohn immer machen lassen und ihn auch nie zu seinem Glück gezwungen.“ Dass nichts so abträglich sein kann wie ein dominanter Vater, das hat Jens Ehrhardt in seiner eigenen Jugend erfahren. Sein Vater Alfred war in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein recht bekannter Dokumentarfilmer und Fotograf. Einige seiner Bilder hängen noch heute im Eingangsbereich und in den Konferenzzimmern der Vermögensverwaltung.

          Der Vater-Sohn-Komplex

          Der Dokumentarfilmer Ehrhardt betrieb eine gut funktionierende Filmfirma, machte aber nie Anstalten, den Sohn dort miteinzubeziehen. Einmal nahm er Jens als Assistenten mit auf eine Island-Reise, gab ihm aber schnell zu verstehen, dass er ihn nicht für künstlerisch begabt hielt. „Er hatte eine recht eigenwillige Art.“ Jens Ehrhardt entschied sich deshalb, einen anderen Weg einzuschlagen: Er zog von seinem Geburtsort Hamburg nach München, studierte Betriebswirtschaft und verwaltete fortan das Geld reicher Kunden. Den ganz großen Erfolg der Vermögensverwaltung hat Alfred Ehrhardt nicht mehr erlebt.

          Jens Ehrhardt haben all diese Erfahrungen sehr geprägt, er spricht oft und lange darüber. Bei seinen eigenen Kindern, so schwor er sich früh, wollte er alles anders machen. Das scheint gelungen. „Es war ganz geschickt von meinem Vater, mir bei der Berufswahl nicht hineinzureden“, sagt Jan Ehrhardt. Anfangs konnte er es sich nur schwer vorstellen, einmal in der Firma des eigenen Vaters anzufangen. Aber der Beruf des Fondsmanagers und Vermögensverwalters faszinierte ihn schon früh. In der Grundschule erzählte Jan Ehrhardt den Mitschülern zwar, der Vater sei Wirtschaftsjournalist, was nur in gewissem Sinne stimmte, da Jens Ehrhardt bis heute jeden Mittwoch einen flüssig formulierten Börsenbrief namens „Finanzwoche“ herausgibt. Aber der Grundschüler hatte Mühe, sich vorzustellen, was genau der Vater da eigentlich machte. In der Oberstufe dann hatte Jan die Begeisterung gepackt, in einer Facharbeit verglich er die Fonds des Vaters mit einigen Konkurrenten. Der Lehrer fand das gut, dafür gab es eine Eins.

          Kurz nach Jan Ehrhardts Abitur trafen sich Vater und Sohn bei ihrem Münchner Lieblingsitaliener, aber nicht etwa, um zu feiern. „Mein Vater hat mir damals erklärt, wie er an die Märkte herangeht“, erzählt Jan Ehrhardt. „Wir haben uns einige Indikatoren angeschaut, zum Beispiel die Geldmenge. Da wurde es schon abstrakt.“ Es ist der zweite Grund für die gute Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn, gewissermaßen ihr Erfolgsgeheimnis: Sie begegnen sich auf Augenhöhe, der Vater hat den Sohn schon früh für voll genommen.

          Wie macht man ein Unternehmen fit für die Zukunft?

          Die Geschichte der beiden Ehrhardts zeigt, wie wichtig es ist, dass gerade der Ältere sich klug verhält. Aber natürlich kommt es auch auf den Jüngeren an. Das Verdienst des Sohnes ist: Er wollte nicht von vornherein den ganzen Laden umkrempeln, stellte also das Werk des Vaters nie in Frage. Jan Ehrhardt ging zunächst als junger Analyst in Diensten der Credit Suisse nach New York. Als der Vater ihm anbot, mit nur 27 Jahren am Ausbau der eigenen Firma mitzuwirken, zögerte Jan nicht lange, ins beschauliche Pullach zurückzukehren. Aber er stellte sich hinten an, begann auch bei DJE zunächst als Analyst. Heute verwaltet er mehr Kundengelder als der Vater.

          Jan Ehrhardt fühlt sich auch dafür zuständig, das Familienunternehmen fit für die Zukunft zu machen. Seit 2017 bietet DJE unter seiner Führung die digitale Vermögensverwaltung „Solidvest“ an, 10000 Euro reichen, um Kunde zu werden. Das ist deutlich weniger als in der klassischen Vermögensverwaltung. Zwei Jahre nach dem Start hat Ehrhardt damit schon einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag eingesammelt.

          Trotzdem klingt die ganze Geschichte ein wenig zu perfekt. Jetzt mal ehrlich, hat sich nicht jeder Sohn schon einmal mit seinem Vater gestritten? Die beiden behaupten nichts Gegenteiliges, man gehe aber stets achtsam miteinander um. „Wenn es gut läuft, feiern wir zusammen. Und wenn es schlechter läuft, ackern wir auch mal jeder für sich. Aber unsere Büros liegen direkt nebeneinander, wir sind in ständigem Austausch.“

          Ihre schwierigste berufliche Zeit hatten Jens und Jan Ehrhardt in der Finanzkrise des Jahres 2008. Damals verließen sie das Büro nur zum Schlafengehen, der Druck war enorm. Der oft standardmäßig vorgetragene Satz jedes Vermögensverwalters, in solchen Situationen gelte es, das Geld der Kunden zu schützen, bekam in ihrem Falle eine ganz eigene Bedeutung. Nicht wenige Kunden stammen aus München und Umgebung, es ist nicht ungewöhnlich, dass man sich am Wochenende über den Weg läuft. „Wir wollten den Leuten weiter in die Augen blicken können.“

          Das ist gelungen, auch wenn die Wertentwicklung der Fonds nicht zu jeder Zeit herausragend war. Allerdings zahlen Vater und Sohn für ihr Arrangement auch einen Preis. Jan Ehrhardt muss sich zurücknehmen, sein Vater zieht nach wie vor das Scheinwerferlicht auf sich. Auf Anlegermessen stehen die Menschen Schlange, um den Senior zu sehen. Jens Ehrhardt geht so in seiner Arbeit auf, dass er auch am Wochenende im Büro auftaucht, um die neuesten Marktanalysen zu lesen. Seine Ehe ist an diesem Einsatz schon vor vielen Jahren zerbrochen. Sohn Jan, sagt der Vater, sei ein viel besserer Familienmensch.

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