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Aktienmarkt : Die Zinswende gibt einigen Aktien Aufwind

Die Verwaltung von Vonovia in Bochum Bild: dpa

Steigende Zinsen unterstützen Banken und belasten Immobilienaktien. Einen Zinsschock aber vermögen Experten nicht zu erkennen.

          3 Min.

          Es gibt auch in Zeiten steigender Zinsen Chancen am Aktienmarkt. Der Blick auf die Branchen und Aktien, die seit Jahresanfang trotz der jüngsten Korrektur noch immer im Plus liegen, zeigt die Richtung an: Finanzwerte und Unternehmen mit geringer Verschuldung. Der FAZ-Euro-Finanzen-Index, der Banken und Versicherer aus dem Euroraum bündelt, liegt seit Jahresanfang noch immer mit 2 Prozent im Plus, während der um die Finanzwerte bereinigte FAZ-Euro-Index um 3,3 Prozent nachgegeben hat.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In Europa führen die Liste der Kursgewinner die italienischen Banken Intesa Sanpaolo (plus 13 Prozent) und Unicredit (plus 12 Prozent) an. Auch der Kurs der österreichischen Erste Group Bank weist mit einem Anstieg von knapp 9 Prozent eine sehr gute Entwicklung seit Jahresbeginn auf.

          F.A.Z. EURO FINANZ

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          Doch nicht immer haben Bankaktien von den steigenden Zinsen profitieren können. In Deutschland und in Europa ist die Aktie der Deutschen Bank mit minus 19 Prozent das Schlusslicht, was an dem Verlust 2017 und den bestehenden Zweifeln an den künftigen Ertragsperspektiven liegt. Nicht ganz so schlecht hat sich die Commerzbank-Aktien entwickelt, deren Kurs seit Jahresanfang mittlerweile wieder um 2,6 Prozent gestiegen ist.

          An der Dax-Spitze steht aber auch ein Finanzwert, und zwar die Aktie der Deutschen Börse, die sich um rund 8 Prozent verteuert hat. Für den Börsenbetreiber sind die zunehmenden Kursschwankungen (Volatilität) gut für das Geschäft, weil mit dem stärkeren Handel die Umsätze zulegen.

          DT. BÖRSE

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          „Profiteure eines weiteren kräftigen Zinsanstiegs wären vor allem Banken und Versicherungen“, sagt Martin Hellingrath, Leiter Globale Aktien der Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Die Margen von Geldhäusern könnten durch höhere Zinsen im Kreditgeschäft wieder anziehen. „Klare Verlierer wären defensive Sektoren wie Versorger oder Immobilien“, sagt Hellingrath auf Anfrage dieser Zeitung.

          Von einem Zinsanstieg profitierten meist nur wenige Branchen, antwortet Henning Gebhardt, Leiter Wealth and Asset Management der Berenberg Bank. Zwar sieht auch er Finanzwerte „klassischerweise“ als Gewinner, doch derzeit hält er hier weiterhin Vorsicht für angebracht, weil den Sektor strukturelle Themen belasteten.

          Kein gutes Umfeld stellen für Gebhardt, der bis Ende 2016 für die Deutsche Bank in der Vermögensverwaltung tätig war, steigende Zinsen für defensive Sektoren wie Telekommunikation oder Versorger dar. In Deutschland sollte auch der Immobilienbereich steigende Zinsen zu spüren bekommen. Dazu zählen Wohnungsaktien wie Vonovia aus dem Dax oder LEG Immobilien und Deutsche Wohnen, die dem M-Dax angehören.

          VONOVIA

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          Seit Jahresanfang hat die Vonovia-Aktie fast 12 Prozent an Wert verloren. Ähnlich deutlich fallen die Kursverluste für die Deutsche Euroshop und LEG Immobilien aus. Unter den Versorgern hat die Eon-Aktie fast 12 Prozent eingebüßt und der RWE-Titel 7 Prozent. Die Deutsche-Telekom-Aktie hat sich um 11 Prozent verbilligt.

          Alle diese Werte weisen eine hohe Nettoverschuldung auf. Diese wird in der Regel gemessen am Betriebsgewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda). Auf Basis des Geschäftsjahres 2016 fielen die Schulden von Vonovia 2,8-fach so hoch aus wie die Gewinnkennziffer. Besonders hoch liegt dieser Wert für die LEG Immobilien mit 3,9. Die Immobilienunternehmen haben den Erwerb der Liegenschaften über Kredite finanziert. Mit den Zinsen steigt der Schuldendienst, was den Gewinn schmälert.

          Für Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege des Vermögensverwalters Blackrock, gibt es neben Banken und Versicherern noch weitere Branchen, die von steigenden Zinsen indirekt profitieren. Da steigende Zinsen in aller Regel vor allem in Phasen einer robust wachsenden Volkswirtschaft zu beobachten sind, können nach Ansicht von Herrmann auch zyklische Branchen wie beispielsweise Automobil oder Industrie zu den Gewinnern zählen.

          Auch er sieht defensive Sektoren wie zum Beispiel die Telekommunikation auf der Verliererseite. „Für diese Werte bedeutet ein Umfeld steigender Zinsen fast ausschließlich höhere Kosten“, sagt Herrmann. Auch Aktien mit einer hohen Dividendenrendite seien häufiger im Lager der Verlierer zu finden, wenn die Zinsen an den Märkten zulegten.

          Im gegenwärtigen Umfeld ziehen die Blackrock-Strategen eine Übergewichtung der Aktienseite – insbesondere zyklischer Werte – vor. Gleichzeitig rät Herrmann zu erhöhter Vorsicht bei Anleihen, da deren steigende Renditen mit entsprechenden Kursverlusten verbunden sind. Der Vermögensverwalter der Deutschen Bank, die Deutsche Asset Management, wertet einen zu schnellen Anstieg der Zinsen von der jetzigen Ausgangsposition, getrieben aus Inflationsbefürchtungen, als nicht gut für den Aktienmarkt. Ein eher schrittweiser, langsamer Anstieg der Realzinsen dagegen wäre ein gutes Konjunktursignal, erklärte ein Sprecher.

          Das sollte Aktien unterstützen – trotz schon überdurchschnittlicher Aktienbewertungen und hoher Unternehmensprofitabilität. Für dieses Szenario gelte, dass vor allem zyklische Branchen und konsumnahe Unternehmen profitierten sowie Finanzwerte, insbesondere Banken und hier wiederum amerikanische Institute, da in Europa die Zinswende der Europäischen Zentralbank noch etwas auf sich warten lasse.

          Einen Zinsschock kann Berenberg-Fachmann Gebhardt nicht erkennen: „Wir kehren langsam und in moderaten Schritten zu einer Normalität zurück.“ Die Konjunktur sei solide, und die Unternehmen machten ordentlich Gewinne. Die Bewertungen seien nach dem jüngsten Rücksetzer gerade in Europa und Deutschland verhältnismäßig moderat. „Deshalb würden wir weiterhin zu Aktien raten“, betont Gebhardt. Für Hellingrath von der Union Investment sind die Zeiten historisch niedriger Renditen von Staatsanleihen vorbei. Unter den Aktien seien Banken, Versicherer und Finanzdienstleister die bessere Wahl im Vergleich zu Versorgern, Telekommunikation und Medien.

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