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Amerika vor Rezession? : Die Wall Street fürchtet die flache Zinskurve

  • -Aktualisiert am

Geschäftiges Treiben: Das Handelsparkett an der New Yorker Börse. Bild: AP

Der Renditeabstand von kurzfristigen zu langfristigen Anleihen gilt in bestimmten Fällen als Warnsignal vor einer Rezession. Der aktuelle Trend beschäftigt die Anleger.

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          Börsianer an der Wall Street zittern vor einem klassischen Angstbarometer: die Zinsstrukturkurve amerikanischer Staatsanleihen. Anleger reagieren sensibel auf die Zinskurve, weil sie in der Vergangenheit ein verlässlicher Indikator für einen Wirtschaftsabschwung war. Die Zinskurve bildet den Renditeabstand zwischen Staatsanleihen mit zweijähriger Laufzeit und Papieren mit zehnjähriger Fälligkeit ab. Normalerweise liegen die kurzfristigen Zinsen unter den Zinsen für langfristige Anleihen. Das ist auch weiterhin der Fall. Aber der Renditeabstand war zuletzt unter 0,28 Prozentpunkte gefallen. Nach Angaben des Informationsdienstes Ryan ALM war das die niedrigste Differenz seit August 2007. Gefährlich wurde es bislang aber erst, wenn es zu einer sogenannten Inversion der Zinsstrukturkurve kam.

          Norbert Kuls
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          In dieser Konstellation liegen die kurzfristigen Renditen über den langfristigen. Nach Angaben der Notenbank von San Francisco ging jeder Rezession der vergangenen 60 Jahre eine inverse Zinsstrukturkurve voraus. „Die Inversionen der Kurve haben seit 1955 alle neun wirtschaftlichen Abschwungphasen signalisiert, und nur in einem Fall gab es eine falsch positive Prognose“, hieß es in einem Bericht der Notenbank vom März. Mitte der sechziger Jahre sei es nach einer Inversion der Zinskurve nur zu einer wirtschaftlichen Abkühlung gekommen, aber nicht zu einer Rezession. Eine wichtige Einschränkung gibt es aber. Die Zinskurve konnte bislang nicht voraussagen, wann genau es zu einer Rezession kommt. In der Vergangenheit dauerte es von sechs Monaten bis zu zwei Jahren, bis der Abschwung nach einer Inversion einsetzte. Es ist trotzdem kein Wunder, dass Anleger dem Zinstrend erhöhte Aufmerksamkeit schenken, auch wenn die meisten Analysten nicht mit einer bevorstehenden Rezession rechnen. Die Renditen zweijähriger Staatspapiere hängen typischerweise vom erwarteten Trend der Leitzinsen ab.

          Die amerikanische Notenbank hat die Leitzinsen nach einer langen Nullzinsphase infolge der Finanzkrise vor zehn Jahren zuletzt wieder angehoben. Die Notenbanker haben für dieses Jahr zwei weitere Zinsschritte signalisiert. Die Rendite zweijähriger Papiere lag zuletzt bei 2,53 Prozent. Die zehnjährigen Renditen waren im Mai auf über 3 Prozent geklettert, den höchsten Stand seit fast sieben Jahren. Anleger hatten auf ein zunehmendes Wirtschaftswachstum gewettet, auf steigende Löhne und Verbraucherpreise. Der Renditeaufschlag kompensiert Anleger für das Risiko, dass starkes Wirtschaftswachstum zu steigender Inflation führt, was die Kaufkraft der Zinszahlungen von Anleihen aufzehrt.

          Auswirkung des Handelskonflikts?

          Auf die am Freitag veröffentlichten amerikanischen Arbeitsmarktdaten für Juni reagierten sowohl langlaufende als auch kurzlaufende Anleihen mit leichten Renditeabschlägen. Die Beschäftigung war mit 213 000 neuen Stellen stärker als erwartet gestiegen. Aber die durchschnittlichen Stundenlöhne lagen nur um 0,2 Prozent höher als im Vormonat. Ökonomen hatten mit einem etwas höheren Wachstum von 0,3 Prozent gerechnet. Investoren achten auf diese Daten, um den weiteren Inflationstrend abzuschätzen.

          Inflation scheint aus Sicht von Anlegern daher aktuell kein großes Thema. „Das Ergebnis war sicherlich gemischt, aber hinsichtlich der Inflation bestätigt der Bericht die Abflachung der Zinskurve, die derzeit im Markt für Staatsanleihen stattfindet“, kommentierte Ian Lyngen, der in der Kapitalmarktsparte der Bank of Montreal die Anlagestrategie für amerikanische Staatsanleihen verantwortet.

          Die Renditen zehnjähriger Papiere waren seit Mai wieder auf zuletzt 2,82 Prozent zurückgegangen. Anleger fürchten eine Abschwächung des globalen Wirtschaftswachstums aufgrund des eskalierenden Handelskonflikts zwischen den Vereinigten Staaten und Handelspartnern wie China, der EU und Kanada. Das könnte nach Ansicht von Händlern die von den Steuersenkungen in den Vereinigten Staaten ausgehenden positiven Impulse dämpfen. Amerikanische Staatsanleihen sind zudem immer als sicherer Hafen gefragt, wenn es zu Auseinandersetzungen und neuen Strafzöllen im Handelskonflikt kommt. Wenn die Kurse von Anleihen in diesem Fall steigen, fallen die Renditen. Stehen die Papiere dagegen unter Verkaufsdruck, steigen die Renditen.

          Aufschwung bis 2020 erwartet

          Sean Simko, der das Anleihegeschäft des Vermögensverwalters SEI Investments verantwortet, wettet auf eine weitere Abflachung der Zinskurve. Bis zum Ende des Jahres könnte es dann zu einer Inversion kommen, wenn die Fed die Leitzinsen weiter anhebt und Handelsbeschränkungen das Wirtschaftswachstum bremsen. „Es ist ein Warnsignal, und man muss sich bewusst sein, wodurch es ausgelöst wird“, sagte er dem „Wall Street Journal“.

          Aber nur wenige Ökonomen erwarten ein baldiges Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs. Nach einer Umfrage unter Ökonomen dürfte die wirtschaftliche Expansion wahrscheinlich erst im Jahr 2020 enden, nachdem die steigenden Leitzinsen Wirkung zeigen. Die Umfrage wurde allerdings im Mai gemacht, also noch vor der Eskalation des Handelskonflikts durch die amerikanische Regierung.

          Der Handelsstreit hat generell zu stärkeren Schwankungen und Unsicherheit an den Finanzmärkten geführt. Risikopapiere wie Aktien oder Anleihen von Schwellenländern haben daher an Attraktivität verloren, sagt Doug Peebles, Chefanleger in der Anleihesparte des Wertpapierhauses Alliance Bernstein. Peebles empfiehlt seinen Kunden, Gelder stärker in sichere Anlagen wie Staatsanleihen umzuschichten. „Die Zinskurve ist wahrscheinlich das wichtigste Instrument, um die Risikobereitschaft der Finanzmärkte einzuschätzen“, sagte Peebles.

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