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Vermögensverwaltung : Die Entdeckung der Frau

Nicht nach ihren Bedürfnissen beraten

Viele Finanzthemen, die dort angesprochen werden, sind indes so grundsätzlich, dass sie auch Männer beschäftigen (sollten): wie man ein Depot aufstellt. Dass sich eine Lebensversicherung kaum noch lohnt. Dass ein ETF einen Aktienindex wie den Dax eins zu eins abbildet und deshalb günstiger ist als ein aktiver Fonds. Dass ein Ehevertrag sinnvoll ist.

Die Schweizer Großbank UBS ist sogar schon ein paar Schritte weiter. Sie hat im vergangenen Jahr einen Fünfjahresplan vorgestellt, der ganz im Zeichen der Frauen steht. Bisher seien Frauen nicht entsprechend ihrer Bedürfnisse beraten und bedient worden, haben die Vermögensverwalter der UBS durchaus selbstkritisch bemerkt. Die Schweizer wollen dies ändern, indem sie nicht nur stets eine „weibliche Perspektive“ berücksichtigen, sondern auch mehr Finanzprodukte anbieten, die für Nachhaltigkeit und Diversität stehen und Investitionswünsche von Frauen ansprechen sollen.

So hat die UBS zu Beginn dieses Jahres einen ETF auf den Markt gebracht, der in den „Global Gender Equality 100 Leaders“-Index investiert. Im Index des Anbieters Solactive Equileap sind jene 100 Unternehmen versammelt, die sich rund um die Welt am stärksten für Gleichstellung einsetzen: beispielsweise gleiche Bezahlung von Frauen und Männern und eine gute Balance zwischen Leben und Job. Ausgeschlossen werden Konzerne, die ihr Geld mit Waffen, Tabak oder Glücksspiel verdienen. Die UBS unter Führung des früheren Bundesbank-Präsidenten Axel Weber richtet sich damit nicht zuletzt an hochvermögende Frauen, deren Zahl stärker steigt als die von männlichen Milliardären.

Vollautomatische Geldanlage

Einigen Erfolg haben auch Frauen, die unabhängig von einer Bank oder einer Vermögensverwaltung Finanzwissen weitergeben. Die bekannteste ist Natascha Wegelin alias „Madame Moneypenny“. Sie beschäftigt sich erst mit Finanzen, seit sie vor einigen Jahren eine Rentenversicherung abgeschlossen hat und von ihr negativ überrascht wurde. Aus der Erkenntnis, dass es anderen Frauen ähnlich ergeht, entwickelte Wegelin ein Geschäftsmodell: Sie startete erst den Finanzblog Madame Moneypenny, inzwischen gibt sie Seminare und hat eine Facebook-Gruppe ins Leben gerufen, in der sich fast 10 000 Frauen austauschen.

In drei Monaten wird hierzulande die erste Investment-Plattform an den Start gehen, die sich ausschließlich an Frauen richtet. „Finmarie“ heißt sie und erledigt die Geldanlage vollautomatisch. Es handelt sich hierbei um einen sogenannten Robo Advisor, der auf 23 ETF zurückgreift und daraus ein Portfolio entwickeln soll, das zur Lebenssituation einer Anlegerin passt. „Wenn die Inflationsrate heute bei 2,2 Prozent liegt und die Zinsen bei null, müssen Sparerinnen ihr Verhalten ändern, um nicht länger Geld zu verlieren“, sagt Karolina Decker, die 33 Jahre alte Gründerin von Finmarie. Auf ihrer Plattform verspricht Decker, „die Einzigartigkeit der Frau“ zu feiern.

Manche Banken befinden sich dagegen noch auf der Suche nach der richtigen Umgangsform. Zum Beispiel die ING Diba, die eigentlich für ihre Kundennähe bekannt ist. Der erste Versuch einer weiblich geprägten Kommunikation kam bei den angesprochenen Kundinnen nicht an. Martin Schmidberger, der Generalbevollmächtigte der ING Diba, hat daraus einen eigenwilligen Schluss gezogen: „In der Kommunikation geht es nicht um Hellblau gegen Rosa.“ Worum es laut der Bank geht, ist die persönliche Risikoneigung. Diese Einschätzung deckt sich mit einer Analyse des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Das ZEW hat eine Befragung privater Haushalte der Deutschen Bundesbank ausgewertet und kommt zu dem – wenig überraschenden – Ergebnis, dass die Deutschen in der Geldanlage grundsätzlich risikoscheu seien. Das Geschlecht beeinflusst erst an zweiter Stelle; auch dahin gehend, „dass Frauen sich mehr Zeit nehmen, um Finanzprodukte zu verstehen“, wie Zsófia Köhler von der Frauen-Gruppe der ING Diba sagt. Woraus sie schließt: „Frauen sind anspruchsvoller.“

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