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Deutliche Kursanstiege : Die unerklärliche Lust auf Nebenwerte

Staramba verzeichnet ein Kursplus von mehr als 7,5 Prozent: 3D-Avatare – wie dieser von Ronaldo – gehören zum Geschäft des Unternehmens. Bild: Staramba

Wer jenseits der etablierten Börsensegmente schaut, findet am Mittwoch das ein oder andere fette Kursplus. Nebenwerte sind gefragt? Nicht alles ist so, wie es scheinen mag.

          Es ist kein herausragender Tag an der Börse. Aber es gab schon schlimmere. Der mit 100 Werten den deutschen Markt breit abbildende F.A.Z.-Index liegt aktuell 0,4 Prozent im Plus bei 2149 Punkten und setzt damit seine eher unentschlossene Tendenz der vergangenen Tage fort, nachdem das Jahr gut angefangen hatte. Auch der C-Dax, der alle an der Frankfurter Wertpapierbörse im General Standard und Prime Standard notierten deutschen Aktien enthält, mithin also mehr als 400, notiert auf diesem Niveau.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das hindert aber einige Aktien nicht, kräftige Kursgewinne auszuweisen. Gut, an der Spitze stehen mit Heliocentris Energy einmal mehr die Anteilsscheine eines insolventen Unternehmens, doch sieht man von solchen und ähnlichen Aktien ab, offenbart sich am Mittwoch ein profundes Interesse an einem kunterbunten Potpourri von Nebenwerten.

          Staramba!

          Bei einigen lassen sich sogar Anlässe finden: So hat Staramba, bekannt als Hersteller von Avatar-Software, vorläufige Geschäftszahlen für 2018 vorgelegt. Demnach betrug der Umsatz 17,6 Millionen Euro und der operative Gewinn etwa 5,7 Millionen Euro, wobei dies unter dem Vorbehalt steht, dass es handels- und steuerrechtlichen Unsicherheiten hinsichtlich der Verkäufe von Einheiten (Tokens) der hauseigenen Kryptowährung gibt. Während Staramba diese als realisierten Umsatz verbuchen will, betrachteten die Wirtschaftsprüfer diese als Gutscheine. Nähere Informationen wird das Unternehmen nach der Wahl des neues Wirtschaftsprüfers sowie einer Vorprüfung durch diesen bekannt geben. Das soll am Mittwoch auf der Hauptversammlung geschehen.

          Das Kursplus von mehr als 7,5 Prozent mag wohl der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass damit die Bilanzierungsprobleme zugunsten des Unternehmens gelöst werden. Diese hatten den Kurs im vergangenen Jahr von 64 Euro bis auf 9,32 Euro fallen lassen. Insofern sind die 95 Cent, um die der Kurs am Mittwoch steigt, nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

          STARAMBA SE O.N.

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          Doch man sollte Vorsicht walten lassen, überhaupt etwas in das Kursplus hineinzuinterpretieren. Denn die Aktie wird mit einem Volumen von gerade einmal 755,55 Euro praktisch nicht gehandelt. Schaut man dann auf andere Handelsplätze, etwa  dem Handelsplatz Tradegate, wo Staramba auf ein Volumen von mehr als 9000 Euro kommt, steigt der Kurs gerad einmal um 0,4 Prozent. Hier ist die Aktie um 90 Cent oder 6,7 Prozent billiger als im Xetra-Handel. Das wär eigentlich ein gefundenes Fressen für Arbitrageure: Auf Tradegate kaufen und auf Xetra verkaufen – wäre nur das Handelsvolumen auf Xetra so groß, dass man einen Käufer fände.

          Und Staramba ist nicht allein: Um fast 10 Prozent legt der Kurs des Elektronikhändlers Vivanco zu, ohne ersichtlichen Anlass. Das Handelsvolumen beträgt 651 Euro und überall sonst null. Das Unternehmen wird von der chinesischen Ningbo SHIP Investment Group kontrolliert, nur knapp 660.000 Aktien sind überhaupt im Handel.

          Auch der Aktienkurs des Bettenbauers Sleepz steigt um knapp 9 Prozent. Immerhin beträgt das Handelsvolumen hier fast 23.000 Euro. Auf Tradegate ist das Volumen um mehr als die Hälfte größer und das Plus dafür um die Hälfte kleiner. Auch diese Veränderungen sollte man nicht überschätzen. Das trifft etwa auch auf Windeln.de zu, die womöglich von einer Kaufempfehlung eines Research-Dienstes profitieren und um mehr als 10 Prozent zulegen.

          VIVANCO GRUPPE AG

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          Aber es gibt auch noch Nebenwerte, deren Kurse steigen, weil sie tatsächlich gefragt sind, wenngleich die Gründe nicht immer so ganz nachvollziehbar sind. Wieso etwa der Aktienkurs des Stahlhändlers Klöckner & Co. davon profitieren sollte, dass Finanzvorstand Marcus Ketter zum Anlagenbauer Gea wechselt, erschließt sich nicht.

          Dann doch eher, dass der Autozulieferer Norma Group im vergangenen Jahr die selbst gesteckten Ziele erreicht hat, was dem Aktienkurs ein Plus von 7 Prozent beschert, obwohl das Jahr insgesamt her schwierig war. Oder Home 24: Der Online-Möbelhändler wollte 2018 um 30 Prozent wachsen. Geworden sind es nur 18 Prozent. Aber da das immer noch mehr ist als der Online-Möbelmarkt insgesamt, legt er Kurs um knapp 6 Prozent zu.

          HOME24 SE INH O.N.

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          Insgesamt zeigen einige Anleger am Mittwoch mal wieder Lust an spekulativeren Engagements. Obwohl es manchmal doch recht impulsiv erscheint. Laut Händlern kommt das Kursplus der Aktie des Gabelstaplerherstellers Kion aufgrund einer Kaufempfehlung des Bankhauses Metzler zustande, dass die Papiere zuvor zu halten empfahl. Das gleichzeitig die Privatbank Hauck & Aufhäuser ihr Kursziel senkte, findet weniger Beachtung, auch dass Jeffries (Buy) und die Deutsche Bank (Hold) keinen Grund für Änderungen sahen. Aber man muss eben optimistisch sein, um in Aktien zu investieren.

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