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Zahlungsmoral : Türkei ist der drittschlechteste Zahler der Welt

Die Lage am Bosporus wird für deutsche Lieferanten immer unangenehmer. Bild: dpa

Der Verfall der türkischen Lira macht deutschen Zulieferern zu schaffen. Kreditversicherer warnen, die Prämien steigen.

          Der Wertverfall der türkischen Lira setzt auch deutschen Lieferanten zu. Das gilt vor allem dann, wenn der türkische Kunde Erlöse in der heimischen Währung hat, seine Lieferungen aber in Euro oder Dollar bezahlen muss. Durch den massiven Wechselkursverlust sind deutsche Güter für türkische Importeure seit Jahresbeginn um rund 20 Prozent teurer geworden.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Diese Preissteigerung lässt sich nur bedingt an türkische Endkunden überwälzen. Vielmehr schmälern die zusätzlichen Belastungen den Gewinn oder führen gar zu Verlusten. Auch zwingen sie die türkischen Unternehmen, sich nach heimischen, in Lira fakturierenden Lieferanten umzusehen, was ebenfalls nicht im Sinne der ausländischen Geschäftspartner ist.

          Die europäischen Kreditversicherer berichten, dass sich das ohnehin schwierige Zahlungsverhalten der türkischen Unternehmen weiter verschlechtere. Trotz verlängerter Zahlungsziele komme es zu immer mehr Verzögerungen, teilt das Unternehmen Atradius mit, einer der größten Kreditversicherer der Welt.

          Türkei stark von Importen abhängig

          Die Gesellschaft erwartet, dass die Zahl der Insolvenzen 2018 mindestens so hoch sein wird wie 2017. In einigen Kernbranchen werde sie noch steigen, etwa im Bau, im Einzelhandel, in der Metall-, Stahl- und Textilindustrie. Besonders kritisch ist die Lage für junge Unternehmen. Atradius zufolge sind fast 80 Prozent aller Neugründungen innerhalb von drei Jahren zahlungsunfähig.

          Die Türkei mit ihrem hohen Leistungsbilanzdefizit sei stark von Importen abhängig, sagt Thomas Langen, der zuständige Regionaldirektor. Der rapide Wertverlust der Lira belaste die vielen türkischen Unternehmen mit Devisenverbindlichkeiten: „Die Schuldenlast ist bei zahlreichen Abnehmern mittlerweile sehr bedenklich und lässt das Risiko für einen Zahlungsausfall bei Lieferanten und Dienstleistern deutlich ansteigen.“ Die höchste Rate an Kreditausfällen beobachten die Fachleute im Groß- und Einzelhandel. Als besonders risikobehaftet gelten Betriebe, die importierte Elektronikprodukte verkaufen. In der Textilindustrie seien mehr als 6 Prozent der Kredite notleidend, sagen die Fachleute, doppelt so viele wie im gesamten Kreditportfolio der Banken.

          Stark leidet auch das Baugewerbe. Atradius zufolge ist der Wohnungsbau eher schwach. Es gibt zu viele Anbieter, die Margen sind zu gering, die Zinsen und die Rohstoffpreise zu hoch, besonders für Betonstahl. Die Zahlungsdauer betrage 120 bis 180 Tage, das Zahlungsverhalten sei oft negativ. „Sollte die Türkei ihre wirtschaftlichen Probleme nicht in den Griff bekommen, droht nach dem Wachstumsjahr 2017 das Szenario einer harten Landung“, warnt Langen.

          Anstieg der türkischen Insolvenzen erwartet

          Skeptisch ist die Einschätzung auch bei Euler Hermes, dem Weltmarktführer im Geschäft mit Warenkreditversicherungen. „Die Türkei liegt auf Platz 3 der schlechtesten Zahler weltweit“, sagt Ludovic Subran, Chefvolkswirt von Euler Hermes. Nur Unternehmen aus China und Griechenland seien noch säumiger. Zwischen Rechnungslegung und Begleichung lägen im Mittel 83 Tage, in der Elektronikbranche sogar 140 Tage. Normal sind international 66 Tage.

          Inzwischen erhält Subran zufolge fast jedes vierte Unternehmen, das an die Türkei liefert, sein Geld erst nach vier Monaten. Nicht zuletzt wegen des Lira-Verfalls prognostiziert Euler Hermes für 2018 einen Anstieg der türkischen Insolvenzen um 5 Prozent. „Die Erwartungen haben sich in den letzten Monaten weiter verschlechtert“, sagt Subran. „Zahlungsrisiken und Insolvenzen sind auf dem Vormarsch.“

          Dass sich die Gefahreneinschätzung für die Türkei eintrübt, ergibt sich auch aus der Neueinstufung durch die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD. Ende Juni erhöhte sie die sogenannte Länderkategorie von Rang 4 auf 5 (von 7). Während sich die Türkei vorher in einer Gruppe mit Russland oder dem EU-Land Kroatien befand, steht sie jetzt auf einer Stufe mit Bangladesch, Jordanien und Senegal.

          Devisenreserven sind massiv gefallen

          Die Klassifizierung der OECD bietet für die Kreditversicherer eine Grundlage zur Prämienberechnung: Je schlechter die Einstufung, desto mehr Geld muss ein Unternehmen bezahlen. Um Investitionen gegen politische Risiken in der Türkei abzusichern, verlangt zum Beispiel die Österreichische Kontrollbank OeKB jetzt 0,6 Prozent der Summe im Jahr; vor der Höherstufung waren es 0,5 Prozent.

          Die Versicherung kurzfristiger Liefergeschäfte (weniger als zwei Jahre) kosten die Exporteure1,7 bis 3,2 Prozent. Früher waren es nur 1,1 bis 2,4 Prozent. Selbst wenn die Lieferanten gegen Totalausfälle abgesichert sind, steigen also ihre Kosten.

          Über die „Hermes-Bürgschaften“ sichert auch die Bundesregierung Risiken deutscher Exporteure in der Türkei ab. 2015 betrug das Volumen 2,1 Milliarden Euro, das waren 9,6 Prozent aller deutschen Exporte in das Land. 2016 halbierte sich der Wert auf 1,1 Milliarden Euro. Und auch 2017 wurde das frühere Niveau mit 1,6 Milliarden oder 7,3 Prozent nicht wieder erreicht. „Fast alle Unternehmen, die in Euro fakturieren, haben in der Türkei Probleme“, sagt Norbert Kosbow von der Acredia-Versicherung in Wien. Die türkischen Devisenreserven seien derart gefallen, dass sie den Import von nur noch 4,2 Monaten abdeckten. „Sehr kritisch wird es bei weniger als drei Monaten“, warnt der Fachmann.

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