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Überschüsse : Lebensversicherer lassen die Muskeln spielen

Die Lebensversicherer finden wieder zu neuer Kraft. Bild: Edgar Schoepal

Die ersten Vertreter der Branche haben ihre Ausschüttungen bekanntgegeben. Nach Jahren schwindender Erträge wird die Lage wieder etwas besser.

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          In der Lebensversicherung hat sich etabliert, dass die starken Marktteilnehmer früher als andere ihre Überschussbeteiligungen bekanntgeben, also wie sie ihre Gewinne auf ihre Kunden aufteilen. Früher war es so, dass Marktführer Allianz den Takt vorgab. Doch zwischenzeitlich haben sich andere Wettbewerber vor den Termin Anfang Dezember geschoben, um das Signal an den Markt auszusenden: Wir sind stark, beachtet uns! Die einst nahezu hoffnungslose Alte Leipziger hat dieses Zeichen des Selbstbewusstseins gesetzt, als sich erwies, dass die Strategie der vergangenen Jahre sehr erfolgreich war.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Dieses Jahr hat sich ein weiterer Wettbewerber als erster gerührt – und zwar schon Mitte November. Die Axa, die eine Zeit, lang auf exotische kapitalmarktorientierte Policen mit hoher Garantie, sogenannte Variable Annuities, gesetzt hatte, will auch im klassischen Geschäft als starker Anbieter wahrgenommen werden. Mit einer laufenden Verzinsung von 2,9 Prozent auf den Sparbeitrag dürfte sie weiterhin zum oberen Drittel des Marktes gehören.

          Nun könnte man denken, dass die Überschussbeteiligung immer unwichtiger wird, da im Neugeschäft inzwischen überwiegend fondsgebundene Policen oder Versicherungen mit alternativen Garantiekonzepten verkauft werden, etwa mit gesplitteter Garantie zwischen Anspar- und Auszahlphase, oder Policen mit Beteiligung an einer Indexentwicklung sowie endfällige Garantien auf Basis von Derivaten. Warum die Überschussdeklarationen der Anbieter dennoch weiter wichtig für die Kunden sind, erklärt sich aus ihrer Mechanik. Ein Teil der Beiträge geht auch bei allen Policen außer den garantiefreien Fondspolicen in ein Sicherungsvermögen. Je nach Marktsituation wird ein Teil des Geldes dann in Rentenpapiere oder Aktienfondsanteile investiert. Das Sicherungsvermögen ist ein kollektiver Topf, auf den die Verzinsung aus der Überschussbeteiligung angewendet wird.

          Diese Werte sind nicht als Beitragsrenditen zu interpretieren

          Noch immer lasten die schwachen Kapitalerträge auf den Versicherern. In den Jahren mit niedrigen Zinsen ist der Risikogewinn zu einer immer wichtigeren Quelle der Lebensversicherer geworden. Dieser entsteht, wenn Kunden weniger Auszahlungen aus einer Berufsunfähigkeitsversicherung erhalten oder kürzer Rente bezogen haben, als der Versicherer ursprünglich kalkuliert hatte.

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          Nach der Axa hat sich in dieser Woche die Alte Leipziger zu Wort gemeldet. Auch sie hält ihre laufende Verzinsung konstant. Die Kunden erhalten für eine klassische private Rentenversicherung mit Garantiezins zusätzlich 2,5 Prozent. Hinzu kommen für abgehende Kunden noch eine Sockelbeteiligung und ein Schlussüberschuss, so dass diese im Jahr 2019 auf eine Gesamtverzinsung von 2,9 Prozent kommen. In einer moderneren Rentenversicherung mit alternativem Garantiekonzept liegt diese noch einmal um 0,2 Prozentpunkte höher bei 3,1 Prozent. Die Kunden der Axa kommen inklusive Sockelbeitrag und Schlussüberschuss auf 3,4 Prozent. Die anderen Wettbewerber werden ihre Meldungen nun bis Jahresende nach und nach veröffentlichen.

          Diese Werte sind nicht als Beitragsrenditen zu interpretieren. Sie werden immer auf den Anteil der Beiträge angerechnet, die in die Sparanlage gehen. Denn die Versicherer ziehen immer einen Teil der Beiträge ab, um die Risikoanteile einer Police zu finanzieren. Das ist zum Beispiel die „Langlebigkeit“ – also das Risiko, dass Verbraucher älter werden als zuvor vermutet. Das sind Versicherungsleistungen, die für den Kunden einen Mehrwert bedeuten, aber gleichzeitig die Rendite der Altersvorsorge mindern.

          Ein zusätzlicher Puffer

          Für die Versicherer hat sich die Lage etwas entspannt. Die Zinsen in der Neuanlage sind nicht weiter gefallen. Sie haben immer noch recht hohe Bewertungsreserven auf ältere Rentenpapiere. Gleichzeitig hat sich die Bundesregierung nach langer Diskussion dazu durchgerungen, die Zinszusatzreserve zu reformieren. Das ist ein zusätzlicher Puffer, den die Finanzaufsicht Bafin von den Anbietern verlangt, um sicherzustellen, dass die höherprozentigen Garantieverträge der Vergangenheit auch im Niedrigzinsumfeld erfüllt werden können.

          Durch eine neue Berechnung, die der berufsständische Verband Deutsche Aktuarvereinigung vorgeschlagen hat, soll diese Reserve nicht mehr so schnell wachsen wie nach der bisherigen Methode. Das entlastet die Versicherer erheblich und gibt ihnen etwas mehr Spielraum für großzügige Ausschüttungen an ihre Kunden ohne höherprozentige Verträge, die in den vergangenen Jahren einseitig Nachsorge für ältere Bestandskunden betreiben mussten.

          Die Lage einiger Lebensversicherer war durch die Zinssituation so prekär, dass sie die Finanzaufsicht Bafin sogar darum bitten mussten, die Regeln der Mindestzuführungsordnung auszusetzen. Das ist die Vorschrift, mit der geregelt ist, dass 90 Prozent der Gewinne aus Zins- und Risikogeschäft und 50 Prozent der Kostengewinne direkt an die Verbraucher ausgeschüttet werden müssen. Acht Versicherern hat die Behörde im vergangenen Jahrzehnt gestattet, diese Regel vorübergehend auszusetzen, weil sonst die Erträge nicht ausgereicht hätten, um die sonstigen (Garantie-)Verpflichtungen zu erfüllen, wie kürzlich durch eine kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion bekanntwurde.

          Darunter ist unter anderem die Debeka, die in besonderem Maße auf festverzinsliche Wertpapiere gesetzt hat. Ohne die Ausnahme hätte man in größerem Umfang höherverzinsliche Rentenpapiere mit hohen Bewertungsreserven veräußern müssen, die wichtig waren, um auch in der Zukunft noch höhere Erträge zu realisieren, hieß es aus dem Unternehmen. Durch die Neuregelung der Zusatzreserve ist nun zumindest mehr Luft, auf solche Ausnahmen zu verzichten.

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