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Geldanlage in Fonds : Die große Carmignac-Krise

Der französische Vermögensverwalter Edouard Carmignac Bild: Frank Röth

Viele Sparer setzen auf die Fonds von Édouard Carmignac. Doch inzwischen ist die Wertentwicklung katastrophal.

          4 Min.

          Das Jahr 2018 war im Leben des Édouard Carmignac eine außergewöhnliche Zeit. Der 71-jährige Gründer und Chef der Pariser Fondsgesellschaft hat geschafft, wovon nicht wenige erfolgreiche Geldverwalter träumen. Er hat auf der französischen Mittelmeerinsel Porquerolles mit dem Geld seiner Stiftung ein Museum eröffnet, das nach Meinung internationaler Kunstexperten seinesgleichen sucht: Werke von zeitgenössischen Künstlern wie von Jean-Michel Basquiat sind dort ebenso zu sehen wie die Gemälde von alten Meistern wie Sandro Botticelli, eingebettet in die ungewöhnliche natürliche Schönheit der Insel. Es ist die Vollendung von Carmignacs Lebenstraum.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie bitter muss es da sein, dass Carmignac zugleich erleben muss, wie sein eigentliches Lebenswerk in Frage gestellt wird: Anleger zweifeln daran, ob ihr Geld in Fonds aus dem Hause Carmignac noch gut aufgehoben ist. Das zeigt sich exemplarisch am beliebtesten Carmignac-Fonds, dem Carmignac Patrimoine. Kam der Mischfonds, der sowohl in Aktien als auch in Anleihen investieren kann, zu Beginn des Jahres noch auf ein Volumen von 22 Milliarden Euro, so verwaltet er nun nur noch 15 Milliarden Euro. Das ist keineswegs nur den derzeit fallenden Aktienkursen anzulasten, sondern vor allem ein einzigartiges Misstrauensvotum gegenüber dem 71-jährigen Carmignac. Denn für den Carmignac Patrimoine ist er anders als für viele andere Fonds seines Hauses höchstpersönlich als Fondsmanager verantwortlich.

          Der lange Erfolgsverwöhnte erlebt in jüngster Zeit einen Kontrollverlust, wie er selbst für die Finanzbranche, in der Hype und Absturz mitunter nah beieinander liegen, ungewöhnlich ist. Denn Carmignac ist nur deswegen zu einem der populärsten Geldverwalter Europas aufgestiegen, weil er das Geld seiner Anleger heil durch die bislang schwerste Finanzkrise dieses Jahrhunderts brachte: Das Jahr der Lehman-Pleite 2008 schloss Carmignac anders als fast alle seine Konkurrenten mit einem kleinen Plus ab.

          „Wir haben eine Reihe von Fehlern gemacht“

          Dieses Meisterstück machte den Franzosen in der Finanzszene zum Star, auch viele Deutsche vertrauten Carmignac daraufhin ihr Geld an. Seine Glanzleistung hat Carmignac gar zum Markenzeichen seiner Firma gemacht, die am noblen Pariser Place Vendôme residiert: „Carmignac, die Risikomanager“ lautet ihr Werbespruch.

          Doch das Fatale für alle Anleger ist: Ausgerechnet in den derzeit turbulenten Börsenzeiten wird die Fondsgesellschaft ihrem Anspruch, das Geld der Anleger vor Gefahren zu schützen, nicht mehr gerecht. Die Wertentwicklung des Carmignac Patrimoine ist auch im Vergleich zur Konkurrenz in der jüngeren Vergangenheit katastrophal.

          Fast zehn Prozent beträgt das Minus mit Blick auf die vergangenen zwölf Monate, in den jüngsten drei Jahren lag der Verlust im Schnitt bei rund drei Prozent pro Jahr, und selbst in den vergangenen fünf Jahren bleibt nur ein minimales Plus von gerade 0,7 Prozent im Jahresdurchschnitt. Carmignac, der früher berühmt war für die Art und Weise, wie er sein Portfolio im Griff hatte, scheint die Kontrolle darüber verloren zu haben. Und es bestehen Zweifel, ob er jemals wieder zu alter Stärke zurückfinden wird.

          In Paris sind sie mittlerweile geübt darin, schlechte Wertentwicklungen zu erklären. Didier Saint-Georges, Mitglied des Investmentkomitees und Carmignacs engster Vertrauter, gibt offen zu: „Wir haben eine Reihe von Fehlern gemacht, die wir nicht hätten machen dürfen.“ Der erste und folgenreichste Fehler hat mit der amerikanischen Geldpolitik zu tun: Carmignac und seine Leute haben unterschätzt, mit welcher Entschlossenheit Amerikas neuer Notenbankchef Jerome Powell die Leitzinsen erhöht hat.

          Gewalt der Korrektur unterschätzt

          Dies hat den Kurs des Dollars gegenüber dem Euro für einige Zeit stark steigen lassen. Aber anstatt davon zu profitieren, hatten die Franzosen ihre nicht wenigen Anlagen in Amerika gegen einen Rückgang des Dollar-Kurses abgesichert. Ein Schutz, der sich im Nachhinein als teuer und unnötig herausgestellt hat.

          Diesen Fehler hätte man den Franzosen noch am ehesten verzeihen können: Die Wertentwicklung von Währungen auch nur einigermaßen vorherzusagen ist eine Kunst, an der selbst die Besten scheitern. Doch die Fehleinschätzung des Dollars ging mit weiteren falschen Entscheidungen einher. So investierten Carmignac und sein Team gleichzeitig mehr als andere in Anlagen aus den Schwellenländern. Insbesondere Anleihen aus diesen Staaten litten aber, weil viele Investoren ihr Geld angesichts des steigenden Dollar-Kurses aus den Schwellenländern abzogen und es stattdessen wieder in Amerika anlegten. So führte der falsche Blick auf den Dollar auch an dieser Stelle zu Verlusten.

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          Richtig unangenehm wird die Angelegenheit aber erst durch Fehler Nummer drei. Carmignac hatte zuletzt größere Summen in Technologieaktien wie Facebook oder Google investiert, auch chinesische Technologiefirmen wie Tencent fanden ihren Weg ins Portfolio. Gegen die Überlegung an sich lässt sich wenig sagen, gehören diese Unternehmen doch zu den prägenden Konzernen unserer Zeit. Doch als im Herbst sowohl in China als auch in Amerika die Kurse von Internetaktien einbrachen, handelten die Franzosen nicht entschlossen genug.

          „Wir haben die Gewalt der Korrektur unterschätzt“, räumt Didier Saint-Georges ein. Wenn es wahr ist, dass die Meisterschaft eines Fondsmanager sich vor allem in unruhigen Börsenzeiten zeigt, hat Carmignac zuletzt versagt. Die Summe der Fehleinschätzungen hat dazu beigetragen, dass die Franzosen zurzeit 40 Prozent des verwalteten Geldes in Barmitteln anlegen.

          Skepsis ist angebracht

          Geld verdienen lässt sich so zwar keines, aber zumindest riskiert man keine weiteren Verluste. Es ist ein Versuch, den Fonds zu stabilisieren. Die jüngste Schwächephase hat nun auch an der Spitze des Fonds Konsequenzen: Édouard Carmignac, der seit Auflage des Carmignac Patrimoine im Jahr 1989 für die Auswahl der Aktien des Fonds verantwortlich war, gibt dieses Amt auf.

          Stattdessen soll es nun der Amerikaner David Older richten, vormaliger Hedgefondsmanager und seit 2015 in Diensten Carmignacs. Er will seine Investmentideen weniger aus dem Prognostizieren großer makroökonomischer Veränderungen gewinnen, wie dies bei Carmignac bislang üblich war, sondern stattdessen wieder mehr auf die einzelnen Unternehmen im Portfolio schauen. „Wir investieren in eine Aktiengesellschaft nicht allein deswegen, weil sie wächst“, sagt Older, „sondern weil sie vom Markt heute falsch bewertet wird.“ Sein gesundes Selbstbewusstsein belegt der Satz: „Ich werde meinen eigenen Führungsstil einbringen.“

          Das klingt nach einem echten Neuanfang. Aber Skepsis ist angebracht. Denn Firmengründer Carmignac wird nach wie vor für das sogenannte Risikomanagement des Fonds verantwortlich sein – also eben für jenen Teil der Arbeit, der zuletzt nicht funktioniert hat.

          Man wird sehen, wie sehr er dem neuen Mann freie Hand für eigene Ideen lassen wird. Die beiden müssen sich zusammenraufen, damit die Wende gelingt. Die Prognose sei gewagt: Viele Chancen haben sie nicht mehr.

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