https://www.faz.net/-gv6-aaexo

Geldpolitik : Die EZB will nur gut begründete Renditeanstiege tolerieren

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main Bild: Lucas Bäuml

Die Gefahr einer Inflation sieht die EZB nicht. Günstige Finanzierungsbedingungen für Staaten, Unternehmen und Privathaushalte bleiben ihr Ziel.

          4 Min.

          In den vergangenen Jahren haben Notenbanken immer häufiger „günstige Finanzierungskonditionen“ für Staaten, Unternehmen und Privathaushalte als Zwischenziel ihrer Geldpolitik genannt, die zum Erreichen ihrer Inflationsziele und eines soliden Wirtschaftswachstums beitragen sollen. Aber was ist unter „günstigen Finanzierungsbedingungen“ zu verstehen? Nachdem EZB-Präsidentin Christine Lagarde mehrfach selbst unverbrüchlich wohlmeinende Beobachter an den Finanzmärkten mit der vagen Aussage, es handele sich um ein „ganzheitliches und vielseitiges“ Konzept, in Ratlosigkeit hinterlassen hatte, unternahm kürzlich Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel im Rahmen einer digitalen Konferenz einen Versuch, Licht ins Dunkel zu bringen.

          Zwei wesentliche Eigenschaften unterschieden eine auf Sicherung günstiger Finanzierungsbedingungen ausgerichtete Geldpolitik in dieser Zeit von der bisherigen Geldpolitik, sagte Schnabel. „Die erste Eigenschaft ist eine Abkehr von einer Politik, die Zinsen immer weiter zu senken versucht.“ Mit einer bemerkenswerten Offenheit räumt Schnabel ein, dass eine weitere Reduzierung der ohnehin schon historisch niedrigen kurzfristigen Leitzinsen nicht nur kaum noch positive Effekte für Inflation und Wirtschaftswachstum entfalten dürfte, sie benennt auch aus sehr niedrigen Leitzinsen entstehende Risiken wie die aus hohen Vermögenspreisen resultierenden Gefahren für die Stabilität der Finanzmärkte.

          Als zweite Eigenschaft einer auf Sicherung günstiger Finanzierungsbedingungen ausgerichteten Geldpolitik erwähnte Schnabel einen flexiblen Einsatz des Instruments der Anleihekäufe, deren Volumen sich künftig stärker an der Renditeentwicklung der Anleihen orientieren soll. Schnabel machte indessen deutlich, dass die EZB anders als zum Beispiel die Bank von Japan nicht daran denkt, die am Kapitalmarkt beobachtbaren nominalen Renditen der Staatsanleihen präzise zu steuern. Das japanische Konzept ist als „Kontrolle der Renditekurve“ unter Fachleuten bekannt, und nicht wenige Finanzmarktteilnehmer sähen es gerne, wenn sich auch die EZB und die amerikanische Federal Reserve dieser Idee verpflichteten.

          „Es geht nicht darum, ein bestimmtes Zinsniveau geldpolitisch zu zementieren“

          Damit ist jedoch nicht zu rechnen. Denn zum einen interessiert sich die EZB nach den Worten Schnabels weniger für die am Markt beobachtbaren nominalen Renditen, sondern für die um die erwartete Inflation bereinigten realen Renditen von Anleihen. Denn die Investitionsentscheidungen von Unternehmen und die Ausgabeentscheidungen privater Haushalte orientieren sich eher am erwarteten realen als am nominalen Zinsniveau. Im Zuge einer Konjunkturerholung und steigender Inflationserwartungen könnte die EZB nach Schnabels Einschätzung daher auch einen Anstieg der nominalen Anleiherenditen tolerieren.

          Diesen Zusammenhang betonte auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann in einer Rede. „Wenn zum Beispiel die Nominalzinsen steigen, weil sich die Inflationserwartungen der von uns angestrebten Inflationsrate annähern, dann wäre das eine willkommene Entwicklung. Denn es wäre ein Anzeichen, dass unsere geldpolitischen Maßnahmen wirken“, erläuterte Weidmann. Auch andere wirtschaftliche Fundamentaldaten könnten sich verbessern und zu einem Anstieg der realen Renditen beitragen.

          „In isolierter Betrachtung könnte das als eine Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen gesehen werden. Die ganzheitliche Perspektive würde aber klarmachen, dass es sich hier nur um eine Begleiterscheinung handelt, die den besseren Wirtschaftsausblick nicht zunichtemacht“, sagte Weidmann. „Aus meiner Sicht sollten sich die Finanzierungsbedingungen im Einklang mit der wirtschaftlichen Erholung im Euroraum entwickeln können. Es geht also gerade nicht darum, ein bestimmtes Zinsniveau geldpolitisch zu zementieren. Vielmehr soll eine vorschnelle Verschlechterung verhindert werden, um dem Abwärtsdruck der Pandemie auf die mittelfristige Preisentwicklung entgegenzuwirken.“

          Weitere Themen

          Niedrigzinsen ohne Ende?

          Geldpolitik in Europa : Niedrigzinsen ohne Ende?

          Isabel Schnabel von der EZB und der frühere Wirtschaftsweise Lars Feld streiten bei den Grünen über die Geldpolitik, die Gefahr einer Immobilienblase – und Anleihekäufe für den Klimaschutz.

          Topmeldungen

          Wie viel Macht hat der Trainer? : Ein großes Problem für den FC Bayern

          Der Konflikt zwischen Hansi Flick und Hasan Salihamidžić ist nur ein Grund für die Trennung in München. Wichtiger ist die Grundsatzfrage zur Macht des Trainers beim FC Bayern. Sie könnte auch in Zukunft zum Problem werden.

          Trauerfeier für Prinz Philip : Eine Familie nimmt Abschied

          Ein schwerer Gang für Königin Elisabeth II.: Gemeinsam mit ihrer Familie hat sie in einer Trauerfeier Abschied von Prinz Philip genommen. Nur 30 Trauergäste waren erlaubt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.