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Dax nach der Bundestagswahl : Wahlausgang beeindruckt Anleger nicht

  • Aktualisiert am

Ein Händler an der Börse Frankfurt am Tag nach der Bundestagswahl. Bild: dpa

Die Börse reagiert gelassen auf die Ergebnisse der Bundestagswahl. Das Gros der Chefvolkswirte und Fondsmanager ist sich derweil nicht sehr einig, was die Folgen für den Aktienmarkt sein könnten.

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          Die deutschen Finanzmärkte sind nach der Bundestagswahl am Morgen zunächst wenig verändert gestartet und können teilweise am Ende leichte Zugewinne verbuchen. Der mit 100 Werten den Aktienmarkt breit abbildenden F.A.Z.-Index gewinnt am Montag 0,05 Prozent auf 2475 Punkte, der Standardwerteindex Dax, der seit Anfang September 4,45 Prozent hinzugewann, schloss zum Handelsschluss nach leichten Anlaufschwierigkeiten unverändert zum Freitagschlussstand bei 12.594,81 Punkte. Die voraussichtlich zähen schwarz-gelb-grünen Koalitionsverhandlungen kann die Sorglosigkeit von Investoren augenscheinlich kaum erschüttern.

          Auch der Euro zeigt sich mit einem Abschlag von gerade einmal 0,11 Cent gegenüber dem Dollar bei 1,1903 Dollar kaum verändert. Der richtungweisende Terminkontrakt auf die zehnjährige Bundesanleihe, der Bund-Future gewinnt 4 Basispunkte auf bei 161,18 Prozent. Das Ergebnis der Wahl, bei der die Unionsparteien und die SPD herbe Verluste verzeichneten und die AfD zur drittstärksten Kraft aufstieg, sei "nicht so optimal, wie es sich die Anleger erhofft haben", sagt Analyst Milan Cutkovic von AxiTrader. "Grund für Nervosität besteht jedoch nicht", äußerte sich Cutkovic zuversichtlich, dass sich die Kurse rasch wieder erholen würden. "Politische Börsen haben kurze Beine." Ob der Dax angesichts der erwarteten schwierigen Regierungsbildung allerdings die Kraft habe, ein neues Allzeithoch zu erreichen, sei fraglich.

          „Denkzettel für die beiden großen Volksparteien“

          Christian von Engelbrechten, Fondsmanager bei Fidelity Deutschland sieht in der Deutschlandwahl zwar einen Denkzettel für die beiden großen Volksparteien. „Aber sie wird langfristig keine negativen Marktreaktionen auslösen. Kurzfristige Schwankungen sind eher Kaufgelegenheiten. Ich gehe davon aus, dass die stabile und solide, aber eher reformarme Politik mit wenigen Wachstumsimpulsen zugunsten eines ausgeglichenen Staatshaushalts fortgesetzt wird. Die deutschen Unternehmen werden sich damit wie bisher gut arrangieren. Anleger sollten aber Unternehmen meiden, die ein besonders positives Wirtschaftsumfeld brauchen, um sich gut zu entwickeln."

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          Ähnlich sieht das ach Dirk Gojny von der National-Bank: „Solange die deutsche Wirtschaft ihren Schwung behält, hat das Wahlergebnis keine unmittelbaren Folgen. Die Beispiele aus den Niederlanden, Belgien oder Spanien zeigen ja, dass es selbst mit einer kommissarischen Regierung nicht so schlecht gelaufen ist oder läuft."

          David Folkerts-Landau, Chefsvolkswirt der Deutschen Bank sieht derweil Merkels größte Herausforderung im Schmieden der wahrscheinlichen Jamaika-Koalition. „Der Graben zwischen den beiden Juniorpartnern, der FDP und den Grünen, ist vor allem in der Sozial-, Europa- und Umweltpolitik tief. In diesen Politikfeldern haben beide Parteien im Wahlkampf deutlich Position bezogen, und ihre Wähler werden erwarten, dass sie nun liefern.“

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          Ulrich Leuchtmann, Devisenanalyst bei der Commerzbank hat in seiner Kurzanalyse den Euro im Blick. „Mit der FDP wird in der nächsten Regierung voraussichtlich eine Partei vertreten sein, deren politisches Programm vom Markt als Euro-negativ interpretiert wird. Die FDP dürfte sich gegen die Vorschläge von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (in Richtung einer stärkeren fiskalischen Integration des Euro-Raumes) stemmen. Nun beurteilt der Markt aber eine weitergehende fiskalische Union als einen Weg, weiterhin bestehende langfristige systemische Risiken des gemeinsamen Währungsraumes zu mildern."

          „An den Kapitalmärkten hat damit kaum jemand gerechnet“

          Björn Jesch, Leiter des Portfoliomanagements von Union Investment ist der Meinung, dass das Ergebnis der Bundestagswahl eine faustdicke Überraschung für die Börsen sei. „An den Kapitalmärkten hat damit kaum jemand gerechnet. Politiker und Investoren müssen sich nun gleichermaßen neu sortieren.“ „Immerhin: Nach Lage der Dinge wird die alte Bundeskanzlerin auch die neue sein. Das dürfte viele, vor allem ausländische Investoren beruhigen. Die Äußerungen der Entscheidungsträger bei CDU/CSU, FDP und Grünen lassen zudem darauf schließen, dass die etablierten Parteien aus staatsbürgerlicher Verantwortung konstruktiv und mit dem Willen zum Erfolg an einer Regierungsbildung arbeiten werden. Je mehr das Bemühen um eine neue Bundesregierung glaubhaft sichtbar wird, umso kleiner werden die Fragezeichen der Investoren. Das werden die Märkte honorieren“

          Holger Schmiedung, Chefsvolkswirt der Berenberg Bank sieht die wirtschaftlichen Auswirkungen der Wahl bei nahezu null. „Die Schnittmengen einer Jamaika-Koalition sind nicht so weit von dem entfernt, was wir bisher hatten. Insgesamt gibt es größere Chancen auf Steuersenkungen und eine Rentenpolitik, die nicht ganz so teuer ist, wie sie es mit der SPD geworden wäre. In der Europapolitik erwarte ich eine gewisse Lernphase der FDP. Sie muss sich nach ihrer Zeit in der außerparlamentarischen Opposition hier neu finden. Das Ergebnis wird nah an dem liegen, was Merkel ohnehin vorhat. Jamaika wird Herrn Macron in Frankreich nicht scheitern lassen. Sollte die FDP das Finanzministerium übernehmen, würde ein FDP-Finanzminister nicht wesentlich von dem abweichen, was Schäuble in Europa für Positionen vertritt. Ich glaube, dass sich in der Europapolitik nichts Wesentliches ändern wird."

          Uwe Burkert, sein Kollege bei der LBBW, sieht in Hinblick auf die Märkte wenig Aufregung.  „Allerdings könnte mittel- bis langfristig der Trend relativ zum Rest Europas von der neuen Koalition beeinflusst werden. Junckers Rede zur Lage der Union am 13. September und Macrons Ankündigung einer Grundsatzrede zur Europapolitik für den 26. September zeigen, dass sich die Hauptakteure in Stellung bringen. Deutschland dürfte aber mit der erfahrenen Kanzlerin Merkel in dieser Hinsicht gut aufgestellt sein. Die Positionen der Parteien machen zudem deutlich, dass in einer Koalition mit der SPD ein Europäischer Währungsfonds wahrscheinlicher ist als in einer Koalition mit der FDP."

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