https://www.faz.net/-gv6-9fbgj

Rendite-Vergleich : Bringen amerikanische Staatsanleihen wirklich mehr als deutsche?

In den vergangenen Monaten ist ein tiefer Renditegraben im Atlantik entstanden. Bild: Picture-Alliance

Die Differenz zwischen hoch rentierenden Staatsanleihen aus Amerika und Bundesanleihen fällt stattlich aus. Das hat Gründe. Doch auf den zweiten Blick ist alles etwas komplizierter.

          Das Wort Untiefe wird als ein Januswort bezeichnet, weil es gegensätzliche Bedeutungen besitzt. In der Sprache der Seefahrer bezeichnet eine Untiefe eine schwer erkennbare seichte Stelle in ansonsten tiefen Gewässern. Sie stellen eine große Gefahr für Schiffe dar. In der Umgangssprache meint das Wort Untiefe aber eine schwer erkennbare tiefe Stelle in ansonsten seichten Gewässern. Solche Untiefen sind besonders für Schwimmer gefährlich. Auf den Anleihemarkt angewendet, lassen sich beide Bedeutungen für das Verhältnis der Renditen diesseits und jenseits des Atlantiks verwenden.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          So ist in den vergangenen Monaten ein tiefer Renditegraben im Atlantik entstanden, denn die Differenz zwischen zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen, die derzeit 3,22 Prozent bringen, und zehnjährigen Bundesanleihen mit ihrer schmalen Rendite von 0,55 Prozent fällt überaus stattlich aus. Man muss Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückschauen, um eine so große Renditedifferenz zu finden. Und sie wirkt besonders erstaunlich, weil wir heute generell in einer Zeit historisch niedriger Renditen leben.

          Gründe für den Abstand der Renditen lassen sich leicht finden: Die amerikanische Wirtschaft boomt und scheint im laufenden Jahr noch zusätzliche Dynamik zu gewinnen, während in Deutschland die Wirtschaft zwar auch sehr gut läuft, das Wirtschaftswachstum aber etwas nachzulassen beginnt. Auf unterschiedlichen Pfaden befindet sich auch die Geldpolitik. In den Vereinigten Staaten befindet sich die Fed inmitten eines Zyklus von Erhöhungen der kurzfristigen Leitzinsen, während die Europäische Zentralbank (EZB) ihre erste Leitzinserhöhung für den Herbst 2019 avisiert. In den Vereinigten Staaten hat die Fed Ende 2014 ihre Nettokäufe von Anleihen eingestellt und dann längere Zeit fällig werdende Anleihen in ihren Beständen ersetzt. Mittlerweile lässt die Fed ihre Anleihebestände abschmelzen.

          Den vermeintlich großen Renditeunterschied gibt es in Wirklichkeit gar nicht

          In der Eurozone wird die EZB ihre Nettokäufe voraussichtlich Ende 2018 – also vier Jahre nach der Fed – beenden und dann für einen noch nicht absehbaren Zeitraum fällig werdende Papiere ersetzen. Ein Zeitpunkt, ab dem die Anleihebestände der EZB sinken werden, ist heute noch nicht absehbar. Langfristige Anleiherenditen folgen der Geldpolitik nicht sklavisch, aber offensichtlich hat der atlantische Renditegraben auch etwas mit der unterschiedlichen Ausrichtung der Geldpolitik zu tun.

          Und doch erstaunt die große Renditedifferenz. Denn amerikanische Staatsanleihen und deutsche Bundesanleihen sind in mehrerlei Hinsicht ähnliche Produkte. Beide Papiere gelten als sehr sicher, und der Handel mit ihnen ist sehr liquide. Nach einem alten Prinzip der Marktwirtschaft sollten ähnliche Produkte ähnliche Preise haben. Wie kommt es also zu dem vermeintlich großen Renditeunterschied?

          Die scheinbar paradoxe Antwort lautet: Es gibt ihn in Wirklichkeit gar nicht. Denn in einer wichtigen Hinsicht sind amerikanische und deutsche Anleihen nicht vergleichbar: Sie werden in unterschiedlichen Währungen ausgegeben, aber niemand weiß, wie sich der Wechselkurs zwischen Euro und Dollar entwickeln wird. Daher sichern viele Anleger Anleihen in Fremdwährungen gegen Wechselkursrisiken ab.

          Wer die Kosten für die Absicherung gegen Wechselkursrisiken einrechnet, sieht die scheinbar gewaltige Renditedifferenz verschwinden: Deutsche Anleger, die eine langlaufende amerikanische Staatsanleihe gegen Wechselkursrisiken absichern, kommen auf eine Nettorendite, die derzeit sogar leicht unter der Rendite der Bundesanleihe liegt. Und für amerikanische Anleger, die sich beim Kauf einer Bundesanleihe gegen Wechselkursrisiken absichern, bringen deutsche Anleihen mehr als amerikanische.

          Warum sind die Kosten für die Absicherung gegen Wechselkursrisiken derzeit so hoch? Aus dem gleichen Grund, der wesentlich zum großen Unterschied der Nominalrenditen beiträgt: Die Kosten der Währungssicherung werden stark von der Differenz der kurzfristigen Leitzinsen zwischen Amerika und Deutschland bestimmt. Damit wird auch deutlich, warum es viel Nachfrage für Bundesanleihen gibt: Sie sind für ausländische Anleger attraktiver, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Umgekehrt sind amerikanische Anleihen für ausländische Anleger weniger attraktiv, als es auf den ersten Blick scheint. Vorsicht vor den Untiefen im Renditegraben!

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump : Ein heraufziehender Sturm

          Donald Trump gerät erstmals ins Visier einer amerikanischen Bundesanwaltschaft. Der Präsident bereitet sich auf den Wahlkampf 2020 vor und entlässt auch deshalb wieder einen sogenannten Erwachsenen in der Regierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.