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22-Monats-Tief : Dem Dax droht eine längere Durststrecke

Blick in den Handelssaal der Börse in Frankfurt, aufgenommen am Montag Bild: Reuters

Der Dax rutscht kräftig nach unten. Zu den Konflikten um den Welthandel und Italiens Haushalt kommt nun auch noch der Mordfall Khashoggi, der auf die Stimmung der Börsianer drückt.

          Die positive Stimmung an den Aktienmärkten, die den Dax am Montag über weiter Strecken des Tages gestützt hatte, blieb Episode. Nachdem die Aktienkurse schon am Vorabend nach Öffnung der amerikanischen Börsen ins Minus drehten, geht es heute mit rund 2,5 Prozent Minus kräftiger nach unten. Den Dax und auch den mit 100 Werten marktbreiten F.A.Z.-Index hat dies auf ein 22-Monats-Tief gedrückt.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zum einen sind es die schwelenden Konflikte rund um den Welthandel und den Brexit, die auf den Märkten schon länger lasten. In den vergangenen Monaten sind weitere Faktoren dazu gekommen. Der Konflikt zwischen der EU und der neuen italienischen Regierung um deren Haushalt, der manche schon wieder an eine Eurokrise denken lässt, ist etwa dazu gekommen.

          Kurzfristig drückt auch der Mordfall Khashoggi auf die Stimmung. Die Tötung des Journalisten durch Saudi-Arabien hat einen Keil zwischen das führende Ölexportland und die Vereinigten Staaten getrieben. Das hat zumindest das Potential, einen weiteren Anstieg des Ölpreises befürchten zu lassen.

          Schwächezeichen in der Berichtssaison

          Aber auch engere ökonomische Faktoren sind für das Umfeld von Aktien ungünstig. Die Zinserhöhungen in den Vereinigten Staaten scheinen sich mittlerweile doch deutlicher auf den Markt für Hochzinsanleihen auszuwirken. Die hohe Bewertung der Anleihen führt dazu, dass auch vergleichsweise weniger belangvolle Nachrichten deutliche Verkäufe nach sich ziehen können. Da aber der Hochzinsmarkt stets näher am Aktien-, denn am Anleihenmarkt ist, könnte dies als Vorbote gewertet werden.

          Auch die jüngsten Unternehmenszahlen geben kein eindeutig positives Bild mehr ab. Auch wenn noch nicht alle Zahlen vorliegen, dominiert derzeit der Eindruck, dass es einige negative Überraschungen mehr gibt als in früheren Quartalen. Jüngst haben erst Fresenius und Daimler ihre Gewinnprognosen revidiert, aber auch etliche mittelgroße Unternehmen wie Ceconomy oder Drägerwerk.

          FMC

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          Vor allem aber sind die Folgen für die Aktienkurse derzeit massiver als in früheren Zeiten. Dies zeigt eine gewisse Nervosität und Risikoscheu. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Amerika. Allerdings gab es dort auch starke Zahlen, etwa der Investmentbanken, aber auch aus der Technologiebranche, die nach den hohen Kursgewinnen der Vergangenheit besonders intensiv beäugt wird. Am Freitag werden Alphabet, Microsoft und Intel berichten.

          Die technischen Analysten der BayernLB sehen die weitere Entwicklung des Dax‘ eher negativ. Schon am 10. Oktober habe dieser mit dem Rutsch unter die Zone zwischen 11819 und 11869 Punkten ein klares Verkaufssignal gegeben. Seit dem Frühjahr habe der Dax die rechte Schulter eines Kopf-Schulter-Kursgipfels ausgeformt hat. Nach dem Anstieg auf das damalige Allzeithoch von 12.889 Punkten im Juni 2017 korrigierte der Index zunächst bis auf 11.946 Punkte im August. Das war die linke Schulter.

          Danach stieg er wieder bis auf das immer noch gültige Allzeithoch von 13.559,6 Punkten im Januar diesen Jahres, fiel danach aber wieder auf 11.788 Punkte im März (Kopf). Mit dem Anstieg auf 13.197 Punkte im Mai und der nachfolgenden Korrektur war die Formation perfekt. Eine solche gilt als klassische Trendwendeformation. Diese wurde mit  dem erwähnten Rutsch unter die sogenannte Nackenlinie vollendet.

          DAX ®

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          Fundamental lässt sich das etwa so erklären, dass nach dem Anstieg auf die linke Schulter zwar Korrekturpotential aufgrund einer nicht angemessenen Bewertung erkannt wurde, sich das aber nicht nachhaltig durchsetzen konnte. Nachdem der Index dann aber zweimal neue Hochs nicht halten kann, beginnt sich die Marktmeinung zu drehen.

          Die jüngste Zwischenerholung zurück zur Nackenlinie sei wohl nur eine klassische Gegenreaktion gewesen, meinen die Analysten der BayernLB. Sie halten das Abwärtspotential für beträchtlich: Ihr rechnerisches Mindestkursziel liegt im Bereich von 10.200 bis 10.300 Punkten, im Bereich einer Unterstützungszone aus dem Spätjahr 2016.

          André Rain, technischer Analyst von Godmode-Trader sieht kurzfristig bei 11.370 Punkten einen entscheidenden Widerstand für Intarday-Erholungen. Erst eine Rückkehr über 11.400 und anschließend 11.465 Punkte würde größere Erholungschancen liefern. Solange dies nicht geschehe, bleibe der Dax für Verluste in Richtung 11.200 und 11.000 Punkte anfällig.

          Historisch gesehen, könnte ein längere Durststrecke bevorstehen. Derzeit hat der Dax mit zwei aufeinanderfolgenden Tiefs einen sauberen Abwärtstrend. 1990 etwa fiel der Dax in drei aufeinander folgenden Tiefs von 1966 bis auf 1335 Punkte (also um ein Drittel). Erst 1993 konnte er das Niveau wieder übertreffen. Als er zwischen März 2000 und 2003 um mehr als 70 Prozent gefallen war, erreichte er das Niveau erst 2007 wieder.

          Allerdings muss man beachten, dass der Dax von seinem Hoch aus erst ein Sechstel verloren hat. Bei 10.200 Punkten wären es 25 Prozent und damit die Korrektur eher eben eine Korrektur und nicht wirklich ein Börsenkrach.Zumal der Dax sich am Dienstag wie schon in den Vortagen vom ersten Schrecken wieder erholt und zuletzt nur noch 1,9 Prozent im Minus lag. Frei nach dem Motto der Bernecker-Börsenbriefe: Wer mehr als 30 oder 35 Prozent korrigiert hat, ist auf dem aktuellen Niveau ein Investment. Das gelte für gut zwei Drittel der Werte im S-Dax und M-Dax. Auch wenn Bernecker die Dax-Indizes für eine „Mogelpackung“ hält, machen am Ende ja die Einzelwerte den Index aus.

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