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Von London nach Frankfurt : Deutsche Börse will Banken zu Partnern machen

Die Deutsche Börse gibt sich kampfeslustig und will nicht auf die Entscheidungen anlässlich des Brexits warten. Bild: dpa

Ein wichtiger Teil des Finanzgeschäftes soll auf diese Weise von London nach Frankfurt geholt werden: das sogenannte OTC Clearing – die Verrechnung von außerbörslichen Zinsgeschäften.

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          Die Deutsche Börse geht im Ringen um die Verrechnung außerbörslicher Zinsswap-Geschäfte in die Offensive. Nach Informationen dieser Zeitung plant der Frankfurter Börsenbetreiber ein Partnerschaftsmodell mit seinen Kunden. So sollen diese animiert werden, die bisher fast ausschließlich in London getätigte Verrechnung von außerbörslichen Zinsgeschäften (im Fachjargon: OTC Clearing) nach Frankfurt zu verlagern. Die Diskussion, ob der Regulator nach dem Brexit ohnehin ein Euro-Zins-Clearing in der EU fordern könnte, gibt es seit dem Brexit-Votum der Briten. Der Ausgang ist jedoch offen.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die Deutsche Börse hat sich nun entschlossen, nicht auf Entscheidungen der Regulatoren zu warten, sondern den Banken aktiv Anreize zu setzen, um diesen nach dem Währungshandel volumenstärksten Markt nach Frankfurt zu verlagern. Fortan soll der wirtschaftliche Erfolg der Deutschen Börse in der Verrechnung von Zinsswaps mit den Marktteilnehmern geteilt werden. Die zehn aktivsten Teilnehmer an diesem Partnerschaftsprogramm sollen dauerhaften Anspruch auf einen signifikanten Anteil des wirtschaftlichen Erfolgs der Börse in diesem Marktsegment bekommen.

          Modell wurde wurde zusammen mit großen Kunden entwickelt

          Sie sollen überdies auch direkten Einfluss auf die Geschäftspolitik der entsprechenden Teilgesellschaft der Deutschen Börse, der Eurex Clearing AG, erhalten. Den Planungen nach sollen die aktivsten Marktteilnehmer in die Gremienstruktur von Eurex Clearing direkt eingebunden werden. Das Partnerschaftsprogramm hat die Deutsche Börse nach Informationen dieser Zeitung nicht im stillen Kämmerlein erdacht, sondern mit großen und relevanten Marktteilnehmern zusammen entwickelt.

          Demnach sind die größten Kunden der Börse an der Entstehung des Modells beteiligt gewesen. Dies sind auch Banken aus London und von der Wall Street. Bisher findet die Verrechnung außerbörslicher Zinsgeschäfte in Europa fast ausschließlich im London Clearing House (LCH) statt. Zwar registriert die Deutsche Börse seit der Brexit-Entscheidung ein regeres Interesse von Banken und Kapitalanlagegesellschaften an einem Clearing in Frankfurt. Die Umsätze steigen auch, erreichen aber immer noch nur einen kleinen Bruchteil des Londoner Geschäftes.

          Direkte Verbindung zu einer Zentralbank ist notwendig

          Wie so oft im Börsengeschäft ist es lukrativ, sich auf den Marktplatz zu begeben, auf dem die meisten Teilnehmer sind, weil dort dann eine hohe Liquidität herrscht und entsprechend gute Preise erzielt werden können. Das Geschäft mit Zinsswaps hat ein Nominalvolumen von 2,5 bis 3 Billionen Euro am Tag.

          Unternehmen und Staaten sichern sich in diesem Markt gegen Zinsänderungsrisiken ab. Um den Markt krisensicherer zu machen, muss ein Clearinghaus, wie es LCH oder Eurex Clearing sind, zwischen die beiden Vertragspartner geschaltet werden. Fällt einer der beiden Vertragspartner aus, tritt das Clearinghaus an seine Stelle und erfüllt die entsprechenden Verpflichtungen. Die Marktteilnehmer müssen dafür bei dem Clearinghaus Sicherheiten hinterlegen. Eurex Clearing, der Marktführer im Geschäft mit Terminkontrakten auf den Euro Stoxx und den Bund Future, hält derzeit Sicherheiten in Höhe von etwa 50 Milliarden Euro, etwa zur Hälfte in Geld und zur Hälfte in Wertpapieren. Damit diese im Notfall, also insbesondere bei der Insolvenz einer großen Bank, auch sicher zu Geld gemacht werden können, ist der direkte Zugang zur Liquidität einer Zentralbank wichtig. Diese sichert dann – mit entsprechenden Risikoabschlägen – die Abnahme der Wertpapiere im Krisenfall zu und gibt dem Clearinghaus entsprechend Geld dafür. Eurex Clearing hat als Inhaber einer Vollbanklizenz direkten Zugang zur Liquidität der Europäischen Zentralbank (EZB). Inwiefern das London Clearing House nach einem Brexit einen solchen Zugang hat, ist einer der Diskussionspunkte bei der Regulierung des auch für große europäische Staaten und Unternehmen wichtigen Zinsgeschäftes.

          Frankfurt wird für Banken attraktiver

          LCH gehört mehrheitlich der London Stock Exchange (LSE). Die Fusion der Deutschen Börse mit der LSE hatte als einen Beweggrund auch die Zusammenführung der beiden großen Clearinghäuser. Beteiligt sind an LCH aber auch 13 Banken. Die Deutsche Börse hat sich gegen eine direkte Kapitalbeteiligung entschieden. Sie präferiert ein offenes Modell, in dem alle Marktteilnehmer die Chance haben, durch rege Zinsgeschäfte in Frankfurt sowohl Mitsprache im Unternehmen wie auch die Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg zu erlangen. Aber auch wer es nicht schafft, zu den zehn aktivsten Teilnehmern zu gehören, würde von einer höheren Liquidität in Frankfurt profitieren.

          Offiziell startet das Programm, das neben Euro-Zinsgeschäften auch neun weitere Währungen umfasst, im ersten Quartal des nächsten Jahres. Es werden aber Anreize gesetzt, schon früher Geschäft nach Frankfurt zu verlagern. Die entsprechenden Systeme hält die Deutsche Börse längst vor. Mehr als 200 Banken, Versicherer und Kapitalanlagegesellschaften sind dort angeschlossen, darunter alle großen internationalen Banken. Das Angebot wird aber bisher im außerbörslichen Zinsgeschäft noch wenig genutzt. Dass schlagartig alle Banken nun dieses Geschäft nach Frankfurt verlagern, ist nicht zu erwarten. Es wird jedoch attraktiver, und zwar mit jeder Bank, die dort Geschäfte macht. Und falls die Regulatoren tatsächlich dereinst ein Clearing von Euro-Zinsswaps innerhalb der EU vorschreiben würden, hätte Frankfurt mit einem liquiden, erprobten Marktplatz am Finanzplatz einen Vorteil gegenüber anderen Standorten in der Europäischen Union wie zum Beispiel Paris.

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