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Eine neue Ära : Deutsche Börse stockt Dax auf 40 Mitglieder auf

  • Aktualisiert am

Der Dax wird neu. Bild: Reuters

Mehr als 30 Jahre lang bestand das Oberhaus der deutschen Börsenindizes aus 30 Unternehmen. Im kommenden September wird sich das nun definitiv ändern.

          3 Min.

          Die Deutsche Börse stockt die Zahl der Aktien im deutschen Standardwerteindex Dax von 30 auf 40 auf. Damit werde der Dax die größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland noch umfassender abbilden. Im Endeffekt ergibt sich eine Verschiebung nach oben, weil gleichzeitig die Zahl der Aktien im Index der mittelgroßen Werte, dem MDax, von 60 auf 50 sinkt.

          Schon früher, nämlich schon im Dezember,  tritt die Regel in Kraft, dass nur noch Unternehmen in den Dax aufgenommen werden können, die in den vergangenen zwei Finanzberichten zuvor einer operativen Gewinn (vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda)) erzielt haben.

          Ab März 2021 werden die Ausschlussregeln insoweit verschärft, als ein Verstoß gegen die Berichtspflicht nach einer 30-tägigen Warnfrist unmittelbar zum Indexausschluss führt. Anforderung ist die Vorlage testierter Geschäftsberichte und vierteljährlicher Quartalsmitteilungen. Dafür verzichtet die Börse auch darauf, dass Dax-Unternehmen im höchsten Segment, dem Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse, notiert sein müssen. Die Notierung im Regulierten Markt ist künftig ausreichend. Diese neue Regel werde eingeführt, um im Falle einer Regelverletzung unabhängig und schneller reagieren zu können.

          Marktkapitalisierung als einziges Kriterium

          Ab dem kommenden Jahr wird die Zusammensetzung des Index zudem halbjährlich im März und September überprüft, bislang erfolgte diese nur im September.

          Für die Index-Aufnahme wird ab September 2021 für alle Indizes der Dax-Familie die Marktkapitalisierung das einzige Kriterium sein. Der Börsenumsatz wird nicht mehr berücksichtigt; stattdessen wird  eine Mindestliquidität zur Voraussetzung.

          Zuletzt müssen ab März alle Neuzugänge zur DAX-Familie den Empfehlungen des Deutschen Corporate Governance Kodex hinsichtlich eines Prüfungsausschusses im Aufsichtsrat entsprechen. Für bestehende Mitglieder gilt eine Übergangsfrist bis September 2022.

          Nach dem Skandal um den mittlerweile insolventen Finanzdienstleister Wirecard und der anschließenden Aufnahme des bislang noch nicht gewinnbringend arbeitenden Essenslieferanten Delivery Hero war viel Kritik am Regelwerk des Marktbetreibers aufgekommen. Ende Juni hatte die Deutsche Börse daher eine Überarbeitung für die Dax-Familie angekündigt und Vorschläge gemacht. In den vergangenen Wochen konnten Marktteilnehmer wie Banken, Fondsgesellschaften oder Verbände dazu Stellung nehmen.

          Dabei konnte sich der ursprüngliche Vorschlag nicht durchsetzen, Unternehmen mit Beteiligung an kontroversen Waffen auszuschließen. „Wir haben ein sehr heterogenes Meinungsbild zu den Themen Nachhaltigkeit und ESG außerhalb der Vorschläge, die wir zur Governance gemacht haben, bekommen. Es wird von vielen Seiten die grundsätzliche Frage aufgeworfen, ob diese Kriterien bei der Auswahl der Dax-Mitglieder eine Rolle spielen sollten. Deshalb werden wir den Austausch mit den Marktteilnehmern fortführen“, sagt Stephan Flägel,globaler Leiter Benchmarks & Indices bei der Deutsche-Börse-Tochtergesellschaft Qontigo. „Nachhaltiges Investieren ist und bleibt einer der wichtigsten Trends an den Finanzmärkten und wird das Investitionsverhalten in den kommenden Jahren grundlegend verändern. Das Thema ESG hat für Qontigo sehr hohe Priorität.“

          „Halbherzige Reform“

           „Die Börse geht mit den angestrebten Änderungen einen Schritt in die richtige Richtung“, sagt Silke Schlünsen, Leiterin des Corporate Broking bei der amerikanischen Investmentbank Stifel. Allerdings wäre ein größerer Schritt wünschenswert gewesen, um mehr Kontinuität in der Zusammensetzung des Index zu bekommen. „Dieses Ziel wird mit den bevorstehenden Änderungen kaum erreicht werden. Häufige Wechsel zwischen den Indizes sind weiterhin vorprogrammiert.“ Auch werde der Dax kaum attraktiver für Investoren. Was fehle, sei ein einziger, großer Leitindex nach dem Vorbild des S&P 500. Dieser wäre für heimische Anleger ebenso wie für Investoren aus aller Welt eine attraktive Möglichkeit, um breit in die deutsche Wirtschaft zu investieren. Vor allem viele globale Investoren wollten einen diversifizierten Index, der auch kleinen und mittelgroßen Unternehmen beinhalte.

          Marc Decker, Leiter der Vermögensverwaltung bei der Privatbank Merck Finck nennt die Reform trotz richtiger Richtung halbherzig. Es gebe größere Schwächen als die mangelhafte Abbildung der Leistungsstärke der deutschen Wirtschaft, etwa die unterentwickelte Aktienkultur und die relativ geringe Marktkapitalisierung deutscher Konzerne. Die Vergrößerung sei richtig, doch machten zehn zusätzliche Unternehmen keinen substanziellen Unterschied. Zugleich ergäben sich für M-Dax und S-Dax negative Kaskadeneffekte. „Es hätte eine grundlegende Reform der Indexwelt gebraucht.“

          „Ein noch größerer Index bringt wenig, solange es uns an geeigneten Aktien fehlt. Wir brauchen in Deutschland endlich eine echte Wertpapierkultur, die die Börsennotierung für Unternehmen attraktiv und erstrebenswert macht“, sagt Florian Toncar, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion im Bundestag. Man brauche wirksamen Schutz vor Betrug und Manipulation, bessere Bedingungen für Mitarbeiteraktien und ein Ende der unseligen Diskussion um eine neue Aktiensteuer. Gerade für Startups und größere Mittelständler müssten die Eintrittshürden gesenkt werden.

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