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Deutsche-Bank-Vorstand : Lehman wird sich nicht wiederholen

  • Aktualisiert am

Sylvie Matherat ist im Vorstand der Deutschen Bank für Regulierungsfragen zuständig. Bild: Wolfgang Eilmes

Ist die Finanzbranche nach der Krise 2007/2008 wirklich sicherer geworden? Ja, meint Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied Sylvie Matherat. Die Regulierungsexpertin hat aber noch Verbesserungsvorschläge.

          Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite ist die Finanzwelt nach Einschätzung von Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied Sylvie Matherat deutlich stabiler. Sie glaube nicht, dass sich ein solcher Fall noch einmal wiederholen werde, sagt Matherat. „Wir haben seitdem viel dafür getan, solche Ansteckungseffekte zu stoppen und das Finanzsystem insgesamt zu stärken.“

          Die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers hatte Mitte September 2008 die Finanzwelt schockiert. Banken trauten sich nicht mehr über den Weg, etliche Institute kamen ins Straucheln. In höchster Not stabilisierten Staaten mit Hilfen in Milliardenhöhe sowie Zentralbanken mit einer Flut billigen Geldes die Lage.

          Lob für Amerikas Lösungen

          Matherat, die viele Jahre als Aufseherin tätig war sieht die Ursache der Krise in einem zu kurzfristigen Denken der Banken in manchen Bereichen.  Bilanzierungsregeln, die es erlaubten, kurzfristig zu schnellen Gewinnen zu kommen, hätten keine guten Anreize gegeben. „Wir sollten diskutieren, ob die Konzentration auf Quartalsergebnisse möglicherweise zu kurzfristigem Denken verleitet. Wir sollten langfristiger denken und von der kurzfristigen Sicht wegkommen.“

          Während Europas Banken manche Altlast der Finanzkrise noch immer nicht bereinigt haben, verdient die amerikanische Konkurrenz wieder prächtig. „Es war eine gute Entscheidung der Regierung, die Banken zu verpflichten, Staatshilfe anzunehmen“, konstatierte Matherat. „Sie hat das Richtige getan, als sie sagte: Wir wollen keine Zeit damit verlieren zu überprüfen, ob eine Bank staatliche Hilfen braucht.“

          Die Deutsche Bank selbst habe die meisten der großen Rechtsstreitigkeiten aus den Zeiten vor der Finanzkrise 2007/2008 inzwischen abgearbeitet: „Wir haben die größten Rechtsstreitigkeiten aus der Vergangenheit hinter uns gelassen. Nun sind wir dabei, unsere internen Kontrollen zu verbessern. Dabei haben wir schon recht viel erreicht.“

          Die Finanzbranche hält Matherat nicht für überreguliert, die im Deutsche-Bank-Vorstand seit November 2015 für Regulierungsthemen zuständig ist. „Allerdings sollte die Gesamtsituation bewertet werden. Es sind nicht unbedingt zu viele Vorschriften, aber es sollte hinterfragt werden, ob wirklich alle Regeln sinnvoll sind, und vor allem, wie diese im Zusammenspiel funktionieren“, forderte die Französin.

          Dass es etwa in den Vereinigten Staaten immer wieder Bestrebungen gebe, schärfere Regeln für Banken wieder aufzuweichen, bereitet Matherat keine allzu großen Sorgen. „Ich glaube nicht, dass es eine Deregulierungswelle in der Finanzbranche geben wird. Es war schwer genug, die heutigen Vorschriften einzuführen. Neben der Tatsache, dass die eingeführten Regeln zusätzliche Sicherheit mit sich gebracht haben, möchte jeder, der das erlebt hat, nicht die gleichen schmerzhaften Prozesse durchlaufen, um alles wieder rückgängig zu machen“, sagte Matherat. „Ich gehe davon aus, dass der Gesetzgeber noch einige Steine aus dem Weg räumen wird, die es derzeit beim Umsetzen der Regeln gibt, aber ich rechne nicht mit einer generellen Deregulierung.“

          Der ehemalige Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, schätzt dagegen die Lage an den Finanzmärkten heute genauso gefährlich ein wie zu Beginn der Finanzkrise vor zehn Jahren. Die Verschuldung der Schwellenländer mache das Finanzsystem heute so verwundbar wie 2008 - wenn nicht noch mehr. "Es ist mittlerweile herrschende Meinung, dass die massive Überschuldung in den Industriestaaten ein wesentlicher Faktor für das Ausbrechen der Finanzkrise 2007 und 2008 war", sagte der heute 75-Jährige, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2003 bis 2011. "Das Wachstum der Verschuldung - vor allem der Privathaushalte - hat sich in den Industrieländern zwar verlangsamt." Doch das werde wettgemacht durch die Verschuldung der Schwellenländer.

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