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Deutsche Bank : Getreide wird nächstes Jahr teurer

Abgeerntetes Weizenfeld Bild: dpa

Die Ernteprognosen für Getreide scheinen täglich schlechter auszufallen. Die Preise an den Terminbörsen steigen. Die Deutsche Bank hält die Prognosen zwar noch für zu optimistisch, doch sieht sie in den höhere Terminpreisen eher ein „massives Herdenverhalten“.

          In der EU, der Ukraine und Russland – den größten Produzenten und Exporteuren von Weizen auf der Welt – nimmt die Dürre kein Ende. In Deutschland zeichnet sich die niedrigste Ernte dieses Jahrhunderts ab, der Deutsche Bauernverband erwartet eine Ernte von 36 Millionen Tonnen Getreide – etwa ein Drittel weniger Roggen, Weizen und Raps als in der Periode von 2013 bis 2017. Die Deutsche Bank äußert in einer aktuellen Analyse der globalen Getreidepreisentwicklung die Annahme, dass eine Trendwende in Aussicht stehe: „Die derzeitig niedrigen Ernten könnten leicht zu massivem Herdenverhalten und beschleunigten Preisbewegungen führen “, heißt es in der am Montagabend veröffentlichten Studie.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Derzeit gibt es paradoxe Signale vom globalen Getreidemarkt. Einerseits häufen sich die Meldungen von nach unten revidierten Ernteprognosen – zuletzt auch aus Australien. Andererseits merken davon Verbraucher, aber auch Bauern, die physisches Getreide jetzt verkaufen wollen, nichts. Die Spotpreise an den Börsen wie Chicago und Paris steigen kaum. Der Lebensmittelpreisindex des Hamburger Instituts HWWI fiel im Jahresvergleich gar um 8,4 Prozent, der Preisindex für Getreide der Welt-Agrarbehörde FAO ging ebenfalls im Juli zurück. Das Statistische Bundesamt meldete im Juni einen Rückgang der Importpreise für Lebens- und Futtermittel um 1,1 Prozent. Und die Konsumentenpreise für Lebensmittel fielen laut vorläufigen Zahlen für den Juli um 3 Prozent – was sich etwa in der Absenkung des Butterpreises durch den Discounter Aldi auf 1,75 Euro zeigte.

          Steigende Terminpreise

          Aber das ist nur ein Teil des Bildes. Schon frühere Dürren hätten nicht dazu geführt, dass die Lebensmittelpreise gleichzeitig mit den Missernten gestiegen seien, geht aus dem Papier der Analysten hervor. Noch sehr gut gefüllte globale Getreidelager verzerren die Preise und bilden womöglich kommende Knappheiten nicht korrekt ab. 237 Millionen Tonnen oder ein Drittel der Weltproduktion von Weizen lagert Schätzungen zufolge derzeit in den Silos und Lagerhallen.

          Denn die Preise, die zukünftige Lieferkontrakte von Getreide abbilden, zeigen deutliche Ausschläge. Verkauft ein Bauer oder kauft ein Händler jetzt Weizen, der im Dezember geliefert werden muss, zahlt er schon rund ein Fünftel mehr als im Frühjahr. Der Preis des Weizenfutures an der weltgrößten Getreidebörse in Chicago zum Liefertermin Dezember stieg seit Juni um 20 Prozent, wie die Deutsche Bank in ihrer Analyse herausstellt.

          Ähnlich sei die Entwicklung der Futures auf Weizenkontrakte an der wichtigsten europäischen Getreidebörse, der Matif in Paris, gewesen. Gab es hier im Frühjahr eine Tonne Weizen zum Dezember noch für weniger als 170 Euro, so schlägt diese nunmehr schon mit rund 210 Euro zu Buche. Ein weiteres Beispiel für deutliche Teuerungen: Der Preis für EU-Industriekartoffeln, aus denen Stärke hergestellt wird, zum Liefertermin November verdoppelte sich seit Anfang Juli.

          Die Deutsche Bank zweifelt an den derzeit öffentlichen Prognosen von Ernterückgängen und Preisfolgen. Laut den Vereinten Nationen (FAO) etwa wird die globale Getreideernte um 2,7 Prozent fallen. Die Deutsche Bank aber erwartet: „Die globale Getreideerzeugung wird gut und gern um 3,5 Prozent oder mehr zurückgehen können.“ Auch die Prognosen der EU, die für das laufende Jahr eine fallende Getreideproduktion in der Europäischen Union um 2,4 Prozent vorhersagen, hält die Deutsche Bank für nicht haltbar. Die Auswirkungen auf Preise im kommenden Jahr sei überhaupt schwer voraussehbar. So verzichtet die maßgebliche Behörde FAO auf Lebensmittel-Preisprognosen.

          Eine derzeit viel diskutierte Frage lautet, ob die Dürren dieses Erntejahres die Lebensmittelpreise wieder auf ein neues Plateau heben könnten. Höchststände gab es zuletzt in den Jahren 2008, 2010 und 2011. In den Jahren nach der Finanzkrise von 2008 waren zahlreiche Geldanleger, Banken und Investmentfonds auf die vermeintlich sicheren Anlagen in Boden, Getreide oder Wald eingestiegen. Damals folgte eine politische und mediale Debatte über den Einfluss der Investoren auf die realen Lebensmittelpreise; aufgrund des öffentlichen Drucks, diese „unethischen“ Spekulationen zu unterlassen, stiegen Finanzhäuser wie die Commerzbank aus entsprechenden Fonds aus.

          Die Deutsche Bank hält es nun für nicht unwahrscheinlich, dass 2019 wieder deutlich höhere Getreidepreise erreicht werden. Die Analysten erwarten eine mittelfristige Umkehr des Verfalls der Preise. Selbst ein Anstieg der Lebensmittelpreise von 6 Prozent – wie im Jahr 2008 – würde sich in Deutschland aber nur in einer um 0,4 Prozent erhöhten Inflationsrate niederschlagen, berechnen die Autoren.

          Auswirkungen der Trockenheiten im globalen Norden auf die wenig kaufkräftigen Menschen in afrikanischen, südasiatischen oder südamerikanischen Staaten diskutieren die Autoren der Studie nicht. Die überragende Bedeutung der Getreideproduzenten Europa und Russland für die Weltversorgung steht allerdings außer Zweifel. Die EU vereint etwa 20 Prozent der weltweiten Weizenproduktion auf sich und ist zweitgrößter Exporteur nach Russland. In der Schwarzmeerregion herrscht in diesen Wochen eine ebenso große Dürre wie in Nord- und Mitteleuropa. Eine Ausnahme bilden die Vereinigten Staaten, wo nur der Süden und Südwesten von Dürren heimgesucht wurde.

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