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Deutsche Bank : Eine Aktie im Jammertal

Sewing tut, was ein Chef tun muss

Der Brite John Cryan, der zunächst noch mit Jürgen Fitschen an seiner Seite im Sommer 2015 auf den Inder folgte, musste weitaus unruhigere Börsenzeiten durchstehen. Im Oktober 2016 drohten Amerikas Aufsichtsbehörden damit, die Bank abermals für das Geschäftsgebaren ihrer Investmentbanker abzustrafen – nämlich für windige Hypothekengeschäfte, die angeblich mit zur Finanzkrise 2008 beigetragen haben. Eine Forderung von 14 Milliarden Dollar stand zeitweilig im Raum. Dies war eine Nahtoderfahrung für die Bank, die den Aktienkurs auf das bis heute unerreichte Rekordtief von 8,83 Euro fallen ließ – damals war das aber nur eine Momentaufnahme im Handelsverlauf, bis zur Schlussnotierung hatte sich der Kurs wieder berappelt. In jener Zeit bewiesen Cryan und der heutige stellvertretende Vorstandsvorsitzende Karl von Rohr starke Nerven. Am Ende handelten sie mit Amerikas Behörden einen Vergleich von rund 7,2 Milliarden Dollar aus. Cryan, der eher unglückliche Sanierer, musste dennoch im April 2018 das Feld für seinen Nachfolger Christian Sewing räumen. Cryans Bilanz, gemessen am Aktienkurs, ist bitter: ein Minus von 53 Prozent. Selbst seine zeitweilige Vorstandskollegin Kim Hammond lästerte: Die Deutsche Bank sei die „unfähigste Firma“, in der sie je gearbeitet habe.

Wohin sich die Bank nun entwickelt, ob sie das Vertrauen vieler Anleger zurückgewinnt oder ob ihre Aktie ein Fall für Schnäppchenjäger bleibt, ist nicht ausgemacht. Die Lage der Bank ist inzwischen so verzwickt, dass selbst äußerst wohlmeinende Marktbeobachter arg ins Zweifeln geraten sind. Einen Untergang der Bank beschwört zwar niemand herauf, schließlich verfügt sie über deutlich mehr Kapital und flüssige Reserven als im heißen Herbst 2016. Doch selbst Bankexperten sind noch nicht recht schlau daraus geworden, wie die Bank nach drei Verlustjahren in Folge wieder Geld verdienen will. Christian Koch von der DZ Bank sieht die Deutsche Bank in einer „Abwärtsspirale“ und hat den „fairen Wert“ der Aktie am Freitag um rund 40 Prozent auf 9,50 Euro gesenkt.

Andere Marktbeobachter sehen das Geldinstitut im Hintertreffen, selbst wenn sie dem neuesten Strategieschwenk der Deutsch-Banker einiges abgewinnen können. Dass die Bank vom Investmentbanking Abstand nimmt und sich wieder auf ihre Kernaktivitäten konzentriert, findet Michael Seufert von der Landesbank Nord/LB zwar gut und schön. „Allerdings hinkt die Deutsche Bank ihren Wettbewerbern mit dem Umbau des Geschäftsmodells um drei bis fünf Jahre hinterher“, sagt er. Dort, wo Rendite zu holen ist, hat die Konkurrenz längst einen Vorsprung. Bildlich gesprochen, geht es zu wie im Märchen von Hase und Igel: Wo die Deutsch-Banker auf der Renditejagd hin rennen, stehen die anderen Banken schon längst.

Sewing tut, was ein Chef tun muss: Er spricht seiner Belegschaft Mut zu. „Wir werden beweisen, dass wir eine andere Bewertung an den Finanzmärkten verdient haben“, schreibt der Bankchef in seiner Wochenend-Botschaft. Mal vorausgesetzt, Sewing meint eine „bessere“ Bewertung: Wie soll es gelingen?

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