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Unterbewertetes Geldhaus : Wie schlecht ist die Deutsche Bank?

Hoffentlich hat hier bald mal jemand eine gute Idee: Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main. Bild: dpa

Die gröbsten Skandale sind überstanden, trotzdem ist die Aktie der Deutschen Bank ein Trauerspiel. Höchste Zeit, dass sich was dreht. Allerdings gibt es noch einige Hindernisse zu überwinden.

          5 Min.

          Wer ist der größte Kapitalvernichter der jüngeren deutschen Geschichte? Die Deutsche Bank, einstmals die stolze Kommandozentrale der deutschen Wirtschaft, ist ein ernsthafter Anwärter auf diesen Titel. Wer ihr vor zehn Jahren als Aktionär sein Geld gegeben hat, besitzt heute nur noch ein Fünftel davon, der Rest ist verloren.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein ordinäres Sparbuch wäre dagegen eine Superidee gewesen, das Investment in eine solide Firma ein wahrer Traum: Der Dax hat im selben Zeitraum 85 Prozent gewonnen. Selbst die Energiekonzerne, die nach Fukushima und Energiewende viel Leid unter die Eigentümer gebracht haben, versprühen heute mehr Hoffnung als die Deutsche Bank. Deren Aktienkurs verharrt unter 15 Euro, der Wert, der in ihrem Fall allgemein als Grenze zur Scham betrachtet wird. Das tut weh, auch wenn Vorstandschef John Cryan ein ums andere Mal beteuert: „Ich führe die Bank nicht nach dem Aktienkurs.“ Soll heißen: Das haben die Vorgänger viel zu lange getan, es ist dem Konzern nicht gut bekommen. Für die Eigentümer ist das ein schwacher Trost.

          Seit 2007 steil abwärts für den Börsenkurs

          Sogar die Commerzbank, von Deutsch-Bankern zu besseren Zeiten ob ihrer Teilverstaatlichung verlacht, hat in den vergangenen Monaten 50 Prozent zugelegt. Nur die Deutsche Bank steckt in ihrer Misere fest, die Börse bewertet sie nicht mal mehr zur Hälfte des Vermögens, das in der Bilanz steht. Sie rangiert schon lange nicht mehr unter den wichtigsten Banken der Welt: Platz 63, gemessen am Börsenwert, mehr ist nicht drin.

          Gerade einmal jeder fünfte Analyst rät zum Kauf. So einhellig mies ist das Urteil in dieser Gemeinde selten, es handelt sich um ein massives Misstrauensvotum. „Der Markt hat das Vertrauen in die Deutsche Bank verloren“, sagt ein Investor. „Wenn ein Konzern über Jahre heruntergewirtschaftet wird, glaubt ihm irgendwann niemand mehr.“ Fondsmanager Helmut Hipper, der für Union Investment seit mehr als 20 Jahren in Finanzaktien investiert, sagt sogar: „Dieser Vertrauensverlust ist so schnell nicht wieder zu kitten. Da kann man an die Unternehmensspitze stellen, wen man will.“

          Ja, so böse reden sie heute über die ehemals einzige deutsche Bank von Weltrang. Strittig ist unter den Experten nur, wann es mit dem Runterwirtschaften angefangen hat: schon unter Josef Ackermann? Noch früher? Oder mit Anshu Jain? Seit dem Jahr 2007 jedenfalls geht es mit dem Börsenkurs steil abwärts. Erst kam die Finanzkrise, dann wurde es immer schlimmer: Die kriminellen Taten der Investmentbanker haben Milliarden und den Ruf gekostet.

          Allenfalls eine magere Dividende

          Die meisten Altlasten sind abgetragen, sagen sie nun in der Bank und mühen sich, in den Normalzustand zurückzufinden. „Jetzt müssen wir liefern, liefern, liefern“, feuerte der neue Finanzvorstand James von Moltke vorige Woche seine Mannschaft in New York an.

          Der Vorstand hat ja recht: Das Gröbste ist überstanden. Die Lage hat sich beruhigt seit dem vorigen Herbst, als sogar durchdekliniert wurde, ob die Politik mit Rettungsmilliarden anrücken muss, um die Strafen in Amerika zu bezahlen. Diese Zweifel sind ausgeräumt, die Rechtsstreitigkeiten, besonders die heiklen mit der amerikanischen Justiz, weitgehend beigelegt. Das Eigenkapital wurde gestärkt, selbst die Nachranganleihen notieren wieder jenseits von 100 Prozent. Niemand glaubt heute, dass die Deutsche Bank kippen wird.

          Bild: F.A.Z.

          Nur: Es tut sich nichts mit der Aktie. Die Eigentümer leiden weiter, solange die Zweifel bleiben, wie die Bank in Zukunft ihr Geld verdienen will. „Wir haben Zweifel daran, dass die Deutsche Bank auf Sicht der nächsten Jahre eine Eigenkapitalrendite erwirtschaften kann, die den Risiken ihres Geschäftes angemessen ist“, sagt Jochen Schmitt, Analyst des Bankhauses Metzler. Es fehlt, wie man an der Börse gerne sagt, eine überzeugende, die Phantasie anregende Story, die den Aktienkurs steigen lassen könnte. Und da in der Not mehrfach Kapitalerhöhungen nötig waren, ist der schmale Gewinn auch noch auf mehr Aktien, also auf mehr Köpfe, zu verteilen. Das macht es nicht besser. Selbst dem Konzern wohlgestimmte Investoren zögern daher: Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Einstieg? Jetzt zu Tiefstkursen oder dann, wenn die versprochenen Früchte reifen? Bisher hat der Brite Cryan die Bilanz verkürzt, das war zwangsläufig auf Geheiß der Regulatoren. Beteiligungen wurden verkauft, einzelne Länder verlassen. Auch die Boni fließen weniger üppig. Das bringt den Beifall des Volkes, aber nicht der Mitarbeiter. Deren Motivation leidet, erst recht, wenn ein Sparprogramm das nächste jagt. Da wird es irgendwann schwer mit dem frohgemuten Blick nach vorne.

          Wacker spricht John Cryan, der nüchterne Brite, von „Übergangsjahren“. Davon hat die Bank einige hinter sich. Schon Vorgänger Anshu Jain hatte einst von einem „Hungermarsch“ gesprochen, den es zu überstehen gelte, bevor die Zeiten wieder besser werden. Die Aktionäre hungern bis heute. Auch im nächsten Jahr winkt allenfalls eine magere Dividende.

          Wann ruft die EZB endlich die Zinswende aus?

          Erst für die Zeit danach stellt das Management „wettbewerbsfähige Ausschüttungen“ in Aussicht, wohl wissend, dass es noch dauern wird mit dem Aufräumen. Im Investmentbanking hat der Konzern Marktanteile eingebüßt, allein im vierten Quartal des Vorjahres ging dadurch eine Milliarde Euro an Erträgen flöten. Kunden – große wie kleine – haben im hektischen Herbst Geld abgezogen. Es wird dauern, bis es zurückkehrt. Und dann ist da noch die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer Nullzinspolitik – ein Anschlag auf die Profitabilität jeder Bank. Mit Privatkunden ist unter diesem Vorzeichen wenig zu holen. In den Folien, die der Vorstand auf Road-Shows für Investoren auflegt, rechnet er vor, wie der Gewinn schlagartig nach oben springt, sobald die Zinsen auch nur um einen Prozentpunkt steigen: Im ersten Jahr würde die Deutsche Bank dadurch 1,5 Milliarden Euro mehr verdienen, im nächsten schon fast zwei Milliarden Euro. Ein gewaltiger Hebel.

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          Was Cryan leider nicht weiß (und auch sonst niemand): Wann genau ist es so weit? Wann ruft die EZB endlich die Zinswende aus? Im Moment sieht es eher so aus, als ziehe sich die Sache. Die Erwartungen haben sich in Richtung Zukunft verschoben, das schlägt direkt auf den Aktienkurs der Deutschen Bank durch.

          Wo also bleibt das Positive, die frohe Botschaft? Eines zumindest hat sich geändert: Die Börsianer nehmen der Bank die vielfach versprochene Kostendisziplin ab, das ergibt sich aus Umfragen unter Analysten. Die erkennen an, dass die Bank die angekündigte Schließung von Filialen unter Regie von Christian Sewing, dem Vorstand für die Privatkunden, stur abarbeitet: 177 von avisierten 188 Standorten sind bereits geschlossen, 13.000 Mitarbeiter umbesetzt, 2300 Stellen abgebaut. Und das alles mit weniger Restrukturierungsaufwand als zunächst angenommen.

          Hauptversammlung im Mai 2017 : Deutsche Bank will nach vorne blicken

          Die Frage nach den künftigen Gewinnen ist damit freilich nicht beantwortet. „Wir müssen den Markt erst noch von den Erträgen überzeugen“, geben Führungsleute im Konzern zu. Die Postbank, die nach etlichem Hickhack wieder reintegriert wird (ein offensichtliches Beispiel für Managerversagen), etwa soll erst in vier bis fünf Jahren richtig rund laufen. Das ist eine verdammt lange Zeit für die Börse. Und die Vermögensverwaltung, bislang ein stabiler Profitbringer, wird abgespalten und als „Deutsche Asset Management“ an die Börse gebracht, „wahrscheinlich nicht mehr in diesem Jahr“, wie Cryan sagt. Wahrscheinlich im Frühjahr, so wird erwartet, sofern es die Launen des Marktes zulassen. Der Deutsche-Bank-Aktionär hat davon wenig zu erwarten.

          Nur auf mickrige 5,4 Prozent gekommen

          Bleibt noch das Investmentbanking: In den fetten Jahren eine Gewinnmaschine, hat auch dieser Bereich zuletzt kräftig abgebaut. Teils absichtlich, als Lehre aus der wilden Vergangenheit, teils aus Unvermögen. Der Anspruch, gegen die großen Amerikaner, gegen JP Morgan oder Goldman Sachs, anzutreten, ist verwirkt. Das zeigt schon der Blick auf die Börsenkurse: Während die Aktionäre der Deutschen Bank seit 2007 sehr viel Geld verloren haben, hat die JP-Morgan-Aktie 90 Prozent an Wert gewonnen, die Goldman-Aktie wenigstens noch zwölf Prozent. Von der Weltspitze, dem Ziel, das Anshu Jain einst ausgerufen hat, war die Deutsche Bank nie so weit weg.

          Im Anleihehandel spielen die Investmentbanker noch oben mit, aber sonst? Im lukrativen Geschäft mit Übernahmen und Fusionen sind die Deutsch-Banker selbst auf dem heimischen Markt zurückgefallen. Wenn die Konzernchefs in der Industrie hierzulande auch beteuern, dass die Deutsche Bank wichtig sei für die einheimische Volkswirtschaft – für ihre großen Deals kommen sie gut ohne sie aus.

          Manch einer wird sich angesichts all dieser Schwächen an die großspurigen Töne des früheren Bankchefs Ackermann erinnern, der einst eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent vor Steuern als Ziel ausgerufen hatte. Im ersten Halbjahr 2017 kam die Deutsche Bank nur auf mickrige 5,4 Prozent.

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